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Glaube

Das Lutherjahr befeuert die Ökumene

500 Jahre Reformation: Der Regensburger Dekan Eckhard Herrmann erklärt, was Martin Luther uns noch zu sagen hat.
Von Christine Straßer und Susanne Wiedamann, MZ

Nach Dekan Eckhard Herrmanns Meinung passiert im Jubiläumsjahr viel, was die Ökumene befördert. Foto: Lex

Regensburg.Herr Herrmann, Sie sind Dekan im Donaudekanat und Pfarrer an der Neupfarrgemeinde. Von der Neupfarrkirche aus verbreitete sich die Reformation in ganz Südosteuropa. Welches Gefühl verbinden Sie damit?

Ich spüre das sehr deutlich, wenn in der Neupfarrkirche Abendmahl gefeiert wird. Das geschieht immer mit dem Kelch, der schon 1542 da war, und auch mit der Hostiendose von damals. Ich sage dann manchmal: Wir feiern jetzt das Abendmahl mit denselben Geräten wie die Menschen vor fast 500 Jahren. Ich merke dann, dass das so ein richtiger Aha-Effekt für die Leute ist. Sie spüren: Das ist gelebte Geschichte.

Welche Bedeutung hat die Reformation für die Menschen von heute?

Wir hatten kürzlich eine Vortragsveranstaltung zur Reformation im Dekanat im kleinen Kapitelsaal, in dem 25 Stühle stehen. Wir dachten, das reicht ganz locker. Und dann sind 65 Leute gekommen. Wenn Sie in Buchhandlungen gehen, dann gibt es da Büchertische, die sind vollgeladen mit Büchern zum Thema Luther und die Reformation. Und es gibt einen unglaublichen Run auf diese Bücher. Es werden Reisen zu Lutherstätten angeboten, die sind schon lange ausgebucht. Es gibt ein großes Interesse an der Frage, was da vor 500 Jahren in Gang gesetzt worden ist.

Gilt dies auch für Gläubige der katholischen Kirche?

Das Interesse kommt von Angehörigen beider Konfessionen. Ich könnte mir vorstellen, dass dies für viele ein bleibender Wert des Reformationsjubiläums sein wird, dass das Wissen größer geworden ist, die Kenntnis über die eigene Kirche, auch über die andere Kirche. Das ist ein schöner Gewinn, dass man nicht nur mit Klischees arbeitet. Ich finde das überhaupt klasse, mit welcher Offenheit die katholische Kirche dabei ist, nahezu auf allen Ebenen. Die katholischen Bischöfe haben ihre Pfarrer ermutigt, sich auf das Miteinander einzulassen. Das finde ich großartig. Das kann man nicht zurückdrehen.

Wie weit denken Sie, dass diese ökumenische Bewegung geht? Ist das gemeinsame Abendmahl eine Aussicht?

Bereits im November 2015 besuchte Papst Franziskus in Rom die Luther-Kirche und gab damit ein wichtiges ökumenisches Zeichen. Foto: dpa

Mit dem derzeitigen Papst und mit dem, was sich im Dialog zwischen evangelischer und katholischer Kirche derzeit bewegt, würde ich nichts mehr ausschließen. Ein gemeinsames Abendmahl wird es aber nicht von heute auf morgen geben. Aber es ist ja schon ein wichtiger Schritt, wenn konfessionsverschiedene oder konfessionsverbindende Ehepaare und Familien künftig gemeinsam zur Eucharistiefeier gehen können. Ich glaube, gerade der Ökumene-Bereich ist einer, da sind wir gut auf dem Weg und da ist jetzt die Lust, weiterzumachen, groß.

Was hat Martin Luther den Menschen im 21. Jahrhundert Wichtiges zu sagen?

