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Holocaust

Zwei Stelen beenden Gedenk-Eklat

Seit drei Jahren steht die Inschrift in Stadtamhof in der Kritik. Nun durch Texttafeln ersetzt werden und verschwinden.
von Heike Haala, MZ

Die umstrittene Gedenkplatte in Stadtamhof soll bis zum Frühsommer entfernt werden. Archiv-Foto: Lex

Regensburg.Vor fünf Jahren wurde die Gedenkplatte, die an das ehemalige Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg erinnern soll, in das Kopfsteinpflaster vor dem Colosseum in Stadtamhof eingelassen. Vor drei Jahren sorgte die Formulierung der Inschrift dann für einen gewaltigen Gedenk-Eklat, am 23. April soll die Platte nun endgültig wieder aus dem Regensburger Stadtbild verschwunden sein. Damit findet ein schwieriges und langwieriges Kapitel in der Geschichte des Regensburger Holocaust-Gedenkens ein Ende.

Anstelle der Platte sollen nun zwei Stelen aufgebaut werden. Sie werden den Gedenkstein in Stadtamhof flankieren und über die Gräuel in der Außenstelle informieren. Eine von ihnen wird speziell an das Colosseum als Außenlager des Konzentrationslagers Flossenbürg erinnern, eine weitere an das System der Außenlager des KZs Flossenbürg im Allgemeinen. Auf den Stelen werden beispielsweise historische Fakten zum Colosseum sowie Zeitzeugenberichte zum KZ Flossenbürg in deutscher und englischer Sprache zu finden sein, das gab OB Joachim Wolbergs am Mittwoch bekannt. Beim Colosseum selbst wird eine Gedenktafel auf diese Stelen verweisen. Die umstrittene Bodenplatte soll noch vor dem 23. April – dem Jahrestag des Todesmarsches der Insassen – entfernt werden.

Stelen aus Glas und Stahl

Die Stelen aus Glas und Stahl sollen im Frühsommer aufgebaut werden und dem Corporate Desgin der Außenstellen des KZs Flossenbürg entsprechen. Laut MZ-Informationen ist das eine provisorische Lösung, bis das Gedenkkonzept der Stadt steht.

Seit April ist 2013 klar, dass die Inschrift, so wie sie jetzt zu lesen ist, keinen Bestand haben kann. Damals stellte das Kulturreferat ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten von Ulrich Fritz (Stiftung Bayerische Gedenkstätten), Dr. Jörg Skribeleit (KZ-Gedenkstätte Flossenbürg) und Prof. Dr. Markus Spoerer (Uni Regensburg) vor. Das 34-seitige Papier bescheinigt der Stadt schlechte Noten in Sachen Erinnerungskultur. Deswegen forderten die Experten unter anderem ein grundlegendes Gedenkkonzept für die Stadt und die Entfernung der Inschrift vor dem Colosseum.

Ein Dorn im Auge ist den Verfassern des Gutachten seither vor allem der letzte Satz der Gedenkplatte. Dort steht: „Vor dem Haus mussten die Häftlinge, durch Unterernährung und Demütigung geschwächt, zum Appell antreten.“ In dem Gutachten kritisieren die drei Experten, dass diese Formulierung in fast grotesker Weise am Kern der Sache vorbeigeht. „Dass vor dem Haus Häftlinge zum Appell antreten mussten, verschleiert, dass im Haus Häftlinge an Auszehrung und Misshandlung starben“, schreiben sie.

Die Verzögerung von rund einem Jahr, begründete Wolbergs damit, dass es schwierig sei, alle Akteure bei so einem Projekt unter einen Hut zu bekommen. OB Joachim Wolbergs hatte bereits vor einem Jahr angekündigt, dass er eine Lösung für die umstrittene Gedenkplatte in Stadtamhof gefunden hat. Kurz vor dem 70. Jahrestag des Todesmarschs von 400 Häftlingen aus dem KZ-Außenlager im Colosseum in Stadtamhof sagte Wolbergs im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Platte spätestens im Mai 2015 verschwunden sein wird. Getan hat sich seither Zeit aber nichts: Weiterhin ist der Text fest im Stadtamhofer Trottoir verankert.

Versprechen aus dem Wahlkampf

Dabei war es im April 2013 gerade die SPD-Fraktion, die sich ausnahmslos zu allen Forderungen der Experten bekannte und auf ihre Umsetzung drängte. „Das setzen wir um, wenn es die Gelegenheit gibt“, sagte der damalige Oberbürgermeister-Kandidat Wolbergs während einer Pressekonferenz zu dem Thema. Wenn die SPD erst mehr Einfluss im Stadtrat besitzt, dann könnten den Willenserklärungen Taten folgen – so die Ankündigung aus Wahlkampfzeiten. Wolbergs räumte bei diesem Termin aber auch ein, den umstrittenen Text mit freigegeben zu haben. Es sei ihm erst später aufgefallen, dass er dem Geschehen nicht gerecht wird.

Das Außenlager des Konzentrationslagers (KZ) Flossenbürg wurde vor 71 Jahren in den letzten fünf Wochen des Zweiten Weltkriegs im Colosseum in Stadtamhof eingerichtet. Von 19. März bis 23. April 1945 waren dort rund 400 männliche KZ-Häftlinge interniert. Im Bereich westlich des Regensburger Hauptbahnhofs verrichteten sie Zwangsarbeit. Ihre Aufgabe war es, die Gleise wieder instandzusetzen, die die Alliierten dort zerbombt hatten. Am 23. April 1945 trieben die Nazis die Gefangenen auf einen Todesmarsch in Richtung Landshut, den etwa 50 von ihnen überlebten. Einer von ihnen war Zbigniew Kolakowski. Im vergangenen Jahr kam er ein letztes Mal nach Regensburg, um im Evangelischen Bildungswerk zum 70. Jahrestag von dem Todesmarsch zu berichten. Anfang Februar starb einer der 90-Jährige. Er war der letzte Zeitzeuge des Colosseums.

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