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Mittwoch, 13. Dezember 2017 3

Rezept

Arznei Cannabis: Viele Fragen offen

Ärzte fühlen sich alleine gelassen, die Polizei bleibt cool: So sehen Regensburger die Freigabe von Hanfblüten als Medizin.
Von Heike Haala, MZ

Schwerkranke, denen kein anderes Medikament hilft, dürfen Cannabis nun auf Rezept gegen ihre Leiden einnehmen. Bisher brauchten sie dafür eine Sondergenehmigung. Foto: dpa

Regensburg.Die Schmerzen kommen aus dem Nichts und beuteln den kleinen Markus (5) heftig. Die Spasmen, unter denen der Bub leidet, fühlen sich an, wie ein Wadenkrampf nach dem Sport. Allerdings hat Markus diese Krämpfe im ganzen Bauch. Dann weint und schreit er, wirft seinen Oberkörper nach hinten und will nur noch, dass der Schmerz aufhört. Seine Mama Sabine Müller (Name geändert, aber der Redaktion bekannt) kann ihrem Sohn nur mit starken Schmerzmitteln helfen, die allerdings viele Nebenwirkungen haben. „Gerade hat er wieder eine schlimme Phase“, sagt sie. Ihre Hoffnung heißt deswegen jetzt: Cannabis.

Cannabis-Blüten vor der Extraktion; Foto: Bionorica

Seit einigen Tagen dürfen die getrockneten Blüten der Pflanze oder ein flüssiges Konzentrat daraus ohne Sondergenehmigung an schwer kranke Patienten verabreicht werden, wenn ihnen kein anderes Medikament mehr hilft. Zudem sind die Krankenkassen jetzt auch dazu verpflichtet, für die Kosten des Medikaments und unter Umständen auch für ein notwendiges Inhaliergerät dafür aufzukommen. Vergangene Woche trat ein entsprechendes Gesetz mit der Bekanntgabe im Bundesanzeiger in Kraft.

Verantwortung liegt bei den Ärzten

Markus’ Mama will es jetzt mit dem Medikament versuchen: Ihr Sohn könnte die Lösung vermischt mit einem Tee einnehmen. Mama Sabine hofft nicht nur auf die Linderung von Markus‘ Schmerzen ohne schlimme Nebenwirkungen für seine Organe. Als Medikament eingesetzt, könnte Cannabis auch die Lebensqualität ihres Sohnes steigern. Durch die Arznei wäre Markus nicht mehr so angespannt, könnte ruhiger schlafen, hätte mehr Appetit – so die Hoffnung seiner Mama. „Er könnte einfach wieder Kind sein“, sagt sie.

Weniger positiv sieht der Nittendorfer Hausarzt Dr. Raphael Weißgerber die Freigabe von Cannabis als Medikament. In seinen Händen und denen seiner Hausarztkollegen liegt die Verantwortung. Sie müssen die Entscheidung fällen, ob ein Patient für eine Cannabis-Therapie infrage kommt oder nicht. Das bedeutet auch, dass sie vermeintlichen Patienten auf die Schlichte kommen müssen, die entsprechende Leiden vortäuschen, um an die Cannabis-Blüten auf Rezept zu gelangen.

Es fehlen Erfahrung und Studien

Weißgerber fühlt sich alleine gelassen. So weiß er zwar, bei welchen Patienten er die getrockneten Blüten verschreiben darf. Was die Dosis und den Zeitraum der Therapie angeht, ist er aber unsicher. Immerhin stehe Cannabis unter dem Verdacht, Psychosen, Angststörungen und Abhängigkeit auszulösen. Weißgerber fehlen Studien, die etwas über die Langzeitwirkung des Medikaments aussagen. Immerhin sind es gerade Patienten mit chronischen Leiden, die Cannabis verordnet bekommen sollen. Schwerkranke also, die die neue Arznei über einen langen Zeitraum einnehmen sollen. Deswegen wird Weißgerber das Medikament nur in Einzelfällen verschreiben und ausschließlich Patienten, die er gut kennt, die schon lange in seine Praxis kommen und deren Umfeld ihm bekannt ist. Denn er sieht noch eine andere Gefahr: Wenn ein Arzt viele Cannabis-Rezepte unterschreibt, werde sich das schnell in der Szene herumsprechen.

Cannabis auf Rezept

  • Einsatz:

    Cannabis wird als Medikament eingesetzt und nicht als Suchtmittel. Es wie in den Niederlanden in speziellen Cafés zu konsumieren, ist weiterhin nicht erlaubt.

  • Tradition:

    Cannabis wird seit Jahrhunderten als Schmerzmittel eingesetzt und durch die Lockerung des Betäubungsmittelgesetzes jetzt auch der modernen Medizin zu Verfügung gestellt. Es soll Schmerzen lindern.

  • Entscheidung:

    Der Arzt bestimmt die Menge und die Häufigkeit der Einnahme und stellt auch das Rezept aus.

  • Patienten:

    Schwer kranken Patienten, denen kein anderes Medikament hilft, können cannabishaltige Medikamente verabreicht werden. Das sind beispielsweise Menschen, die an Krebs, Multipler Sklerose, Spasmen oder an Parkinson leiden.

  • Abgabe:

    Sie erfolgt in Apotheken.

  • Einnahme:

    Eingenommen wird Cannabis als Joint zum Rauchen, mit einem Inhaliergerät oder als Tee. Rauchen gilt unter Medizinern als die umstrittenste Variante. Es ist schwer, den Wirkstoff auf diese Weise zu dosieren. (la)

Für Josef Kammermeier, den Sprecher der Regensburger Apotheker, dagegen ist die Gesetzesänderung eine große Erleichterung. Denn bisher war es ausschließlich mit einer Sondergenehmigung möglich, cannabishaltige Medikamente zu bekommen. „Das war eine Zettelwirtschaft hoch drei“, sagt er. Wie schwierig es war, diese Sondergenehmigung zu bekommen, sei auch daran abzulesen, dass es in ganz Deutschland nur 1000 Menschen gab, die so eine Genehmigung bekommen haben.

Die Polizei bleibt cool. So hat Armin Bock von der Pressestelle des Polizeipräsidiums keine Sorge, dass den Beamten in Zukunft ein Bär aufgebunden wird, wenn sie Personen kontrollieren, die Hanfblüten dabei haben. „Wer behauptet, Patient zu sein, sollte sein Rezept dabei haben“, sagt er. Sonst konfisziert die Polizei die Blüten und überprüft die angebliche Verschreibung durch einen Arzt.

Lesen Sie auch: Weil er chronische Schmerzen hat, baute ein Neutraublinger illegal Cannabis an. Fachleute bezweifeln eine lindernde Wirkung.

Die Kassen sind noch zögerlich

Markus’ Mama würde das Medikament lieber heute als morgen aus der Apotheke holen. Seit einer Woche hat ihr Sohn wieder heftigere Anfälle. Das ist immer so, wenn Markus einen Wachstumsschub oder eine Vireninfektion hat – oder die Anfälle verschlimmern sich eben ohne jeden Grund. Das Rezept für Markus‘ Cannabis-Behandlung hat Sabine Müller schon. Jetzt wartet sie täglich auf die Zusage ihrer Krankenkasse.

Die Kassen zeigen sich zögerlich: „Intern bereiten wir die notwendigen Prozesse vor, damit wir die Anträge dann zügig bearbeiten können, wenn es soweit ist“, teilte uns ein Sprecher der KKH auf Anfrage mit.

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