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Umzug

Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Bewohner wollen das Regensburger Bürgerstift St. Michael nicht verlassen. Sie wehren sich mit einer Online-Petition.
Von Micha Matthes, MZ

  • Seit 2006 gehört St. Michael mit seinem malerischen Innenhof zum Unesco-Welterbe. Jetzt wirft die Stift-Schließung dunkle Schatten voraus.Foto: mt
  • Das Seniorenheim besteht aus mehreren Gebäudeteilen, die direkt miteinander verbunden sind. Foto: mt

Regensburg.„Das Bürgerstift St. Michael ist ein modernes Haus mit Tradition am Rande der Altstadt und doch im Grünen und bietet 100 Bewohnern Raum“, heißt es noch immer auf der Homepage der Regensburg SeniorenStift GmbH. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Bewohner sollen ausziehen. Laut den Angaben der Stadt „entspricht das Gebäudeensemble am Singrün 2a nicht mehr den baulichen Anforderungen an ein modernes Pflegeheim“.

14,8 Millionen Euro müsste die Stadt laut Joachim Wolbergs in die Sanierung stecken. Zu viel, findet der Oberbürgermeister. Daher steht das Ende des Hauses bereits fest. Am Dienstag will der Aufsichtsrat der SeniorenStift GmbH offiziell die Schließung besiegeln. Die Regensburger Stadträte werden den Beschluss zuvor noch am Donnerstag zur Kenntnis nehmen. Einige Bewohner und Angehörige fühlen sich indes von der Schließung überrumpelt. Mit einer Petition holen sie jetzt zum Gegenschlag aus.

Bewohner befürworten Umzug nicht

Die 80 Bewohner und die unbefristeten Mitarbeiter sollen Ende August umziehen. Das Bürgerheim Kumpfmühl steht als neues Domizil zur Verfügung. Heimleiterin Maria Betz wird auch an der neuen Adresse die Leitung übernehmen. Mit der Lösung sei alles bestens, sagte sie nach der Bekanntgabe der Schließung von St. Michael Anfang März. Einen Kontakt zu den Bewohnern wollte sie damals nicht vermitteln.

Die Stadt habe bisher nur drei „Beschwerden“ gegen die Schließung erhalten, heißt es vonseiten der städtischen Pressestelle. Der OB habe die Bewohner frühzeitig informiert. Insgesamt sei die Entscheidung begrüßt worden.

Die betroffenen Senioren scheinen jedoch alles andere als zufrieden mit der „Lösung“ zu sein. Der OB habe zwar vor Ort über die Schließung informiert. Lediglich in einem Aushang sei jedoch auf das Gespräch hingewiesen worden, sagt ein Angehöriger. Nicht alle Betroffenen waren bei der Diskussion anwesend.

Gregory Pfeiffer ist überzeugt, dass es für seine Mutter Rita kein besseres Zuhause als das Bürgerstift St. Michael gibt.Foto: Pfeiffer

Dafür melden sich Bewohner und Angehörige jetzt lautstark mit einer Online-Petition zu Wort. „Wir sind erschüttert darüber, dass der OB Wirtschaftserwägungen über das Wohl alter Menschen stellt“, sagt Kurt Raster von der Initiative „Recht auf Stadt – Regensburg“. Zusammen mit Gregory Pfeiffer, dessen 91-jährige Mutter Rita derzeit noch im Bürgerstift wohnt, hat er auf der Plattform openpetition.de die Stimmensammlung gestartet. „Wir haben mit vielen Angehörigen und Bewohnern über die Schließung gesprochen. Niemand davon befürwortet einen Umzug nach Kumpfmühl – nicht einmal alle Mitarbeiter“, sagt Gregory Pfeiffer.

