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Autos

Altstadt: Aus Pollern wird nichts

Freie Fahrt für viele Autos: Versenkbare Pfosten sind zu teuer, heißt es. Die Regensburger aber leiden unter dem Verkehr.
Von Marion Koller, MZ

  • Blechkarawanen in der Ludwigstraße: Dass es in den Wohnverkehrsstraßen so zugeht, stört Regensburger und Touristen, die ungestört flanieren wollen. Fotos: Gruber, Koller, www.florianhammerich.com (1), altrofoto.de (1)
  • Meinung: Jürgen Hinz sagt: „Das sind alles nur Ausreden der Stadt. Die Autos gehören raus aus der Altstadt, egal wie.“ Der RVV-Busfahrer (42) meint damit den Bereich vom Ernst-Reuter- über den Domplatz und das Obermünsterviertel bis zur Gesandtenstraße. Lieferanten sollten auch in die Wohnverkehrsstraßen nur bis zehn Uhr einfahren dürfen. Foto: Hinz
  • Meinung: Paul-Heinz Streicher (80) bedauert es, dass keine Poller kommen. „Schade“, sagt der Ingenieur. „Die Poller sind eine tolle Sache.“ Das habe er im italienischen Abano Terme gesehen. „Durch die Gesandtenstraße fahren die Autos unkontrolliert. Regensburg bräuchte unbedingt eine Beschränkung. Mit stärkeren Kontrollen und saftigen Strafen.“ Foto: Streicher
  • Meinung: Gabi Semmler ärgert sich, dass „jeder“ durch die Gesandtenstraße fährt und fragt sich, wann der große Altstadtbus endlich durch die E-Busse ersetzt wird. Den Touristenzug will sie verbannen, weil „hemmungslos alle Autos hinterherfahren“. Die Besitzerin der Café-Bar wünscht sich eine richtige Fußgängerzone wie in der Weiße-Lilien-Straße. Foto: Koller
  • Meinung: Annette Ebmeier (41) war nie für Poller. „Mir ist die Situation recht, so wie sie ist“, betont die Chefin des Hotels Orphée, die in der Altstadt wohnt und alles mit dem Fahrrad erledigt. Wie solle eine Sperrung für Hotelgäste funktionieren? Schließlich strebe die Stadt noch mehr Gäste-Übernachtungen an. „Viele Gäste fahren gleich ins Parkhaus.“ Foto: www.florianhammerich.com

Regensburg.Bis zu 120 Autos rollen pro Stunde durch die Maximilian- und Gesandtenstraße. Dabei sind das verkehrsberuhigte Flaniermeilen. Viele Regensburger stört, dass sie kaum in Ruhe bummeln können. Regelmäßig melden sich MZ-Leser zu Wort. Michael L. etwa fordert wie viele andere eine strikte Begrenzung des Autoverkehrs in den Fußgängerzonen. „Gegen Lieferverkehr ist ja nichts einzuwenden“, schreibt er auf der Facebookseite unseres Medienhauses. „Aber der starke Privatverkehr in den Fußgängerzonen ist sehr lästig und behindert mich als Fußgänger auf Schritt und Tritt.“

Der mittlerweile wegen der Korruptionsaffäre suspendierte OB Joachim Wolbergs kündigte Anfang 2016 an, er werde überprüfen lassen, ob für die Gesandten- und die Goliathstraße versenkbare Poller infrage kommen.

„Wahnsinnig viel Manpower nötig“

Auf MZ-Anfrage winkt Rechtsreferent Dr. Wolfgang Schörnig jetzt ab. „Die Poller kommen nicht.“ Sie seien zu kostspielig, zu aufwendig, fehleranfällig und führten oft zu Unfällen. Eine Arbeitsgruppe mit Fachleuten aus Tiefbau-, Planungs- und Ordnungsamt habe das in anderen Städten, zum Beispiel in Salzburg, recherchiert. „Nur wenn Sie wahnsinnig viel Technik, Geld und Manpower investieren, funktioniert das“, sagt Schörnig. „Wir bräuchten einen Pollermanager, der täglich 24 Stunden ansprechbar ist.“ In Salzburg dürften Hotelgäste in die mit Pollern abgesperrte Fußgängerzone fahren. Wenn eine Nummer oder das Abreisedatum falsch eingegeben sei, komme der Gast nicht raus.

Geprüft wurden die Standorte Gesandtenstraße, Goliathstraße und die Abfahrt zum Bayern-Museum am Donaumarkt, wo ab Mitte 2018 viele Busse erwartet werden. Das Fazit: Allein für die Gesandtenstraße gibt es 2000 Berechtigte. Die per Funk versenkbaren Poller benötigen 90 Sekunden, um im Boden zu verschwinden. „Am Eingang der Gesandtenstraße, einem wichtigen Zubringer zur Altstadt, würde sich der Verkehr stauen“, ist Referent Schörnig überzeugt. Die Gesandtenstraße und weitere Altstadtverbindungen sind Wohnverkehrsstraßen, eine Art gemeinsame Geh- und Radwege mit vielen zugelassenen Fahrzeugen. Lieferanten und Handwerker dürfen ebenso rein wie Taxis, Ärzte, Altstadtbus, Hotelgäste, Anwohner und Beschäftigte, die einen Stellplatz ansteuern. Bei der Abfahrt zum Bayern-Museum sei das Unfallrisiko zu hoch, weil sich ein Rückstau auf die Eiserne Brücke bilden kann, argumentiert Schörnig. Nach Meinung des Referenten bleibt nur eine grundsätzliche Lösung, nämlich die Umwandlung der einen oder anderen Wohnverkehrsstraße in eine Fußgängerzone – wie rund um Galeria Kaufhof und Königsstraße.

„Bei der Wahlenstraße und der Bachgasse könnte man sich überlegen, ob man einen Paradigmenwechsel einleitet und neu überlegt“, sagt er. Für die überlastete Gesandtenstraße sieht Schörnig keine Lösung. Thomas Großmüller von der Verkehrsplanung kann sich auch die Drei-Mohren-Gasse als Fußgängerzone vorstellen, erinnert aber daran, dass in der Altstadt 15 000 Menschen wohnen. „Wir können nicht alles abriegeln.“

„Eine vertane Chance“

Wolfgang Bogie vom Verkehrsclub Deutschland kritisiert die Poller-Entscheidung als „vertane Chance“. „Poller wären ein deutliches Signal gewesen, dass Autofahrer in der Altstadt nichts verloren haben.“ In anderen Städten funktioniere das auch. Gegenwärtig sei es sehr schwierig für die Regensburger Verkehrsüberwacher (VÜD), die nicht Berechtigten herauszufiltern. Laut Stadtpressestelle hat der VÜD zwischen Januar und Mitte April 2017 bei fast täglichen Einfahrtskontrollen in der Gesandten- und Maximilianstraße nur 78 Verstöße registriert. Die Kontrollen sind mit ein bis zwei Stunden offenbar zu kurz und das Verwarnungsgeld von 15 Euro zu gering, um abzuschrecken.

Norbert Lieske, Sprecher des Seniorenbeirats, hätte die Poller begrüßt. „Das Thema kocht bei jeder Sitzung hoch“, sagt er. Die Senioren wünschten sich eine „autofreiere Altstadt“. Sie unterscheiden wie auch jüngere Passanten nicht zwischen Wohnverkehrsstraßen und Fußgängerzone, sondern wollen flanieren, ohne sich nach Autos umsehen zu müssen.

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