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Freitag, 20. Oktober 2017 19° 1

Vortrag

„Hass entsteht durch Anleitung zum Hass“

Der KZ-Überlebende Max Mannheimer sprach über „Das Böse im Menschen“. Trotz aller Grauen fällt sein Urteil differenziert aus.
Von Angelika Lukesch, MZ

Max Mannheimer (95) überlebte vier Konzentrationslager. Foto: Lukesch

Regensburg.Regensburg. Der Hörsaal H24 im Vielberth-Gebäude am Leoprechtinger Weg war mit jungen Menschen, Studenten an der Universität und der Fachhochschule Regensburg, bis auf den letzten Sitzplatz am Boden und den letzten Stehplatz an der geöffneten Türe besetzt, als Max Mannheimer (95) über seine Erlebnisse mit dem Nationalsozialismus und in Konzentrationslagern erzählte. „Das Böse im Menschen“ lautete der Titel der „Was ist wirklich“-Ringvorlesung, die „Expertengespräche aus dem Spannungsfeld von Naturwissenschaft, Kultur und Religion“ in den Mittelpunkt stellt. Derjenige, der bei diesem schwierigen Thema über das Böse im Menschen quasi aus eigener Erfahrung berichten sollte, war Max Mannheimer, dessen Erlebnisse während des Holocausts an das Böse im Menschen glauben lassen müssen. Trotzdem sah er die Frage nach dem Bösen im Menschen sehr differenziert.

Von einer Minderheit verführt

Ob er die Deutschen hasse, wurde Mannheimer von den Moderatoren Barbara Wittmann (Vergleichende Kulturwissenschaften) und Hermann-Josef Eckl (Katholische Hochschulgemeinde) gefragt. „Hass, nein, aber Bedauern darüber, dass ein Volk, das der Welt so viel gebracht hat, durch eine Minderheit so verführt wurde“, antwortete Mannheimer. Nachdem er nach Kriegsende zusammen mit seinem Bruder Edgar Mannheimer vollkommen abgemagert durch die Amerikaner befreit worden sei, habe er sich vorgenommen, nie wieder deutschen Boden zu betreten.

Er kehrte in seinen Heimatort Neutitschein (Tschechien) zurück. Die Liebe jedoch sei eine sehr stark Macht, lächelte Mannheimer, und er habe sich in eine deutsche Widerstandskämpferin, Elfriede Eisfeld, verliebt. Sie heirateten und lebten in München.

Als Max Mannheimer seine Geschichte erzählt, beginnend 1920, als er in Neutitschein als ältestes von fünf Kindern geboren worden ist, wird es im Hörsaal so still, dass man eine Nadel hätte fallen hören können. 1938 seien die ersten Auswirkungen des NS-Regimes spürbar gewesen, sagte Mannheimer. Vorher sei das Leben einen normalen Weg gegangen. Jüdische, tschechische und deutsche Kinder hätten einträchtig miteinander gespielt. „Nicht die Kinder erzeugen Hass, sondern die Eltern der Kinder. Hass entsteht durch Anleitung zum Hass“, sagte Mannheimer.

Auch diejenigen, die der NSDAP beigetreten seien, hätten keinen Hass gegen die Juden empfunden. Es sei die Propaganda gewesen und der Prozess der Verführung, der gegriffen habe. 1939 wurde Neutitschein an das Deutsche Reich angegliedert und die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung begann. Sein Vater wurde während der Novemberpogrome 1938 verhaftet und im Dezember 1938 freigelassen mit der Auflage, binnen acht Tagen den vom Deutschen Reich besetzten Teil des Landes zu verlassen. Er floh nach Ungarisch Brod, dem Geburtsort der Mutter. 1939 folgte die Familie.

1942 wurde sein Bruder Erich von der Gestapo verhaftet, 1943 folgte die Deportation der gesamten Familie in das Ghetto Theresienstadt und kurz darauf nach Auschwitz-Birkenau. Nur Max und Edgar Mannheimer überlebten den Aufenthalt in diesem Konzentrationslager.

Studenten zutiefst betroffen

Von dort ging es weiter in das KZ Warschau, dann ins KZ Dachau, schließlich ins Außenkommando Mühldorf. Mannheimer berichtete den zutiefst betroffenen Studenten von der Grausamkeit und Unmenschlichkeit, die in den Konzentrationslagern geherrscht hätten. Dennoch sagte er: „Mich hat nie ein SS-Mann geschlagen, nur die sogenannten Funktionshäftlinge… Ein Schock war für mich, dass ein Jude dem anderen die Schuhe gestohlen hat. Ich konnte dieses Inferno nicht erfassen“.

Die Biografie

  • Konzentrationslager überlebt: Max Mannheimer wurde am 6. Februar 1920 in Neutitschein (Nordmähren, damals Tschechoslowakei) geboren. Er ist ein jüdischer Überlebender des Holocaust und überlebte die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Warschau und Dachau.

  • Mord und Befreiung:

    Seine Eltern, seine Frau und drei Geschwister wurden im Konzentrationslager ermordet. Mannheimer und sein Bruder Edgar überlebten den Evakuierungstransport am 28. April 1945 aus Mühldorf, einem Außenlager von Dachau. Am 30. April 1945 wurde er befreit.

  • Zeitzeuge:

    Die Erlebnisse hat der Zeitzeuge festgehalten. Max Mannheimer hat zwei Bücher geschrieben: „Spätes Tagebuch: Theresienstadt-Auschwitz-Warschau-Dachau“ und zusammen mit Marie Luise von der Leyen „Max Mannheimer: Drei Leben“

  • Funktionshäftling:

    Ein Funktionshäftling war ein Gefangener im Konzentrationslager-System, der zur NS-Zeit von den SS-Bewachern als Aufseher im Arbeitseinsatz oder zu anderen Kontroll-, Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben gegenüber Mitgefangenen eingesetzt wurde. (lla)

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