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Immobilien

„Hotel Adler“: Wohnen auf eigenes Risiko

46 Bulgaren sind in der Grasgasse 6 gemeldet. Die Arbeitsmigranten brauchen die Unterkunft und zahlen einen hohen Preis.
Von Helmut Wanner, MZ

Überm Fenster blüht der Schimmel, geheizt wird mit Gasflasche: Die Adresse Grasgasse 6 wird auch „das Horrorhaus“ genannt. Foto: Wanner

Regensburg.Die Altstadt Regensburgs ist Weltkulturerbe. 420 000 Übernachtungen wurden 2015 gezählt. Es gibt Gäste, die in keiner Tourismus-Statistik auftauchen.

„Meine Mieter sind mein Hobby“,

Erhard Adler

Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt von Schloss, Dom und Römermauer liegt das „Hotel“ der heimlichen Arbeitsmigranten aus Südosteuropa. Es ist eine der bekannten Adler-Immobilien. Lindnergasse 1 und 3 rotten seit 1994 vor sich hin. Seit Jahren ist auch die Adresse Grasgasse 6 amtsbekannt. Es geschieht nichts. Seit der Aufhebung des Wohnungsaufsichtsgesetzes im Jahr 2005 sind der Kommune die Hände gebunden, teilt die Stadt mit. Aber jetzt scheint Bewegung in die Sache zu kommen.

Hinter dieser giftgrünen Fassade wohnt ein halbes Hundert Arbeitsmigranten aus Südosteuropa. Foto: Wanner

Das Haus Grasgasse 6 hat eine giftgrüne Fassade. Schuhe und Plastiktüten liegen auf den Fensterbrettern. Das Parterre ist an ein Spielcasino und eine Shisha Bar vermietet. In den beiden Stockwerken drüber liegt das Horror-Hotel des Bäckermeisters Erhard Adler. Der 68-Jährige ist mit der ganzen Welt im Clinch. Er trägt seine Justiz- und Leidensbilanz wie eine Standarte voran: 94 Prozesse, 16 Geschäfte geschlossen, angefangen beim Christkindlmarkt bis hin zur Königlich-bayerischen Dampfeisenbahngesellschaft. Adler geht seit über 20 Jahren in der Existenz eines Michael Kohlhaas auf. Dessen Motto lautete bei Kleist: „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde.“

Es ist Feuer unterm Dach

Was Recht ist, bestimmt Adler. Am Eingang hat er die Hausordnung an die Wand gesprüht. „Betreten Wohnen eigenes Risiko, keine Haftung.“ Ein Bulgare steht zufällig am Sammelbriefkasten und schaut nach Post. Er bittet nach oben. Man merkt sofort: Hier ist Feuer unterm Dach. Und der Mann will zeigen, wo‘s brennt.

Auch im dunklen Treppenhaus hat Adler seine Botschaften an die Mieter quer über die Wand gesprüht. „Neuer Vertrag. Neu bezahlen.“ Im ersten Stock steht eine Frau an einer Art Gemeinschafts-Spülbecken in einem unmöblierten türlosen Raum und „macht die Küche“.

Die meisten der Bewohner sind in der Arbeit. Tee-Wasser kocht auf kleinen Gasbrennern. Ein paar Leute drängen sich auf dem Flur. Auch ein Dolmetscher ist da. Der öffnet ungefragt jede Tür. Aus jeder schlägt einem blankes Elend entgegen, das man in Regensburgs Mauern nicht vermutet hätte. Orthodoxe Kreuze und Marien-Ikonen an den Wänden zeigen, es ist das Elend von Christenmenschen, das uns anblickt.

„Meine Mieter sind mein Hobby“

Auch wer schon Härte gewohnt ist, hält instinktiv die Luft an und die Atmung flach. Es blüht der Schimmel. Allergiker, Asthmatiker und Personen mit einem geschwächten Immunsystem werden hier unweigerlich krank. Auf den Gängen, im Hinterhof türmen sich Berge von Abfall in Tüten. Das Etagenklo spottet jeder Beschreibung.

Alles eigenes Risiko: Im „Hotel Adler“ übernimmt der Hausbesitzer keine Haftung. Foto: Wanner

200 Euro pro Nase verlangt Adler für so was, sagt der Dolmetscher. Was sollen diese Menschen machen? EU-Ausländer brauchen für die Arbeitsgenehmigung eine Wohnadresse. Erhard Adler kann sich deswegen als Wohltäter fühlen und tut es auch. Er beschreibt sein heruntergekommenes Altstadthaus als Hotel Adlon für Arme. „Jeden Tag bin ich zwei Stunden drin. Meine Mieter sind mein Hobby“, sagte der 68-Jährige am Sonntag, 15. Januar, am Telefon seiner Villa Regina an der Regenbrücke. Es ist die Immobilie, die er selbst bewohnt. Erhard Adler redet wie wenn er auf ein Pferd einreden würde, das zu scheuen droht: „Sehns her. Ich stell ihnen Möbel zur Verfügung, geb ihnen 12 Volt-Strom, stell Öfen rein. Ohne mich hätten sie in Regensburg keine Wohnung und fänden keine Arbeit. Das sind die Ärmsten der Armen.“

