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Wirtschaft

Händler-Idee: Eintritt fürs Schauen

Viele, die in die Geschäfte in der Regensburger Altstadt kommen, kaufen dort nichts. Ist eine Gebühr die Lösung?
Von Julia Ried, MZ

  • Geschäftsleute beklagen: Touristengruppen haben oft wenig Zeit zum Einkaufen. Foto: Regensburg Tourismus GmbH
  • Den Trend zum Kauf im Internet bekommt sie hautnah mit: Beate Joas vom Lichtstudio Barth bei der Entgegennahme eines Päckchens für Nachbarn. Foto: Ried

Regensburg.Diese Aussage sorgt unter Einzelhändlern derzeit für Gesprächsstoff: Im weltbekannten Freilichtmuseum Regensburg könne man als eingesessener Einzelhändler nur noch Geld verdienen, wenn man zwei Euro Eintritt verlangt – dies erzählten Rupert und Uschi Weichmann vom Kunsthof in der Gesandtenstraße kürzlich dem MZ-Reporter, der sie zum Ende ihres Traditionsgeschäftes befragte. Viele Händler erleben ähnliches. Konkrete Eintrittspläne hegt derzeit keiner aus der Branche, mit dem unsere Zeitung sprach. Eine Servicegebühr aber hält sogar der Vertreter der Altstadtkaufleute in manchen Branchen durchaus für machbar.

Uschi Weichmann hat sich bei ihrer Aussage von Hamburg inspirieren lassen, sagt sie. Ein Geschäft auf der Reeperbahn verlange von den Touristen, die oft nur schauen wollen und nichts kaufen, am Eingang Geld.

Über das Freilichtmuseum-Zitat sagt Uschi Weichmanns Nachbarin Beate Joas „das war ein schöner Satz“ und setzt noch einen drauf: „Die Stadt besteht aus Seh-Leuten und nicht aus Kauf-Leuten.“ Von Passanten höre sie: „Wann dekorieren Sie wieder um, ich schau so gerne bei Ihnen ins Schaufenster rein.“ „Und dann kaufen sie eine Glühbirne für 1,10 Euro.“

Händlerin: „Ruppiger Tonfall“

„Ich habe die Erfahrung gemacht, der Kunde schätzt das Wissen und den Service, bestellt aber im Internet.“ Andere zeigten auf dem Handy Ebay-Ware und forderten die Händlerin auf: „Bestellen Sie mir so etwas mal.“ Die 49-Jährige klagt: „Der Tonfall hat sich sehr ins Ruppige gewandelt.“ Vielen Kunden sei nicht bewusst, dass sie die Lampe von Oma Erna nicht ordern kann und bei Gratis-Beratung die Geschäftsfrau draufzahlt.

Sie habe deshalb auch schlaflose Nächte. „Ich muss von meinem Geschäft leben. Das ist in der heutigen Zeit manchmal extrem schwierig.“ Doch auch wenn Beate Joas dem Satz „man müsste Eintritt verlangen“ beipflichtet, für eine praktikable Lösung hält sie es nicht. „Das ist mein Job“, sagt sie über ihren Service im Laden.

In der Schuh-Bar Unter den Schwibbögen findet Mitarbeiter Gregor Himmler durchaus Gefallen an dem Gedanken, Eintritt zu nehmen. Sie haben hier reichlich Erfahrungen mit Schiffstouristen, die im Pulk von der Wurstkuchl kommend in den Laden strömen. „It smells so good“, „es riecht so gut“, höre er oft von Amerikanern in dem Geschäft, das auch Werkstatt für Täschner- und Schusterarbeiten ist. „Wir wirken manchmal wie Schaufensterpuppen.“ Das Problem: „Die Leute, die kommen, lassen kein Geld da. Und die Leute, die etwas kaufen wollen, hält das eher fern.“ Der 29-Jährige las kürzlich mit Interesse in einem Magazin von Händlern, die „Beratungsgebühren“ kassieren – eine gute Idee, findet er.

Im Hutkönig am Dom dagegen freuen sich die Verkäuferinnen auf März, wenn die ersten Schiffe der Saison anlegen. „Wir sind froh, wenn die Touristen kommen“, bestätigt Robert Nuslan, 59, kaufmännischer Kopf der Firma. Eintritt brauche er von ihnen nicht verlangen, in der Saison verschicke er viele Hüte in die Welt – ihre Prospekte haben er und sein Bruder Andreas auch auf Russisch und Chinesisch drucken lassen.

Handelsverband gegen Gebühr

Vom Handelsverband heißt es zum Thema Beratungsgebühr: „Wir empfehlen es grundsätzlich nicht. Wir sehen die Nachteile mehr als die Vorteile“, sagt Bezirksgeschäftsführer Josef Kellermann. Eine solche Maßnahme könne Käufer abschrecken. „Der Anteil des Einzelhandels in der Altstadt an der Gesamtverkaufsverfläche ist natürlich seit Jahren rückläufig“, sagt er zur Lage im Stadtkern, er habe sich aber jüngst ebenso stabilisiert wie der Umsatz. Im Vergleich mit anderen Städten stehe das Geschäftsleben in der Regensburger Innenstadt aber gut da – ein Museum sei sie nicht.

Ingo Saar, Geschäftsführer des Kaufleutevereins „Faszination Altstadt“, teilt diese Einschätzung. „Einkaufserlebnis“ lautet für ihn das Schlüsselwort, Eintritt zu verlangen sei „kein Lösungsmodell“. „Wir leben ja gerade davon, dass wir die Menschen einladen.“ Servicepauschalen von Kunden zu verlangen, die intensive Beratung in Anspruch nehmen, könnten aber durchaus funktionieren, meint er. Langfristig könnten auch Kampagnen für Einkauf in der Region Wirkung gegen die Unart des „Beratungsklaus“ zeigen. „Ich glaube, wenn man den Menschen ein bisschen vor Augen führt, dass sie so dem Gemeinwohl schaden, machen sie sich schon Gedanken.“ Schließlich ließen große Onlinehändler, die den Regensburgern viele Päckchen bringen, kaum Steuergeld in Deutschland.

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Kommentar

Mehr Experimente, bitte

Der Leitsatz der Einzelhändler lautet: „Der Kunde ist König.“ Für viele gilt er sogar dann, wenn der Kunde sich unverschämt verhält: Etwa sich stundenlang...

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