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Die schönsten Fotos der alten Ratisbona

Die Ansichtskarten-Sammlung von Peter Milic zählt 6500 Exemplare: Nun bringt er sie mit Büchern unter die Leute.
Von Helmut Wanner, MZ

Regensburg.„Die Maxstraß‘“, findet Peter Milic, „ist kalt worden, richtig kalt“. Oft rollt er mit dem Radl über den China-Marmor an Läden vorbei, die heute auf und morgen zumachen. „Schlimm. Wie schön die Straß mal war: Zwei Kinos, das Kammer, das Bavaria; alteingesessene Geschäfte gab’s wie den Kirchhoff, den Buchner…“

Zu Hause ist er am Prinzenweg, drei Querstraßen weiter. Dort hat der 74-Jährige sein Bild vom alten Regensburg bewahrt. Es ist das Haus, in dem er groß wurde, aus dem er nie ausgezogen ist. Nur die Stockwerke hat er gewechselt. Heute wohnt er im zweiten Geschoß. Im Esszimmer-Büffett aus Kirsche steckt sogar noch ein Bombensplitter vom letzten Luftangriff. Die Fliegerbombe hatte im Garten eingeschlagen und im Haus alle Fenster zu Bruch gehen lassen und die Balkone abrasiert.

In seinem Archiv neben dem Esszimmer liegen griffbereit 6500 Postkarten von Regensburgs Straßen, Gassen und Plätzen, von Kirchen und Gebäuden, Brücken und Schulen. „Da schau i halt mal nach und seh‘: so schön war das.“ So schön war es im letzten Jahrhundert. Nicht alles Moderne sei schlecht, beeilt er sich zu sagen. „Zum Beispiel?“ Da muss er nachdenken. „Der neue Busbahnhof in der Albertstraße.“

Der Post-Hauptsekretär hatte im Bahnhofspostamt Schichtdienst. Seine Leidenschaft war – neben dem Tischtennissport: das Sammeln. Bierdeckel, Zündholzschachteln und Briefmarken hat er zusammengetragen. Aber die sind in seinen Augen heute nur tote Materie.

Hoch zu Ross durch den Osten

Der Sammler Peter Milic Foto: Wanner

Der Regensburg-Schatz, den er seit nunmehr 40 Jahren von Trödelmärkten aufgelesen hat und in Hunderten Klarsichthüllen ablegt, macht seinen Besitzer auf ideelle Weise reich. Er hat die Ansichtskarten immer zur Hand, und er kann anderen damit helfen: Autoren, Buchverlegern, Journalisten – aber auch Kolpingfamilien, die einen Vortrag über das Thema „seinerzeit zu meiner Zeit“ vorbereiten.

Im Treibsand des Lebens blüht das Interesse der Menschen für die Konstanten, für das, was bleibt – und seien es nur Sepia-Postkarten vom Regensburg vor der Zeitenwende, Man freut sich über den Anblick von sechs Reitern hoch zu Ross, in der Mitte der Weißenburgstraße. Die Spannung kommt für den Betrachter aus dem Kontrast zu seiner alltäglichen Erfahrung: Die Weißenburgstraße wird heute vom Verkehr überschwemmt. Man quert sie, außerhalb der Fußgängerfurt, nur unter Lebensgefahr.

Der Prinzenweg von Peter Milic mündet seit Jahren in die vollkommen „multikulturelle“ Ostengasse. Doch auf der Postkarte zwängt sich die Straßenbahn der Linie 3 vom Schlachthof kommend, durchs Nadelöhr des Ostentors, und passiert auf ihrem Weg zum Domplatz Geschäfte, die Namensschilder tragen wie Schefthaler, Bolland, Brandl und Teufel.

Die Postkarten tuen nicht nur seiner Seele gut. Sie haben dem Postbeamten i. R. nebenbei zu einem bescheidenen Ruhm verholfen. Als Peter Milic diesen Dienstag, am Wandertag der Postsenioren, den Bus nach Kallmünz bestieg, flaxten ihn die Wanderkameraden schon als „unseren Fernsehstar“, Erst am vergangenen Sonntag war Milic in der Sendung zwischen „Spessart und Karwendel“ zu sehen. Er hatte für „Regensburg – was war und was bleibt“ von Rita Lell die Ansichtskarten geliefert. Die MZ hatte berichtet. Der BR griff das Thema auf.

Peter Milic ist ein gefragter Mann: 40 Aufnahmen hatte er für das jetzt erschienene Buch „Straßenbahn in Regensburg“ (Eichermüller/Kempter, Gietl-Verlag) zur Verfügung gestellt. Und gerade ist „Regensburg in historischen Bildern“ erschienen – mit über 250 Ansichtskarten. Es ist das erste in einer Reihe von Ansichtskartenbüchern des MZ-Buchverlags in Planung. Die Regensburger Autorin und Stadtführerin Julia Knoll (MZ: „Die Facebook-Fee“) recherchierte und schrieb die Begleittexte dazu.

Jahre des stillen Wandels

Die Initialzündung aber kam aus dem Haus am Prinzenweg selbst. Ausschlaggebend für die Bücherserie war der Leiter der Staatlichen Bibliothek, Dr. Bernhard Lübbers, „Der Bernhard hat einmal bei mir im Haus gewohnt. Seine Frau war das Patenkind meiner Frau.“ Dr. Lübbers klopfte immer wieder bei Peter Milic an, um sich die Karten anzuschauen. Er gab die Anregung: „Peter, du musst das unter die Leute bringen, dass die Regensburger das sehen können.“ Entscheidend war, dass der Geschichtler, Germanist und Volkskundler 2008 Leiter der Staatlichen Bibliothek in der Gesandtenstraße wurde. So entstand das erste Buch mit Ansichtskarten aus der Sammlung Peter Milic. es trägt den Titel: „Jahre des stillen Wandels – Regensburg um 1910“.

Was war und was bleibt

Acht Doktoranden hatten unter Leitung von Dr. Georg Köglmeier, akademischer Oberrat beim Lehrstuhl für bayerische Landesgeschichte, die wissenschaftlichen Texte recherchiert und geschrieben. Das Buch diente als Katalog zu einer sehr erfolgreichen Ausstellung in der Staatlichen Bibliothek. Sie dauerte vier Monate.

Dadurch erst wurden viele Menschen auf den Regensburg-Sammler aufmerksam. Ein Projekt gab das andere, und sein Sammlerherz hüpft seitdem noch mehr vor Freude. Er weiß nicht, was ihm mehr Spaß machte: Sein Tischtennis oder die Sammelleidenschaft. Dabei reiste Milic als internationaler Schiedsrichter mit Einsätzen bei Welt- und Europameisterschaften um den halben Erdball.

Manche Anrufer denken, Milic sei ein Ansichtskartenhändler. Das ist falsch. Er ist Sammler geblieben und tauscht lieber, zum Beispiel jetzt wieder beim Tauschtag am Samstag in der RT-Halle. Über Flohmärkte und über eBay ergänzt er seine Bestände. Sein Sammeln ist reine Freude, weil: „Ich kann was für Regensburg tun – ohne Aufgeld, ohne finanzielle Interessen.“ Besonders stolz ist er über das Interesse der Kolpingsfamilien. Sie scannen die Karten für heimatkundliche Vorträge ein. Damit die Leute wissen, was war und was bleibt.

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