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Sonntag, 17. Dezember 2017 4

Soziales

Beistand für Trauernde nach Suizid

Der Verein Agus begleitet Angehörige in ihrem Schmerz. Das Adamar-Trio unterstützt seine Arbeit durch ein Benefizkonzert.
Von Susanne Wiedamann, MZ

Nach dem Suizid eines Angehörigen fällt es den Hinterbliebenen oft selbst nach Jahren schwer, sich von der Düsternis zu befreien. Foto: Arno Burgi/dpa

Regensburg.Hedwig Maria Meyer ist Geigerin im Adamar-Trio. Und sie ist Trauerbegleiterin bei einer besonderen Selbsthilfegruppe. In dieser treffen sich an jedem zweiten Montag im Monat in Regensburg Angehörige und Freunde von Menschen, die durch Selbsttötung aus dem Leben gegangen sind. Um die Arbeit solcher Gruppen zu unterstützen, gibt das Adamar-Trio am 10. April ein Benefizkonzert zugunsten des Vereins „Agus – Angehörige um Suizid“.

Für Hedwig Meyer hat ihr Engagement für Agus besondere Bedeutung. „Suizid ist kein Randgruppenthema“, sagt sie. Jedes Jahr nehmen sich etwa 10 000 Menschen in Deutschland das Leben. Die Welt-Gesundheitsorganisation geht davon aus, dass bei jedem Tod etwa 6 bis 23 Angehörige unmittelbar betroffen sind, erklärt Meyer. In Deutschland wären dies jedes Jahr etwa 100 000 Menschen, die einen Angehörigen durch Selbsttötung verloren haben.

Hilflos angesichts des Leids

Die Musikerin, die hauptamtlich als Betreuungsassistentin im Bürgerheim Kumpfmühl arbeitet, weiß nicht nur durch unzählige Gespräche, wie viele Menschen betroffen sind. Auch sie selbst kennt das Schicksal der Angehörigen aus eigenem Erleben. 2001 nahm sich ihr Schwager am Tag ihrer Hochzeit das Leben. Der Schmerz ihrer Schwester und vor allem das Leid ihres kleinen Neffen machte sie hilflos. „Zwei Jahre später wurde mein Bruder –er ist Lkw-Fahrer – für einen Suizid missbraucht.“ Ein Autofahrer war ihrem Bruder absichtlich, um sich das Leben zu nehmen, frontal in den Lastwagen gefahren. Meyer erlebte mit, wie ihr Bruder unter dem Ereignis litt, und dass er mehrere Monate brauchte, um wieder arbeiten zu können.

„Der Suizid nimmt einem alles, wie ein schwarzes Loch!“

Trauerbegleiterin Hedwig Maria Meyer

„Ich weiß, wie sich das anfühlt“, sagt sie über den Schmerz der Hinterbliebenen. „Ich mochte nicht mehr so hilflos dabeistehen. Diese Menschen brauchen Hilfe.“ Dass sie selbst Menschen in Krisensituationen unterstützen kann, erfuhr sie als private Sterbebegleiterin für zwei Verwandte. Beide sagten ihr, sie würde ihnen so gut helfen. „Du solltest Therapeutin werden“, sagten ihr beide. Jahre später machte sie das wahr. 2015 und ’16 absolvierte sie in Dresden eine Ausbildung zur Trauertherapeutin. Seit einem Jahr engagiert sie sich ehrenamtlich als Trauerbegleiterin für die Regensburger Agus-Gruppe.

Die Trauer nach einem Suizid unterscheidet sich laut Meyer gravierend von der nach einem anderen Todesfall. „Der Mensch definiert sich aus vergangenen Beziehungen heraus“, erklärt Meyer. „Der Suizid ist aber der radikalste Beziehungsabbruch, den es gibt.“ Durch einen Suizid werden die Angehörigen in ihren Lebenseinstellungen und in ihrem Selbstwertgefühl erschüttert. Nichts ist mehr wie zuvor. „Nach einem Suizid hinterfragt man alles. Man erinnert sich: Wir haben so gelacht! Und dann taucht sofort der Gedanke auf: Aber war er glücklich? War das echt? War meine eigene Wahrnehmung korrekt? Der Suizid nimmt einem alles, wie ein schwarzes Loch!“

Benefizkonzert für Agus

  • Agus e.V.

