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Montag, 11. Dezember 2017 4

Mittelaltermarkt

Ritter, Hexen und glückliche Fans

Kleine Stilbrüche sind kein Problem: Beim „Regensburger Spectaculum“ am Grieser Spitz zählt die Mittelalter-Begeisterung.
Von Anna Jopp, MZ

Regensburger Spectaulum Stadtmaus Mittelaltermarkt Grieser Spitz Foto: altrofoto.de

Regensburg.An der äußersten Spitze der Donauinsel hat eine Wikinger-Sippe ein einfaches Lager aus Holzpfählen und Stoffsegeln errichtet. Auf einem dreibeinigen Hocker sitzt der Mann, der sich Ulfram Johannson nennt, und pumpt mit einem Blasebalg Luft in die Glut eines Lehmofens, über dem sein Kollege Glasperlen formt. Ulframs Frau Liv sitzt an einem Webrahmen, von langen Schnüren hängen bunte Wollstränge und über einem Feuer brodelt ein Kessel.

Die Wikingergruppe „Vidforull“ ist eine Ausnahme beim „Regensburger Spectaculum“ am Grieser Spitz, bei dem sich am Wochenende ansonsten größtenteils „typische“ Ritter und Burgfrauen des europäischen Mittelalters versammelt haben, um das „gemeine Volk“ drei Tage lang mit Schaukämpfen, Kunsthandwerk und Gauklerkunststücken zu bespaßen.

Das ist wie eine Sucht… Irgendwann stellst du fest, dass du 1500 Jahre Geschichte am Leib trägst und willst es besser machen, historisch genauer sein.

Ulfram Johannson

Für Ulfram, der im Alltag als Mischmeister in einem Regensburger Betonwerk arbeitet, ist das Wikingerdasein sowohl Hobby als auch willkommene Abwechslung: Seinen gesamten Jahresurlaub verbringt der Mann mit dem weißen Rauschebart auf Mittelaltermärkten wie dem „Spectaculum“, baut Zelte und fertigt immer realistischere Kleidungsstücke nach Vorlage echter archäologischer Funde.

Genauigkeit

„Das ist wie eine Sucht“, erklärt Ulfram. „Am Anfang gehst du noch als normaler Besucher auf einen Markt, beim nächsten Mal vielleicht schon in mittelalterlicher Kleidung. Irgendwann stellst du fest, dass du 1500 Jahre Geschichte am Leib trägst und willst es besser machen, historisch genauer sein.“ Mittlerweile sei die dreizehnköpfige Gruppe so versiert in nordischer Baukunst, dass sie archäologische Vermutungen über das Leben der Wikinger durch Ausprobieren und Nachbauen widerlegt habe.

Einige Mittelalterfans hatten sich um angemessene Kleidung bemüht –und machten durchaus Eindruck. Foto: altrofoto.de

So genau wie „Vidforull“ haben es mit der Authentizität in diesem Jahr nur wenige „Spectaculum“-Teilnehmer genommen: Ritter mit Armbanduhren oder ein Nutella-Glas auf dem Mittagstisch des Knappen verraten immer wieder, dass man sich im 21. Jahrhundert befindet. Das sei auch in Ordnung so, sagt Matthias Werner, Pressesprecher der Stadtmaus GmbH, die das Mittelalter-Festival in diesem Jahr schon zum 17. Mal ausrichtet. „Es geht uns eher um das Jahrmarktspektakel – wir wollen die Menschen emotional für das Mittelalter begeistern!“

Schöne Fotografien vom Regensburger Spectaculum zeigen wir in unserer Bildergalerie:

Das Mittelalter-Spectaculum am Grieser Spitz

Wie das aussehen kann, zeigt Aussteller Konstantin Neumann an einer besonderen Attraktion: Im „Altteutschen Handkurbel-Riesenrad“ bugsiert er vor Glück kreischende Kinder in vier Holzgondeln in die Höhe. Wirklich mittelalterlich sei auch das nicht, gibt Neumann zu, während er einem kleinen Mädchen beim Einsteigen hilft. „Solche Riesenräder existieren eigentlich erst seit der Renaissance – und TÜV-zertifiziert mussten die Räder damals auch noch nicht sein.“ Viel wichtiger als historische Korrektheit sei die Freude der Kinder an dem außergewöhnlichen Fahrgeschäft.

