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„Die Watschen bekamen immer die andern“

Konrad Hayder jun. wurde 1952 in die Arbersiedlung geboren, um zu bleiben, als Enkel des Gründers und „Bua vom Vorstand“.
Von Helmut Wanner, MZ

Konrad Hayder jun. hält das Ölgemälde seines Opas Hans Hayder (1884 bis 1958). Er trat als Vorstand in die Fußstapfen des Regensburger Genossenschafts-Pioniers. Foto: Wanner

Regensburg.Konrad Hayder jun. ist ein Sonntagskind. Am Sonntag, dem 13. Januar 1952, mittags um Viertel nach 12 Uhr, kam er auf die Welt in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in der Alten Waldmünchner Straße, erster Stock. Hayder hat die Arbersiedlung nie verlassen. Er trägt Verantwortung.

Der Himmel über der Arbersiedlung ist blau wie von Robert Pfautsch gemalt, dem Rubens der Rachelstraße. Drei Hayder-Generationen leben in der Siedlung, die Gründer Hans Hayder (1884 bis 1958) gebaut hat. „Die Mutter meiner verstorbenen Frau kann mir in die Suppenschüssel schauen“, sagt Konrad Hayder jun.. Die Geschäftsführerin der Genossenschaft, Rosalinde Hocke, ist seine Schwägerin. Ihr Büro ist gleich überm Hof. Der Vater, Konrad Hayder sen., 90, wohnt vis-à-vis.

Großvater war eine Respektsperson

Drei Hayder-Generationen (v. links): Konrad sen., Konrad jun. und Florian; Foto: Hayder

Konrad junior ist der amtierende Vorstand. 1989 ist er in die Wohnung gezogen, in der der 1958 verstorbene Gründer lebte. „Im Gartenhäusl hat der Opa Hühner gehalten“, sagt Hayder jun. Der Pionier des sozialen Wohnungsbaus, den die Machthaber des Dritten Reiches absetzten und in Dachau versteckten, hat bescheiden gelebt. Er starb, als Konrad Hayder sechs war. Was er von ihm weiß, erzählen ihm die alten Mieter: Eine Respektsperson, ein Mann, der die Kinder mit Guatteln verwöhnte.

Der jüngste Hayder heißt Florian. Der 29-jährige Ur-Enkel des Gründers hat mit der jetzigen Frau seines Vaters Wohnungstausch gemacht. Er zog in die Wohnung von Lieselotte. Die war 35 Jahre Verkäuferin beim Rothdauscher. Florian ist nun der einzige Regensburger, der sagen kann, er wohnt in seiner eigenen Straße. Nur fällt das selten auf, wenn er seine Personalien angibt: Florian Hayder, Hayderstraße. „Halt, der Zahnarzt hat ihn kürzlich angesprochen. Und sein Chef“, sagt sein Vater. Florian Hayder arbeitet bei der MR. Die Welt-Firma produziert hinterm Zaun der Arbersiedlung.

„Wir waren alle gleich“: Jugendjahre in der Arbersiedlung Foto: Hayder

Die Hayders sind eine Genossenschafts-Dynastie: Hans Hayder (von der Gründung 1919 bis 1958), Konrad Hayder (1982 bis 2009) und Konrad Hayder junior (2009 bis heute): Neider könnten sagen, er habe es schön, er sitze an der Quelle. Aber die sollten einmal ein Wochenende Hayders Mobiltelefon in der Tasche tragen. „Wenn was ist, rufen‘s bei mir an.“

Konrad Hayder ist vom Fach. Er arbeitete bei der Stadt, Hochbauamt. „Ich war für den Bauunterhalt von Schulen, Kindergärten, Friedhöfen und im Krematorium zuständig.“ Jetzt ist er in der Rente und zeichnet für den Bauunterhalt der 599 Wohnungen der Arbersiedlung verantwortlich. „Miete, Reparaturen zahl’ ich wie die anderen auch. Jede Rechnung heb ich mir auf.“

Ja, in der Jugend hatte er Vorteile: „Die anderen haben immer die Watschen gekriegt.“ Denn er war „da Bua vom Vorstand“. Man schaute auf ihn. Die Feinde waren außerhalb. Man fürchtete sich vor den Sandberglern und vor denen aus der Regenstraße. „Und wenn jemand etwas ausgefressen hatte, dann waren immer die Hubers, die Hallers und die Schierlings schuld.“ Die Welt war einfach.

