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Montag, 18. Dezember 2017 3

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Ein Perücke verbindet zwei Frauen

Eine Aktion hilft der Regensburger Donaustrudl-Verkäuferin Sybille. Ohne den Bischof wäre es vermutlich nichts geworden.
Von Gabriele Pinkert, MZ

Sybille mit neuer Haarpracht (links) und Hilde B. Foto: Pinkert

Regensburg. Haare zählen zu den wichtigsten äußerlichen Attributen; bei Frauen sind sie ein Maßstab für Attraktivität und gelten als Zeichen für Gesundheit. Anders als bei Männern, die mit Glatze manchmal erst an Markantem gewinnen, ist das bei Frauen üblicherweise gerade nicht der Fall.

Wie also müssen sich die Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts fühlen, die an einer Krankheit mit Haarverlust leiden oder sich gar einer Chemotherapie unterziehen mussten. Schwer genug ist allein der Kampf ums Überleben. Nicht gerade erleichternd ist es dann, zusätzlich das Wissen um den Verlust der Attraktivität ist zu ertragen, die fragenden Blicke zu erdulden ...

Fremde Haare sind teuer

Sybille, eine junge Frau in dunklen Klamotten, zwischen 30 und 40, sitzt zwischen Müller und TK Maxx auf dem Fußboden, vor sich ein Glas mit ein paar Cent-Stücken und wenigen Euro-Münzen; ein, zwei Scheine stecken auch drin. Ihre langen blonden Haare hat sie mit einem dunklen Haarband zusammengehalten – vielleicht damit sie nicht immer nach vorn fallen. Als ich sie anspreche, meint sie ziemlich strikt, wir müssten uns ein anderes Mal unterhalten. Mit einem eindeutigen Blick auf die Uhr weist sie mich in meine Schranken: Sie habe jetzt noch genau zwei Stunden Zeit, um sich Geld zu erarbeiten. Davon werde sie später noch den „Donaustrudl“ kaufen, um diesen wieder weiterverkaufen; sie müsse schließlich die Miete zahlen und „zwei Stunden sind nicht viel, um 35 Euro zu erwirtschaften“, sagt sie klar. Klar wird auch, wenn ich neben ihr stehe, dann hält das die Leute ab, ihr Geld ins Glas zu werfen. Betteln funktioniert offensichtlich allein besser als zu zweit. Als ich gehe, streicht sie sich nochmal durch die Haare, bevor sie die nächsten Passanten anspricht.

Die blonde Frau, die da hockt, gehört schon ein bisschen zum Straßenbild von Regensburg und dürfte dem einen oder anderen bekannt sein; nur muss man sich an ihr neues Äußeres erst gewöhnen. Denn das „Durch-die-Haare-Streichen“ gibt es erst seit ein paar Wochen. Bis dahin bedeckte sie ihr Haupt eher mit Tüchern und fiel im Zweifel durch bunte Farben oder Muster auf.

So machte auch Hilde B. die Bekanntschaft von Sybille. Als sie ihr die Regensburger Straßenzeitung „Donaustrudl“ abkaufen wollte und mit ihr ins Gespräch kam, nahm sie in dem schmalen Gesicht von Sybille viel Leid und Schmerz wahr und sah auch die nicht vorhandenen Augenbrauen, das nicht vorhandene Haar unter dem Kopftuch.

Hilde fühlte sich erinnert: Auch sie hatte schon unschöne Zeiten erlebt. Erst 2012 musste sie sich einer Chemo unterziehen. Im Kampf gegen den Brustkrebs und im Vorfeld der Behandlung legte sie sich damals eine Echthaarperücke zu: „Ich dachte, ich würde diese Zeit nicht durchstehen ohne meine langen Haare“, erinnert sie sich. Allerdings kam die Perücke dann doch nie zum Einsatz, weil Hilde das fremde Gefühl auf dem Kopf nicht ertrug. So landeten 1700 Euro Verschönerungsmaßnahme im Schrank und ruhten vor sich hin.

