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Erinnerung

Nazi-Opfer: CSU will neue Gedenkform

Stadtrat Armin Gugau fordert ein Internet-Kunstwerk zum Hören, wie es München verwirklicht hat. Regensburgs OB wundert sich.
Von Marion Koller, MZ

Diese Tafel am Münchner Odeonsplatz macht auf die „Memory Loops“ im Internet aufmerksam, die es für die Landeshauptstadt seit 2010 gibt. Das sind Hör-Collagen, die an Nazi-Opfer erinnern. Die CSU kann sich das auch in Regensburg vorstellen. Foto: Stadt München

Regensburg.In der Stadt erinnern mehrere Stein-Denkmäler an die Opfer des Nationalsozialismus. Die CSU fordert nun eine zeitgemäße Gedenkkultur – im Internet. Am Donnerstagabend schlug Armin Gugau im Kulturausschuss vor, Regensburg solle wie München eine Hör-Collage im Web schaffen. In der Landeshauptstadt hat die Künstlerin Michaela Meliàn Audio-Dateien mit Aussagen von Zeitzeugen und Archivmaterial zusammengestellt. Unter dem Titel „Memory Loops“ sind sie zum Anhören auf einem virtuellen Stadtplan hinterlegt.

„CSU hat uns immer abgebürstet“

Gugau bat zunächst, den CSU-Antrag parteipolitisch neutral zu behandeln. Er begründete den Vorstoß damit, dass junge Menschen die Informationen über die Verbrechen der Nationalsozialisten mit „Memory Loops“ am Handy abrufen könnten, also leichteren Zugang erhielten. Er nannte ein Beispiel: In Keilberg weise ein Stolperstein auf ein Nazi-Opfer hin. Er, Gugau, gehe davon aus, dass nur wenige Bewohner den Hintergrund kennen. Eine Hör-Collage sei hier sinnvoll.

OB Joachim Wolbergs versicherte zwar, er werde den Vorschlag parteipolitisch neutral behandeln, hielt sich jedoch – zumindest verbal – nicht daran. „Ich bin verwirrt, weil uns bisher die CSU immer abgebürstet hat, wenn wir solche Vorschläge machten“, stellte er fest. „Mich ärgert, wenn Leute glauben, sie seien die besseren Gedenker.“

In München hätten SPD und Grüne die „Memory Loops“ durchgesetzt – nicht nur gegen die CSU. Auch der damalige SPD-Oberbürgermeister Christian Ude lehnte das virtuelle Gedenken ab.

Wolbergs betonte, dass bereits ein Runder Tisch mit Dr. Jörg Skriebeleit, Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, und weiteren Fachleuten neue Formen der Erinnerung prüfe. Heuer im April hätten erstmals alle Regensburger Gruppierungen gemeinsam der Nazi-Opfer gedacht – nicht wie früher getrennt. Auch die städtischen Bemühungen für den Bau eines jüdischen Gemeindezentrums trügen endlich Früchte.

Und eine Gedenktafel zum KZ-Außenlager Colosseum werde bald am Gebäude selbst angebracht. „Wir sollten nicht so tun, als gäbe es in dieser Stadt kein Gedenken“, stellte Wolbergs fest. Die „Memory Loops“ finde er interessant, allerdings sehr teuer. München brachte 350 000 Euro dafür auf. Der Ausschuss kam überein, die „Memory Loops“ ebenfalls vom Runden Tisch prüfen zu lassen.

Armin Gugau merkte an, „die CSU-Faktion 2014 bis 2020“ habe nichts mit ihrer Vorgängerfraktion zu tun. Das quittierte der OB mit den Worten: „Das habe ich mehrmals erlebt.“

Ein heißes Eisen griff Margot Neuner (SPD) auf. Sie hatte bei Silke Merbold vom Jazzinstitut nachgefragt, wer der Jazzweekend-Jury angehört. Dieses Gremium wählt die Musiker des jährlichen Großevents aus. Merbold verriet die Namen nicht.

Jazzinstitut hält die Jury geheim

Im Ausschuss kritisierte Neuner diese Ablehnung als undemokratisch. Sie kenne sonst keine geheime Jury. Außerdem handle es sich beim Jazzweekend um eine Veranstaltung der Stadt und nicht des Instituts. Neuner fragte an, ob der OB die Antwort für angemessen halte und ob die Intendanz auf Lebenszeit an Merbold vergeben sei.

Wolbergs antwortete, das Problem seien die Konfliktlagen in der Jazz-Szene der Stadt. Er habe bei Merbold nachgefragt. Sie habe die Namen auch ihm gegenüber nicht preisgegeben, weil die Jury-Mitglieder das nicht wollten. Im Übrigen mache Silke Merbold beim Jazzweekend einen guten Job. Wolbergs versprach, die Chefin des Jazzinstituts ultimativ aufzufordern, die Jury-Zusammensetzung transparent zu machen. „Und wenn der Stadtrat einen Intendantenwechsel will, soll er mir das mitteilen“, gab er den Ausschussmitgliedern mit auf den Heimweg.

Erinnerungsschleifen

  • Der Begriff:

    „Memory Loops“ bedeutet im Deutschen so viel wie „Erinnerungsschleifen“.

  • Konzept in München:

    Die Landeshauptstadt hat mit „Memory Loops“ 2010 ein virtuelles Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus geschaffen.

  • Audio-Kunstwerk:

    Das Internet-Werk hat Michaela Meliàn geschaffen. Es besteht aus 300 Tonspuren.

  • Tondokumente:

    Sie sind zum Anhören und kostenlosen Download auf einem Stadtplan im Web hinterlegt.

  • Collage:

    Jede Tonspur besteht aus Stimmen und Musik, die thematisch einem Ort in der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ zugeordnet sind.

  • Siegerin:

    Mit ihrem Konzept „Memory Loops“ gewann Michaela Meliàn den Münchener Kunstwettbewerb.

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