Sein Geburtshaus in der Waldmünchner Straße steht nicht mehr. Der stadtbekannte Reitmeier Simmerl war der Hauptmieter dort und wohnte Parterre. Im Häuschen gegenüber arbeitete der Schneider Meier, der immer am Fenster saß wegen des Lichts. Der Simmerl war stadtbekannt. Er gab Musikunterricht und spielte auch bei Festen und Hochzeiten mit seiner Geige auf. Die Arbersiedlung empfinden alle Kinder, die hier groß wurden, in der Rückschau als Paradies. „Es gibt sogar etliche, die im Alter wieder zurückziehen“, sagt Hayder. In den großen Innenhöfen konnten die Kinder scharenweise Räuber und Schandi spielen.

Die waren alle gleich, schon vom Anziehen her, meint Hayder. Die Buben trugen Lederhosen. Heute gibt es dort zwei Kinder, wo früher mindestens 40 waren. In der Erinnerung lebt die Arbersiedlung der 50er- und 60er- Jahre immer noch. Der Hof mit dem riesengroßen Sandkasten war voll Geschrei und Leben. Da wurden Steinchen in buntes Papier gewickelt und verkauft. Da flogen die Fußbälle – aber auch mal in eine Scheibe.

Federball war das moderne Spiel damals. Die Frauen saßen auf den Bänken im Innenhof, haben gestickt, gestrickt oder pflückten die Blüten der großen Lindenblütenbäume – als Vorrat für den Wintertee. Die Blüten wurden dann auf dem Speicher auf Zeitungspapier getrocknet. Dafür mussten Schussersäckchen aus Leinen frei gemacht werden, für die Aufbewahrung. Bei schlechtem Wetter spielten die Kinder auf dem Speicher Karten oder „Mensch Ärgere Dich nicht“.

Samstag Badetag im Waschhaus

Manchmal – so z.B. in den Ferien – konnte man vom Speicherfenster aus auf dem naheliegenden Friedhof eine Beerdigung mitverfolgen – die Musik voran. Reihenweise waren da auch im kleinen Hinterhof noch die Waschhäuser – die blütenweiße Wäsche der um die Ecke wohnenden Hebamme Grießhammer, fein säuberlich, lauter gleiche Stücke nebeneinander aufgehängt – sind bei den Alten noch in guter Erinnerung. Freitags wurden die Waschhäuser zum Badezimmer. Heißes Wasser vom Waschkessel in die Zinkbadewanne, das wars dann. Aus den kleinen Vorgärten haben die Kinder Gurken, Gelbe Rüben und Rabarber geklaut. Und vom Baum wurden die Birnen und Nüsse gestohlen. „Man hätte sie auch so gekriegt“, sagt Hayder. Aber Kirschen in Nachbars Garten schmecken besser. Die Tochter vom Metzger Diepl trug weiße Strümpfe und die Fa. Baumgartner verkaufte die neuesten Radios.

Lesen Sie hier mehr aus unserer Serie „Die Arbersiedlung – eine Insel in der Stadt“.

Die Arbersiedlung war eine Familie

Damals hörte man auch bisweilen klassische Musik aus dem Fenster von dem Herrn, der am Theater beschäftigt war. Parterre wohnte ein taubstummes Ehepaar, die Frau arbeitete als Weißnäherin. In der nächsten Haustüre hatte dann der Hausarzt Dr. Kohl seine Praxis – Eingang Sonnenstraße.

Im Konsum wurde vor Weihnachten das Rabattheftchen umgetauscht und die Mutter holte die Zutaten für die Weihnachtsbäckerei ein. Der Handwagen vom Maler Wichert wurde am Feierabend in die Werkstatt geschoben.

Kirtabaum- und Maibaum-Aufstellen hat der alte Hayder eingeführt. Vor der Arberhütte, wo jetzt gerade der neue Wirt einzieht, spielte die Musik und anschließend wurde im Gasthaus groß gefeiert. Das Bier gab’s vom Röhrlbräu, manche sehen ihn heute noch sitzen.

Die Arbersiedlung war einfach eine große Familie. Davon ist viel geblieben. Wenn Konrad Hayder jun. durch die Siedlung geht, sieht er die Mieter in den Innenhöfen zusammensitzen – bedingt auch durch die Wohnungen ohne Balkon. Selbst die Fronleichnamsprozession gibt es noch. Sie betet sich jedes 2. Jahr durch die Siedlung.

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