Es läuft bald eine Vortragsreihe des Evangelischen Bildungswerks an, in der es um reformatorische Grundbegriffe geht wie Freiheit, Bildung, Gerechtigkeit. Das ist nach wie vor aktuell. Durch das Wirken Martin Luthers ist ein neues Freiheitsverständnis in die Welt gekommen. Der Grundgedanke, dass man letztendlich als einzelner Mensch vor allem Gott und seinem Gewissen verantwortlich ist, ist für mich so aktuell wie eh und je. Auch die Idee der Bildungsermöglichung für alle, dass er die Bibel in eine Sprache übersetzt hat, die alle verstehen konnten. Das einfache Volk wurde an wichtigem Wissen beteiligt, konnte selber mitreden. Bildung möglich zu machen für viele, ist heute noch ein genauso wichtiges Thema.

Zur Bedeutung der Reformation und der Person Martin Luthers äußerte sich Dekan Eckhard Herrmann im Video-Interview. Das sehen Sie hier:

Dekan Herrmann zum 500. Reformationsjubiläum

Diese Themen sind so aktuell wie vor 500 Jahren. Warum wenden sich dann Tausende von der Kirche ab und treten aus?

Es wird ja immer das Geld als Hauptgrund für den Kirchenaustritt angesehen. Das würde ich bezweifeln. Ich denke, dass der Glaube für viele Menschen immer weiter wegrückt, dass das Bewusstsein zwar da ist, dass die christlichen Werte gut sind und man das, was ethisch wichtig ist, braucht. Aber mit der Dogmatik haben viele Schwierigkeiten.

Das, was Kirche an Orientierung bietet, erreicht die Menschen nach wie vor?

Das ist die Frage! Viele haben diese Klischee-Barriere im Kopf: Kirche ist von gestern, verstaubt, das hat mir nichts zu sagen. Deshalb gehen sie nicht in den Gottesdienst. Bei Taufen oder Trauungen gibt es dann oft so einen Aha-Effekt, dass die Leute sagen: Ah, das spricht mich ja doch an!

Sind die Formen zu erstarrt oder bekommen die Gläubigen nur die Veränderungen in der Kirche nicht mit?

Dekan Eckhard Herrmann in einem Gottesdienst in der Neupfarrkirche Archivfoto: altrofoto.de

Das ist ein wesentlicher Grund, ja. Aber die Formen sind auch immer noch erstarrt. Man macht da ja keine Samstagabend-Show in der Kirche. Diese Erstarrung hat ja zumindest für die Insider einen entscheidenden Vorteil: Man weiß, wie so ein Gottesdienst läuft. Aber ich glaube, dass in der Kirche neben den Gottesdiensten viel passiert auf der Veranstaltungsschiene, das wichtig ist und die Menschen anspricht. Nicht zu vergessen die Kirchenmusik. Während die Kirchen am Sonntagvormittag fast leer sind, sind sie abends bei den Konzerten voll. Dabei geht es auch in einem Bach-Oratorium oder einer Passion um nichts anderes als die Verkündigung des Evangeliums. Da sitzen die Leute zweieinhalb Stunden auf harten Bänken und sind begeistert.

Dekan Eckhard Herrmann

  • Der Dekan

    Eckhard Herrmann wurde 1954 in Hannover geboren. Er wuchs in Oberschwaben auf. Er studierte in München und Wien. Er war Gemeindepfarrer in Burghausen, Burgkirchen, Würzburg und Baldham. Seit 1. April 2006 leitet er das Donaudekanat. Der Geistliche ist verheiratet und hat drei Söhne. Seit kurzem ist er Großvater einer Enkeltochter.

  • Dekanat und Neupfarrkirche

    Das Donaudekanat ist mit seinen über 4200 Quadratkilometern das flächengrößte Dekanat in Bayern. In 24 Kirchengemeinden leben über 72 000 evangelische Christinnen und Christen. Die Neupfarrkirche hat historische Bedeutung und wird heuer 475 Jahre alt. Von hier aus strahlte die reformatorische Bewegung nach Südosteuropa aus.