    Der Verein Agus hilft Menschen in der Trauer nach Suizid eines Angehörigen durch Beratung und Betreuung, Vermittlung von Kontakten Betroffener untereinander und Selbsthilfegruppen. In Regensburg trifft sich die Gruppe jeden zweiten Montag im Monat von 19 bis 21 Uhr bei KISS im Haus des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Landshuter Straße 19. Informationen gibt es unter Telefon (09 41) 599 38 86 10 oder per E-Mail an agus-regensburg@gmx.de.

  • Das Konzert

    Das Adamar-Trio gibt am 10. April um 18 Uhr im Mitarbeiterspeisesaal des Krankenhauses Barmherzige Brüder ein Benefizkonzert zugunsten des Vereins Agus. Tobias Woitun, Klavier, Hedwig Maria Meyer, Violine, und Martin Pohl, Violoncello, spielen von Franz Liszt „Tristia – La Vallée d’ Obermann“ aus den „Années de pèlerinage“, von Dmitri Schostakowitsch das 1. Klaviertrio c-moll op. 8 und von Bedrich Smetana das Klaviertrio g-moll op. 15.

Die Hinterbliebenen trauern nicht nur, sondern sie sind hochgradig traumatisiert, kämpfen mit Schuldgefühlen, Wut und dem Gefühl der Ohnmacht. Ein winziges Ereignis oder eine Erinnerung reicht, um sie selbst noch nach Jahren wieder in das dunkle Loch zurückzureißen. Das Umfeld macht es den Trauernden zusätzlich schwer. Viele finden im ersten und zweiten Jahr noch Zuhörer und freundschaftliche Begleiter in ihrer Trauer. „Doch dann muss doch mal Schluss sein, denken sich viele“, sagt Meyer. Dass die Betroffenen aber mit ihrer Trauer nicht fertig sind, will kaum einer sehen. In der Regensburger Gruppe gebe es Teilnehmer, bei denen der Suizid des Angehörigen erst wenige Monate zurückliegt und auch solche, die schon zehn Jahre dabei sind.

Bedrückende Sprachlosigkeit

Auch im Bekanntenkreis erfahren Angehörige oft wenig Hilfe. Nach wie vor ist Selbsttötung ein Tabu. Aus Hilflosigkeit ziehen sich viele Menschen von den Angehörigen und Freunden eines Menschen, der sich selbst getötet hat, zurück – und lassen diese allein, schildert Meyer die Stigmatisierung der Betroffenen. Diese fühlen sich durch das Verhalten der anderen in ihren Schuldgefühlen bestätigt. „Es wäre gut, wenn die Leute ihre Hilflosigkeit verbalisieren würden. Wenn sie zu dem Trauernden sagen würden: Ich weiß nicht, was ich sagen soll, aber ich bin für dich da!“

Das Gespräch in der Selbsthilfegruppe hilft den Betroffenen, wieder besser durchs Leben zu gehen. Symbolfoto: dpa

In der Agus-Gruppe helfen sich die Betroffenen gegenseitig. Hier finden sie volles Verständnis. Die Teilnehmer haben das Gleiche oder Ähnliches erlebt und können mit ihren Erfahrungen helfen. „In der Familie sind alle so mit ihrer Trauer beschäftigt, dass sie oft nicht auf einander schauen können. Die Selbsthilfegruppe ist sehr, sehr wichtig“, sagt Meyer, die als professionelle Trauerbegleiterin während der Gruppenstunde für die acht bis zwölf Teilnehmer zur Verfügung steht. „Das ist ein sehr respektvoller und achtsamer Umgang in der Gruppe!“

Wie sehr der Austausch den Teilnehmern hilft, bekommt Meyer immer wieder als positives Feedback mit. Denn die Impulse aus der Gruppensitzung helfen den Betroffenen weiter, Schritt für Schritt Trauer und Trauma durchzustehen – und sich aus dem schwarzen Loch zu befreien.

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