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Dienstag, 27. Juni 2017 34° 8

Einzelhandel

Die Vielfalt bei Öffnungszeiten bleibt

Was die einen als Standortnachteil für die Regensburger Altstadt sehen, ist für andere Notwendigkeit: flexible Zeiten.
Von Susanne Wiedamann, MZ

In den Straßen und Gassen der Altstadt öffnen die kleinen Ladengeschäfte sehr unterschiedlich. Archivfoto: xby

Regensburg.Wer zweimal vor einem geschlossenen Laden steht, weil das Geschäft ungewöhnliche Öffnungszeiten hat, geht ein drittes Mal nicht mehr hin, heißt eine alte Einzelhändlerweisheit. In den Straßen und Gassen des Zentrums müssen die Kunden über die Gepflogenheiten ihrer Lieblingsgeschäfte schon gut Bescheid wissen: Denn hier ist Vielfalt angesagt. Die Läden öffnen werktags am Morgen um 9, 9.30, 10 oder gar erst um 11 Uhr und schließen auch wie es gefällt: viele um 18 Uhr, einige früher und wenige halten es wie die Großen und machen erst um 20 Uhr den Laden dicht. Der Samstag ist ohnehin irgendwie Freihandelszone.

„Gemeinsame Öffnungszeiten sind illusorisch.“

Leo Kosters, Inhaber der Regensburger Tändlerei

Für die Kunden ist die Vielfalt eher ärgerlich. Und auch einige Geschäftsleute in der Altstadt halten die unterschiedlichen Öffnungszeiten zumindest für problematisch. „Ich bin einmal um halb zehn durch eine menschenleere Altstadt gegangen und kurz darauf durch volle Arcaden“, bemängelt ein Cafébesitzer aus der Altstadt. Für ihn ist klar: Die unangepassten Öffnungszeiten sind ein Standortnachteil für die City, den Einkaufszentren zu nutzen wissen. Dort findet der Kunde in der Regel von 9.30 bis 20 Uhr offene Türen.

Kostenpunkt Personal

Ingo Saar ist Geschäftsführer von Faszination Altstadt. Archivfoto: mjr

Einheitliche Öffnungszeiten – „seit ich mich im Verband engagiere, ist das Thema Nummer Eis“, sagt Ingo Saar, Geschäftsführer des Vereins Faszination Altstadt. „Die Situation ist nicht optimal, also weisen wir bei Versammlungen immer wieder darauf hin.“ Die Faszination Altstadt versucht, ihre Mitglieder von den Vorteilen ausgeweiteter Öffnungszeiten zu überzeugen. „Das ist uns, was den Samstagnachmittag betrifft, auch schon gut gelungen.“ Doch Saar kennt auch die Probleme der Händler: „Gerade kleine und inhabergeführte Geschäfte können nicht 60 Stunden oder mehr im Laden stehen und es sich oft auch nicht leisten, das Personal dafür vorzuhalten.“ Dazu kommt das unterschiedliche Kundenverhalten in den verschiedenen Branchen. „Ein Unternehmer hat mir gesagt, in der Herrenbekleidung sei es absolut notwendig, abends geöffnet zu haben. Denn die Herren kommen nach Büroschluss. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, zu experimentieren.“

Die meisten Geschäftsleute sind selbst für Kernöffnungszeiten. 10 bis 18 Uhr ist nach Ansicht von vielen das Minimum. Foto: Wiedamann

Die Händler sollen selbst herausfinden, welche Zeiten außerhalb gewisser Kernöffnungszeiten sich für sie lohnen. Vereinheitlichte Öffnungszeiten zu verordnen, scheitert nicht nur an einem Regulativ. „Unsere Mitglieder sind freie Unternehmer und unterliegen wirtschaftlichen Zwängen. Also hat unsere Einflussnahme Grenzen.“

„Kernöffnungszeiten haben wir ja eigentlich alle“, sagt Buchhändler Heinrich Altenbuchner. „Ich sperre immer um 9 Uhr auf, obwohl die Stunde von neun bis zehn Uhr umsonst ist, weil noch kein Kunde kommt. Aber ich kann in dieser Zeit ja etwas anderes machen. Und ich sperre um 18 Uhr zu. Länger offen zu haben, bis 19 Uhr, ist für mich nur im August rentabel.“ Altenbuchner beobachtet das Einkaufsverhalten in der Altstadt seit 30 Jahren. „Früher kamen die Leute aus dem Umland, um vormittags zu ihrem Arzt zu gehen oder aufs Amt, und dann haben sie sich noch in den Läden umgesehen. Doch die Ärzte sind in Ärztezentren gezogen und die Ämter befinden sich überwiegend auch nicht mehr in der Altstadt. Also kommen weniger Leute.“

Ausrichtung auf Touristen

Auch die Verkehrsführung sei ein Faktor, der den Einzelhändlern im Zentrum immer wieder geschadet habe. Wenn außer den Touristen wieder mehr Regensburger und Landkreisbürger in die Altstadt kämen, würden sich ausgeweitete Öffnungszeiten besser lohnen, meint Altenbuchner.