Zum Thema Flüchtlinge haben sich die christlichen Kirchen sehr klar positioniert. Hätten sie sich nicht schon viel früher politisch einmischen sollen?

Das haben sie ja: Anfang der 80er Jahre in der Friedensdiskussion um den Nato-Doppelbeschluss oder in Wackersdorf, da haben sie sich engagiert. In der Diskussion um die Rolle der Frau hat – in diesem Fall die evangelische Kirche – eine wichtige Rolle gespielt. Kirche muss politisch sein. Jesus war auch politisch. Er musste ja auch deshalb sterben, weil er die Ordnung durcheinandergebracht hat.

Viele sind abgestoßen von Luthers negativen Seiten, so seinem Antisemitismus. Wie geht man mit diesem Erbe um?

Offen und ehrlich! Ich halte es für ganz wichtig, zu sagen, da war Luther alles andere als ein Vorbild. Da hat er völlig unakzeptable Äußerungen von sich gegeben. In der Judenfrage muss man sagen, das ist unverzeihlich und schlimm. Das Luther-Jubiläum 1933 ist von den Nationalsozialisten voll vereinnahmt worden. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass das alles im aktuellen Miteinander zwischen der jüdischen Gemeinde und den christlichen Kirchen eine hindernde Rolle spielt, gerade weil wir so offen damit umgehen und man sich nur entschuldigen kann. Im Gegenteil, es nimmt uns in die Pflicht, es jetzt besser zu machen.

Im Februar war eine Delegation um den EKD-Ratspräsidenten Bedford-Strohm bei einer Papstaudienz. Welche Bedeutung haben solche Begegnungen?

Das ging ja schon vorher los im vergangenen Jahr, als sich der Papst mit wichtigen Vertretern der evangelischen Kirche aus aller Welt in Lund getroffen hat und dort einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert hat, wie er jetzt am 11. März in Hildesheim als zentraler Gottesdienst für Deutschland gefeiert wird, und auch hier um 19 Uhr in der Dreieinigkeitskirche mit den beiden Bischöfen Dr. Voderholzer und Dr. Weiss. Dabei wird ein Stück weit um Vergebung gebeten für das, was die Kirchen sich an Schlechtem angetan haben. Und es wird deutlich zur Sprache gebracht, dass wir miteinander nach vorn schauen wollen.

Das Regensburger Religionsgespräch 2017 soll – in Erinnerung an das Regensburger Religionsgespräch 1541 – erneut dem Austausch von evangelischen und katholischen Geistlichen dienen?

Der Unterschied zu damals ist: Das Regensburger Religionsgespräch 2017 ist kein Zusammenkommen im Streit, sondern in gegenseitiger Achtung und Freundschaft, wobei sicher auch kontrovers diskutiert wird, aber die Voraussetzungen sind andere.

Was ist für Sie persönlich die wichtigste Regensburger Veranstaltung?

In der Neupfarrkirche wurde 1542 der erste evangelische Gottesdienst gefeiert. Archivfoto: Strasser

Wir haben ja ein Doppeljubiläum: 500 Jahre Reformation und 475 Jahre Reformation in Regensburg. 1542 hat der erste evangelische Gottesdienst in der Neupfarrkirche stattgefunden. Das werden wir am Wochenende 14./15. Oktober feiern. Das beginnt mit einem Empfang der Stadt und des Dekanats am Abend des 14. Oktober, dann findet am 15. Oktober morgens ein Gottesdienst mit dem Landesbischof Bedford-Strohm in der Dreieinigkeitskirche statt. Und der Tag wird mit einer Abendmahlsfeier in der Neupfarrkirche abgeschlossen. Dazwischen gibt es viele Angebote, die das evangelische Regensburg erlebbar machen.

Am Samstag, 11. März, findet der Versöhnungsgottesdienst statt. Was ist das Besondere?

Das Ziel ist nicht nur ein Blick zurück, sondern die Türe nach vorne zu öffnen. Das ist wirklich etwas Besonderes.

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