Dabei wusste Hilde, dass sie eigentlich auf das Geld nicht verzichten könne; immerhin hatte sie 1600 Euro selbst investiert – schlichte 100 Euro wurden ihr von der Krankenkasse bzw. als Beihilfe bezuschusst: Schließlich gäbe es noch Alternativen für diesen Fall, wie Mützen und Kopftücher. So sah das Hilde aber damals nicht. Zwei Jahre später brachte sie es aber auch nicht übers Herz, einfach eine Anzeige aufzugeben und anonym die künstliche Haarpracht zu verkaufen. Zu viel Erinnerung an eine schlimme Zeit mit viel Bangen und großen Hoffnungen war damit verbunden. Sie wusste: „Irgendwann kommt der Tag, an dem diese Perücke ihre Bestimmung findet und jemandem wirklich helfen kann“, erzählt die Dame, die inzwischen ihren eigenen fransigen Pagenschnitt trägt und die Chemo gut überstanden hat.

Der Bischof als Nothelfer

Dieser besondere Tag war dann der des Zusammentreffens von Sybille und Hilde im vergangenen Winter. Beim Kauf der Straßenzeitung erfuhr Hilde, dass sich Sybille als ehemalige Drogenabhängige mit Hepatitis infiziert hatte und die Behandlung ihre Haare kostete. Hilde wollte helfen und erkannte, dass die junge Frau Gutes gebrauchen konnte. Die beiden vereinbarten ein Treffen, Sybille probierte die künstliche Haarpracht und fand Gefallen, wollte aber auch dafür zahlen. Sie wurden sich einig, dass die Übergabe bei Zahlung von 500 Euro stattfinden solle. Ab dieser Zeit liefen sich die beiden immer mal über den Weg, das Geld reichte nie aus, und so vergingen die Wochen bis in diesen Sommer hinein.

Anfang August war es dann so weit: Hilde und Sybille führten ein intensiveres Gespräch, es ging um Liebe und Nicht-Verantwortung des Partners und die nackte Wahrheit. Die Rewag hatte bei Sybille inzwischen den Strom abgedreht... Hilde war erschüttert; das Gespräch ließ sie nicht los. Auf dem Heimweg passierte dann der Schicksalswink des Himmels – im wahrsten Sinne des Wortes: Vor ihr lief Bischof Voderholzer.

Übervoll von dem Gedanken des Helfen-Wollens nutzte sie die Gunst der Stunde und zupfte am Ärmel des römisch-katholischen Kirchenoberhaupts von Regensburg: Sie erzählte die ganze Geschichte und konnte kaum ihren Ohren trauen, als er am Ende ihrer Ausführungen schlichtweg sagte: „Da helfen wir. Das ist doch klar“ – das Gespräch dauerte keine zehn Minuten, mitten in den Gassen von Regensburg fand es völlig ungeplant statt.

Keine Woche später fanden sich 400 Euro auf Hildes Konto – die restlichen 100 Euro will Sybille noch immer selber zahlen. Aber ihre Perücke hat sie schon. Im Kaufhof am Neupfarrplatz fand schließlich Mitte August die Übergabe statt. Ein weiterer Zufall wollte es, dass am Treffpunkt in den frisch renovierten Räumen der Damentoilette Audrey Hepburn zitiert ist mit den Worten: „Happy girls are the prettiest“. Wenn nicht in dieser, in welcher Situation wären diese Worte treffender?

In Vorbereitung zu diesem Text berichtet mir Hilde, dass Sybille an rosiger Farbe und Frische zugelegt habe - sie ist im dritten Monat schwanger. Audrey hat von allem nichts gewusst und doch irgendwie recht.

Hepatitis

  • Virus:

    Die Hepatitis C ist eine durch das Hepatitis-C-Virus verursachte Infektionskrankheit beim Menschen. Die Übertragung erfolgt über Blut. Eine Impfung gegen Hepatitis C ist bisher nicht möglich.

  • Behandlung:

    Bei der Behandlung ist mit zahlreichen Nebenwirkungen zu rechnen, die je nach Patient unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Behandlung kann unter anderem zu grippalen Symptomen, Müdigkeit, Haarausfall, Fehlfunktionen der Schilddrüse und psychischen Nebenwirkungen wie Depressionen, Aggressionen oder Angstzuständen führen.

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