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Dienstag, 21. November 2017 7

Geschichte

Regensburger erinnern an NS-Opfer

Joachim Wolbergs warnte beim Gedenkmarsch vor rechtsradikalen Tendenzen. Er forderte die Bürger auf, Zivilcourage zu zeigen.
Von Daniel Geradtz, MZ

Die Stadtspitze führte den Zug zum Gedenken der Nazi-Opfer an. Am Samstag beteiligten sich etwa 400 Personen an der Veranstaltung. Foto: Lex

Regensburg.Auch in diesem Jahr wurde wieder dem Schicksal der Opfer des Nationalsozialismus in Regensburg gedacht. Am Samstag versammelten sich rund 400 Personen, um an dem jährlichen Gedenkmarsch in der Innenstadt teilzunehmen. Mehrere Redner zogen bei den Kundgebungen Parallelen zwischen der Bedrohung einstiger Verfolgter und der aktuellen Situation der Flüchtlinge, deren Sicherheit mancherorts bedroht ist.

„Das Aufkommen von rechten Gedanken erinnert zu sehr an die Zeit der Nazis und ihre Folgen“, mahnte Oberbürgermeister Joachim Wolbergs bei seiner Ansprache vor dem Colosseum in Stadtamhof, in der Vergangenheit eine Außenstelle des Konzentrationslagers Flossenbürg. „Wer glaubt, so etwas kann sich nicht wiederholen, der irrt“, erklärte das Stadtoberhaupt. Er forderte die Bürger dazu auf, Zivilcourage zu zeigen, um ein Gegengewicht zu bilden.

Wolbergs nahm zusammen mit der Stadtspitze und Vertretern aller Fraktionen aus dem Stadtrat an der Veranstaltung teil, die seit den 1970er-Jahren von verschiedenen Organisatoren und Bündnissen getragen wird. Der Unterschied zu früher sei, dass die Stadtgesellschaft viel breiter vertreten ist als in den Anfangsjahren, erinnerte sich Luise Gutmann. Sie ist Vorsitzende des Regensburger „Bundes der Antifaschisten und Antifaschistinnen“ und seit Beginn dabei. „Zuerst war es eine reiner Studentenbewegung“, sagte sie.

Schüler erforschen Schicksale

400 Regensburger nahmen an dem Gedenken in der Innenstadt teil. Foto: Lex

Gutmann findet, dass die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Regensburg „kein Ruhmesblatt“ ist. Dennoch sei sie froh, dass sich die Stadt seit einiger Zeit aktiv darum kümmert, die Namen belasteter Personen aus dem öffentlichen Raum zu verbannen.

Auch Teresa Heil und Juliane Schikora vom Gymnasium Neutraubling haben in den letzten zwei Schuljahren einen Beitrag zur Aufarbeitung geleistet: Im Rahmen eines Projektseminars haben sie versucht, das Schicksal von im Colosseum Inhaftierten zu recherchieren. Am Samstag stellten sie einen Teil ihrer Ergebnisse vor. Sie berichteten, dass der aus Ludwigsburg stammende Friedrich Sambach einer der wenigen gewesen ist, die das Colosseum überlebt haben. Mit dem Stadtarchiv seiner Heimatstadt konnten sie einen Teil seines Lebens rekonstruieren. „Weil er überlebt hat, interessierten wir uns auch für sein Leben nach 1945“, sagten die Schülerinnen.

Vor dem Westportal des Doms erinnerte Diözesanpräses Stefan Wissel an Michael Lottner. Er wurde im April 1945 auf einer Kundgebung festgenommen. Die Demonstranten forderten damals die kampflose Übergabe Regensburgs. Lottner wurde aus der Gruppe herausgerissen, inhaftiert und hingerichtet. Nur drei Tage später wurde die Stadt von den amerikanischen Streitkräften übernommen.

Gedenken in Regensburg

  • Debatte:

    Da die Gedenkplatte am Colosseum in Stadtamhof umstritten war, wurde sie vor wenigen Wochen bereits entfernt. Oberbürgermeister Joachim Wolbergs kündigte an, dass dort zwei Stelen mit Informationen auf Deutsch und Englisch aufgestellt werden sollen.

  • Ausstellung:

    Bis zum 22. Mai ist in der Minoritenkirche die Ausstellung „Erinnerung – in memoriam Karl Stojka – Künstler im KZ Flossenbürg und Außenlagern“ geöffnet. Stojka überlebte die Zeit in mehreren Kozentrationslagern und arbeitete später die Erlebnisse in Form von Gemälden auf.

  • Stolpersteine:

    Im Regensburger Stadtgebiet erinnern 178 Stolpersteine an die Opfer des Nationalsozialismus.

Eine künstlerische Erinnerung

Jedes Jahr findet der Gedenkmarsch in Regensburg statt. Foto: Lex

Die damalige Kundgebung fand am Dachauplatz statt. Dort wurde am Samstag an den Münchener Hugo Höllenreiner gedacht. Er war ein Sinti und verstarb im vergangenen Jahr. Im Kindesalter überlebte er das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz. Der Pianist Adrian Gaspar und seine Mutter Iovanca setzten sich auf verschiedene Weisen mit dem Leben Höllenreiners auseinander: Sie drehten einen Film und komponierten ein Oratorium.

„Wir würden uns wünschen, dass Hugo Höllenreiner hier geehrt würde und das Oratorium aufgeführt würde“, blickte die Initiatorin der Gedenkveranstaltung, Luise Gutmann, in die Zukunft. Mit dem Zuspruch der Veranstaltung am Samstag war sie zufrieden: „Ich finde es sehr angemessen“, kommentierte sie die Anzahl der Regensburger, die gemeinsam der Opfer gedachten.

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