Man habe sich bemüht, ein abwechslungsreiches Programm zusammenzustellen, bei dem sowohl Familien als auch eingeschworene Mittelalterfans auf ihre Kosten kämen, sagt Matthias Werner. So liefern sich das ganze Wochenende über Ritter Schaukämpfe in voller Rüstung, Kinder reiten auf Ponys über das Gelände oder lauschen einem Märchenerzähler, während ihre Eltern sich einen Schluck Met gönnen oder das Sortiment der vielen Kunsthandwerkerstände bewundern.

Regensburger Spectaculum

  • Das Festival

    „Regensburger Spectaculum“ lockte von Freitag bis Sonntag tausende Besucher auf das Gelände am Grieser Spitz. Der Mittelaltermarkt mit ausführlichem Rahmenprogramm findet seit 17 Jahren an der Donau statt.

  • Höhepunkt

    Ein Highlight vieler Besucher war der Auftritt der Regensburger Folk-Rock-Band „Fuchsteufelswild“. Videoaufnahmen des Konzertes werden als Live-DVD erscheinen.

  • Vorteil

    Wer seine „Spectaculum“-Eintrittskarte aufgehoben hat, erhält mit dem Ticket ermäßigten Eintritt bei den Römertagen in Bad Gögging vom 13. bis 15. August.

Die weiteste Anreise hatten im Vorfeld wohl Inn McKay und Barbara Ishworth. Die beiden Rentnerinnen aus dem fernen Neuseeland sind nur zufällig zum Grieser Spitz gekommen, weil ihr Kreuzfahrtschiff in der Nähe vor Anker liegt. Vom Mittelalter-Festival sind sie begeistert: „Wir verstehen zwar kein Wort von dem, was die Leute sagten, die Atmosphäre hier finden wir aber trotzdem großartig!“

Bayernweit ein guter Ruf

Im Rahmenprogramm wechseln sich derweil Spaßmacher wie der verrückte Gaukler Jolandolo von Birkenschwamm mit Vorführungen zu den „Modetrends des Mittelalters“ ab. Zum ersten Mal dabei ist Magister Geometer, der an Schaubildern das mittelalterliche Weltbild eines kugelförmigen Universums mit scheibenförmiger Erde erklärt. „Unser Fest genießt bayernweit einen sehr guten Ruf“, sagt Werner. Gerade Familien mit Kindern schätzten die Möglichkeit, auf der idyllisch gelegenen Wiese einen entspannten Nachmittag zu verbringen.

Die Kinder hatten ihren Spaß. Foto: altrofoto.de

Besonderes Highlight in diesem Jahr ist der Auftritt der aufstrebenden Regensburger Folk-Rock-Band „Fuchsteufelswild“ am Samstagabend auf der „Spectaculum“-Bühne. Gemeinsam mit befreundeten Gastkünstlern wie der Akrobatik-Tanzgruppe „Flip Flops“ aus Straubing und „Bernd das Brot“-Erfinder Tommy Krappweis bringen die Musiker um Sänger Bastian „Cordoban“ Brenner ihre Besucher bei zwei Konzerten zum Hüpfen und Mitsingen. Aus den Aufnahmen soll später eine Live-DVD entstehen.

„Überall lachende Gesichter!“ Stadtmaus-Geschäftsführerin Christine Vogel ist sehr zufrieden mit dem Andrang und dem Feedback der mehreren tausend Besucher. Auch das Wetter sei, vor allem am Freitag und Samstag, perfekt gewesen, „nicht zu heiß und nicht zu kalt.“ Die gute Zusammenarbeit mit der Stadt Regensburg habe man wie immer sehr genossen. Ihr Fazit fällt deshalb insgesamt sehr positiv aus: „Das ‚Spectaculum‘ war unser erstes Fest und ist deswegen auch nach 17 Jahren noch etwas Besonderes. Wir sind alle mit ganzem Herzen dabei.“

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