Oft geht der 47-jährige IT-Berater nach der Arbeit mit seiner an Demenz erkrankten Mutter im Stadtpark oder im Dörnbergpark spazieren. „Wir grüßen dann junge Menschen im Park, sehen Kinder am Neupfarrplatz oder hören in der Weihnachtszeit Bands am Lucretia Markt zu. Das ist ein ganz wichtiger Punkt im Leben meiner Mutter“, sagt Pfeiffer. „Sie lebt in der Gegenwart und ist auf solche sozialen Kontakte sehr angewiesen.“ Durch die zentrale Lage des Bürgerstifts hätten rüstige Senioren die Möglichkeit, sogar selbstständig in die Stadt zu gehen und die Cafés, die Parks und das Leben in Regensburg zu genießen.

Das ursprüngliche Bürgerstift St. Michael wurde im 18. Jahrhundert erbaut. Foto: mt

In Kumpfmühl bestünde diese Möglichkeit nicht mehr, sagt Pfeiffer. „Der ,Saure Gockel‘ ist okay. Aber das Heim ist sehr funktionell und steril.“ Es gäbe sicher auch Menschen, die das wertschätzen. „Man kann die beiden Heime aber überhaupt nicht miteinander vergleichen.“ In Kumpfmühl fahren viele Autos. Zwar gäbe es auch einen Park. Dieser sei jedoch nicht gut besucht. „Viele soziale Kontakte nach draußen gibt es dort nicht.“

Einmalige Vorteile in St. Michael

Bei dem Haus selbst handle es sich um einen Neubau mit normaler Raumhöhe. „Alle Zimmer sind gleich.“ Sie verfügen über ein eigenes Bad, einen Schrank, ein Bett und einen Tisch mit zwei Stühlen. Für eine individuelle Möblierung bleibt wenig Raum. „Die Zimmer sind klein. Ich kann mir nicht vorstellen, wie meine Mutter darin mit dem Rollstuhl zurechtkommen soll“, sagt Pfeiffer.

Weniger städtische Heimplätze

  • Rund die Hälfte

    der 280 städtischen Heimplätze fällt durch die Zusammenlegung mit dem Bürgerheim Kumpfmühl laut der Petition weg.

  • Die Versorgungssituation

    an stationären Plätzen sei in Regensburg aber aktuell sehr gut, heißt es in der Beschlussvorlage der Stadt zum Bürgerstift St. Michael.

  • Regensburg verfügt

    demnach über 1969 stationäre Plätze in 23 zugelassenen stationären Pflegeeinrichtungen.

  • Tatsächlich belegt

    waren davon im Dezember 1724 Plätze, was einer Auslastung von 87,56 Prozent entspricht.

Ende der 1980er-Jahre erfolgte ein Erweiterungsbau an der Westseite. In den 1990er-Jahren wurde der Haupteingang durch einen Glasanbau neu gestaltet. Foto: mt

Im Gegensatz dazu sei der Altbau am Singrün ein großzügig geschnittenes Haus mit hohen Decken und lichtdurchfluteten Aufenthaltsräumen. Die hauseigene Kapelle sei den Bewohnern wichtig, genauso wie der Garten mit Obstbäumen und der malerische Innenhof. „Es ist ein kleines Paradies im Herzen der Stadt. In dieser Lage wird es sicher nie wieder eine städtische Pflege-Einrichtung geben.“

Wenn die Petition eingereicht wird, werde Wolbergs sie im Ältestenrat – und wenn nötig im Stadtrat – behandeln, heißt es vonseiten der Stadt. Außerdem soll es noch eine weitere Informationsveranstaltung geben.

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  • RW
    Rudolf Weinbeck
    30.04.2015 07:42

    Michelstift, Ganghofersiedlung und und und... die Betroffenen können zwar die Stimme erheben - ändern können sie nichts! Überall nur noch "Wirtschaftlichkeit", "Modernisierung" und Zweckmäßigkeit.... da hilft keine Petition... das ist alles beschlossene Sache.... (längst bevor die Betroffenen auch nur ein Wörtchen davon erfahren). Gefragt wird niemals einer, den es wirklich betrifft! Berni

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