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Wirtschaft

Ein Augenoptiker blickt auf 130 Jahre

Seit vier Generationen hält sich der Name Inkoferer. Die Firma ist in der Kombination von Uhren und Brillen einzigartig.
Von Helmut Wanner, MZ

  • Sebastian Inkoferer steht in der Tür seines Geschäfts am Brückenbasar. Auf dem Pflaster: Geselle und Lehrling
  • Damit schliff Sebastian Inkoferer seine Gläser per Hand. Der Schleifstein ist ein Stück Geschichte des Optikerhandwerks. Foto: wa
  • Der Brückenbasar galt als das Stadtamhofer Einkaufszentrum des 19. Jahrhunderts. Hier eröffnete Sebastian Inkoferer 1885 seinen Laden.
  • Die mechanische Kasse von Felix Herrmann, Dessau, ist ein Originalstück aus der Gründerzeit des Betriebs 1885. Foto: wa

Regensburg.Eingeführte Regensburger Geschäfte starteten am nördlichen Brückenfuß der Steinernen. Leder Hackl begann am Brückenbasar. Fahrrad Neumeier verkaufte hier die ersten Räder. Sie gibt’s nicht mehr.

Aber den Inkoferer, den gibt’s noch. Uhrmachermeister Sebastian Inkoferer begann hier 1885. Wenn man am Brückenbasar steht und Richtung Regensburg schaut, war sein Geschäft auf der linken Seite. Die Anschrift lautete „Am Brückenbasar 1“.

Das Stadtamhofer Adressbuch von 1912 weist ihn als Bürger aus, der genau hinschauen konnte. Als Magistratsrat war Sebastian Inkoferer in der Kommission zur Vorprüfung der gemeindlichen und Stiftungsrechnungen, außerdem war er Mitglied der ehrenwerten Zimmerstutzengesellschaft Stadtamhof.

Im „Inkofererweg“

Sein Handwerksbetrieb besteht bis heute, in der inoffiziell „Inkofererweg“ genannten Fußgänger- und Fahrradverbindung zwischen Maximilianstraße und D. Martin-Luther-Straße. Das 80 Quadratmeter große Geschäft liegt gleich hinter dem Document Legionslagermauer. Auch der Betrieb Inkoferer dürfte in dieser Kombination, Uhrmacher und Optiker, einzigartig sein in Regensburg.

Die Dipl. Ingenieurin für Augenoptik, Christine und ihr Mann Stefan Franke, doppelter Handwerksmeister, führen den Inkoferer in vierter Generation. Die Frankes sind zwar keine leiblichen Nachfolger, aber den Geschäftsübergang kann man dennoch als organisch bezeichnen.

„Ludwig Inkoferer, der Enkel des Firmengründers war mein Chef“, sagt Stefan Franke. Als er dort 1979 die Lehre begann, war der Betrieb an den Haidplatz umgezogen. Er befand sich an der Ecke zur Krebsgasse, die zum Restaurant „Dicker Mann“ führt. Stefan Franke: „Heute ist dort ein Reisebüro drin.“

Vermittelt hat ihn sein Vater. Rudolf Franke, Uhrmachermeister und Optikermeister, ein Vertriebener aus dem Sudetenland, war dort buchstäblich die rechte Hand des alteingesessenen Betriebsinhabers. Der war als Kriegsversehrter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekommen. An der Westfront hatte er den rechten Arm verloren. Eine feindliche Kugel hatte seinen Oberarm zerfetzt.

Die Energieleistung dieser Aufbaugeneration ist schon einzigartig, aber Inkoferer legte noch was oben drauf: In der Mittelbayerischen Zeitung machte Inkoferer 1950 Schlagzeilen, als er quasi mit Links seine Meisterprüfung als Optiker ablegte.

„Der Mann hatte ein unglaubliches Geschick“, erinnert sich der 52-Jährige. „Mit seiner linken Hand klappte er Brillen auf, setzte sie auf. Mit Links schliff er auch Gläser, phänomenal.“ Manche Regensburger werden sich an diesen Mann noch erinnern können. Ludwig und Gertrud Inkoferer blieben kinderlos. 1988 hat Franke den Namen und das Geschäft seines Chefs übernommen. Inkoferer starb im Jahr 2002.

„Eine andere Philosophie leben“

Bewusst haben seine Nachfolger auf eine Filialisierung verzichtet. „Klasse statt Masse: Wir wollen eine andere Philosophie leben“, sagt Christine Franke. Inkoferer versucht, die individuelle, persönliche Note der Gründerzeit im Regensburger Geschäftsleben zu bewahren. Das ist ihr Beitrag gegen das Grau, den Einheitsbrei der Fußgängerzonen: Von Flensburg bis Garmisch sind alle Städte gleich. Man trifft überall auf dieselben Filialisten.

Inkoferer ist kein historischer Kramerladen, sondern ein moderner, erfolgreicher Betrieb. Er ist aber mit seiner speziellen Doppelfunktion auch die Brücke zu einer Zeit, als sich die Augenoptik aus dem Handel mit Schmuck und Uhren entwickelte. „Es gab früher nicht den Optiker in unserem heutigen Sinn. Die Gläser wurde nicht angemessen, es wurde halt probiert, was passt.“

Welchen Wandel der Handel mit Uhren und Brillen durchlief, kann man am Beispiel Sebastian Inkoferers ahnen. Er begann 1885 am Brückenbasar in Stadtamhof noch mit dem Verkauf von Taschenuhren. Wie der Schriftsteller und Soziologe Siegfried Kracauer in seinem autobiografischen Roman „Ginster“ beschreibt, fanden die Armbanduhren erst im Gefolge des Ersten Weltkriegs massenhafte Verbreitung.

Taschenuhren waren mit der modernen Kriegsführung nicht mehr vereinbar. Für Artillerieschützen war das richtige Timing entscheidend. Sie mussten einerseits mit beiden Händen das Geschütz bedienen, andererseits aber auch das Feuer genau mit den eigenen Fußtruppen synchronisieren. Das Militär entdeckte schnell den praktischen Nutzen der bis dahin wenig beliebten Armbanduhr – die Uhrzeit konnte mit einem kurzen Blick erfasst und zugleich gehandelt werden. Nach dem Ersten Weltkrieg löste die Armbanduhr die Taschenuhr als Marktführer ab.

Und der Brille ging der Kneifer voran. Aus der Gründerzeit hat Franke noch Nasenzwicker in der Art, wie sie der Vorsitzende im königlich-bayerischen Amtsgericht aufsetzte, wenn er aus Akten zitierte. Die Brillengestelle waren aus Nickel und rund wie die Gläser von Rodenstock und Zeiss. Die waren aus geschliffenem Silikatglas.

Die heutigen Besitzer

  • Stefan Frank

    wurde von 1979 bis 1982 bei Inkoferer am Haidplatz als Augenoptiker ausgebildet. Sein Vater Rudolf, ein Vertriebener aus dem Sudetenland, Uhrmachermeister und Augenoptikermeister, brachte ihn ins Geschäft. Franke sen. war Ludwig Inkoferers rechte Hand.

  • Seit 1988

    führt Franke das Fachgeschäft mit seiner Frau Christine. Sie hat ihren Abschluss als Dipl. Ing (FH) für Augenoptik.

  • http://inkoferer-optik.de/

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