46 Mieter wohnen auf zwei Etagen in Wohnungen, für die sich in Regensburg kein Mieter finden würde. Jedes Zimmer ist doppelt und dreifach belegt. Die Bewohner sind in der Hauptsache Bulgaren, aber auch ein paar Rumänen, die sich als Tagelöhner im Hafen verdingen oder bei Leiharbeitsfirmen, leben hier. „Nette Leute“, sagt er. „Einer hat mir seinen Lohnzettel gezeigt. 120 Euro die Woche, wenn ich das seh, ich sag Ihnen, das tut mir weh.“

Seit 15. Januar haben sie die Kündigung. Erhard Adler hat sie zur Stadt geschickt, da gibt‘s Wohnungen. Foto: Wanner

In der zweiten Januarwoche hat er jetzt jedem Mieter einen Zettel mit der Kündigung in die Hand gedrückt. „Ich musste es“, sagt er. „Die Stadt hat mir per Bescheid vom 16. Dezember die Nutzung als Wohnheim untersagt. Bei Zuwiderhandlung zahle ich 8000 Euro Strafe.“ Auf dem Zettel steht auf Adler-Deutsch: „Zur Vorlage bei Stadt! Ab 15. Januar Sie illegal in Haus! Bitte gehen! Stadt hat neue Wohnungen für Sie! Sofort gehen Stadt. Gehen Stadt Rathaus!“ Erhard Adler hat sich revanchiert und seine Mieter ins Rathaus auf Wohnungssuche geschickt. „Neue Wohnungen gibt Stadt sofort!“

Adler macht jetzt „tabula rasa“

Adler will jetzt „tabula rasa“ machen. Er schreibt: „Es werden ab 15. Januar die Wohngemeinschaften aufgelöst, alle Gas- und Kohleöfen werden entfernt, der Sammelbriefkasten wird abmontiert, Wasser wird abgesperrt, Toiletten ausgebaut.“ Für alle Personenschäden (Erfrierungen, eventueller Tod) macht er die Stadtverwaltung haftbar. Am Telefon wird er noch deutlicher. „Seh’ns her, ich geh da rein, bau die Türen aus, häng die Fenster aus und mach das Haus unbewohnbar. Ganz normal.“ Wann? „Ab Montag.“ Inzwischen ist eine Woche vergangen. Es waren Drohgebärden.

Die Mieter kennen Adler nicht. Sie haben geglaubt und sind aufs Amt gegangen. „Alles gelogen“, sagt der Dolmetscher der Bulgaren. „Es gibt keine Wohnung. Was sollen wir tun? Wo sollen wir hin? Wir können nicht gehen auf die Straße. Es ist kalt!“

Die Gemeinschaftsküche im „Hotel Adler“. Hier erledigen die Bewohner den Abwasch. Foto: Wanner

Die Stadt bestätigt auf Nachfrage, dass mehrere Bewohner aus der Grasgasse ins Amt gekommen seien. Der Hauseigentümer habe ihnen gesagt, dass die Stadt verpflichtet sei, ihnen eine Wohnung zu geben. Wörtlich teilt die Stadt mit: „Da es sich durchwegs um Erwachsene handelte, wurde ihnen von der Fachstelle die Information gegeben, dass im Rahmen der vorhandenen Kapazitäten nur eine vorübergehende Unterbringung in der Obdachlosenunterkunft in der Taunusstraße in Frage käme.“ Bürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer kennt das Problem.

Das sagt die Stadt

  • Auslöser:

    Bei einem Hausbesuch von „Hajde“-Mitarbeiterinnen Ende September 2016 wurde festgestellt: Kein Strom, nicht beheizbar, ausgehängte Türen, keine Mülltonnen, Küchen und Sanitärräume waren stark verschmutzt und vermüllt.

  • Entscheidung:

    Im Dezember 2016 stellten Bauordnungsamt und Polizei untragbare Zustände auch bei Brandschutz und Sicherheit fest. Der Hauseigentümer erschien nicht. Er traut sich nicht ins Haus. Das Bauordnungsamt untersagte die weitere Nutzung.

Sie bestätigt die ausweglose Lage der Mieter. „Ihre Aussichten, auf dem ohnehin angespannten Wohnungsmarkt in Regensburg eine eigene Wohnung zu finden, sind nahezu aussichtslos.“ Die Belegschaft des „Hotel Adler“ will die Sache aussitzen. Nach Auskunft der Stadt ist bisher keiner der Mieter aus der Grasgasse erneut beim Sozialamt vorstellig geworden. Auch in die Obdachlosenunterkunft ist bisher keiner gekommen.

Am Dienstag legte Erhard Adler Flugblätter in den Hauseingang. In den ersten Stock traute er sich offensichtlich nicht. Auf den Din-A-4-Blättern stand in großen roten Buchstaben: „Stadt macht Kontrolle ab 31. Januar 2017! Wohnen verboten. Wasser stop! Türen Weg! Toiletten weg!“

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