Leo Kosters, MitiInhaber der Regensburger Tändlerei, richtet sich nach den Touristen. Archivfoto: Kober

„Es wird kaum möglich sein, hier eine einheitliche Struktur reinzubringen“, meint auch Leo Kosters, Inhaber der Regensburger Tändlerei. „ Wie soll sich ein kleiner Laden das leisten können? Wir öffnen um 10.30 Uhr, weil wir wissen, dass unsere Kunden nicht früher unterwegs sind. Wir haben eine etwas andere Kundschaft: 20 Prozent sind Regensburger, 80 Prozent Touristen, die sind länger unterwegs. Vor halb elf, das wäre bei uns vergeudete Zeit, und nach 18 Uhr genauso.“ Das sei sehr branchenspezifisch. Der Kaufhof, der Grundversorgung biete, müsse natürlich früher öffnen. Die Interessen der Händler gingen da sehr weit auseinander.

„Gemeinsame Öffnungszeiten sind illusorisch. Ohne Touristen könnten die wenigsten der kleinen, inhabergeführten Geschäfte in der Altstadt überleben. Deshalb richten wir unsere Öffnungszeiten auch nach ihnen.“

Die Öffnungszeiten können sehr stark variieren. Foto: Wiedamann

Das Einhalten einer Kernöffnungszeit zwischen 10 und 18 Uhr finden die meisten der befragten Einzelhändler wichtig. Ein Süßwarenhändler wünscht sich darüber hinaus mehr flexible Möglichkeiten. „Ich mache an einem Sonntag dreimal so viel Geschäft wie an einem Montag.“ Dass er seinen Laden gerade in den ruhigen Monaten Januar bis März sonntags geschlossen lassen muss, schmerzt ihn. „Die Touristen sind dankbar, wenn auch am Sonntag etwas offen hat.“

Einheitliche Öffnungszeiten seitens der Stadt vorzuschreiben sei weder möglich noch zielführend, sagt Alfred Helbrich vom Amt für Wirtschaftsförderung. „Der Handel hat sich an die Lebensgewohnheiten der Menschen anzupassen, und das tut er auch.“ Die Stadt gebe den Händlern Handreichungen durch statistische Erhebungen. Eine Erkenntnis sei zum Beispiel, dass die Kundenfrequenz samstags zwischen 18 und 19 Uhr höher sei als unter der gesamten restlichen Woche. „Da befinden sich rund 25 000 Menschen in der Altstadt. Der absolute Spitzenwert liegt unter der Woche bei 23 000.“

Das sagen Regensburger zu den Öffnungszeiten

Für kleine Geschäfte sei es extrem schwierig, ihre Öffnungszeiten weiter auszubauen. Helbrich kennt den Fall einer Einzelhändlerin, die aus einem Einkaufszentrum zurück in die Altstadt will, „weil sie dort an bestimmte Öffnungszeiten gebunden ist. Man verbrennt ja Geld, wenn man Personal in den Laden stellt, und dann kommt keiner.“ Die Stadt schreibt nichts vor, aber wirbt vehement für gemeinsame Kernöffnungszeiten. „Da haben wir auch einen klaren Auftrag vom Stadtrat“, sagt Helbrich. Wie diese Kernöffnungszeiten aussehen sollen, das sollten die Einzelhändler selbst ausdiskutieren.

Augsburg sieht keinen Standortnachteil

Auch in anderen bayerischen Städten, wie Landshut, gibt es keine verordneten Öffnungszeiten, aber immer wieder Gespräche zur Vereinheitlichung. Foto: dpa

Andere Städte halten es wie Regensburg. Ob in Augsburg, Passau, Rosenheim oder Landshut: nirgendwo gibt es eine Art Verordnung, nur Appelle, Kernöffnungszeiten zu berücksichtigen. „Möglichst einheitliche Öffnungszeiten sind in der Tat ein wichtiger Bestandteil für eine attraktive Einkaufsinnenstadt. . Grundsätzlich kann eine Vereinheitlichung der Öffnungszeiten aber nicht zentral verordnet werden“, sagte Augsburgs zweite Bürgermeisterin Eva Weber. „Einen Standortnachteil des Innenstadthandels gegenüber Einkaufszentren sehe ich in unserer Innenstadt eher weniger als konkretes Problem, da bereits viele Einzelhändler ihre Öffnungszeiten in den vergangen Jahren ausgeweitet haben.“

„9.30 Uhr ist eine normale Öffnungszeit. Und um 18 Uhr oder um halb sieben sollte Schluss sein, damit jeder noch etwas von seiner Familie hat“, sagt die Inhaberin eines Regensburger Bekleidungsgeschäfts. Früher hätte es den langen Donnerstag gegeben, das sei doch eine gute Einrichtung gewesen. Jeden Tag bis 20 Uhr geöffnet – das habe Nachteile, die sich ihrer Ansicht nach gerade im familiären und gesellschaftlichen Leben zeigen. „Alle jammern zum Beispiel, dass es kaum mehr Bälle gibt, aber wer mag denn, wenn er bis 20 Uhr arbeiten muss, dann noch ausgehen?“

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