mz_logo

Stadtteile
Dienstag, 23. Januar 2018 10

Glaube

Weihnachtsgeschichte der anderen Art

Bei der Christmette und am ersten Weihnachtsfeiertag versammeln sich zahlreiche Gläubige im Regensburger Dom.

Die Regensburger Domspatzen sangen im abgedunkelten, nur von Kerzenlicht erleuchteten Dom „Stille Nacht, heilige Nacht“. Foto: Bistum Regensburg

Regensburg.Es war eine ungewöhnliche Christmette, die in der diesjährigen Heiligen Nacht im voll besetzten Hohen Dom St. Peter zu Regensburg stattgefunden hat. Denn Bischof Rudolf Voderholzer nutzte die Gelegenheit, in seiner Predigt eine „Weihnachtsgeschichte“ anderer Art zu erzählen: eine Begebenheit, die sich vor genau 70 Jahren bei der damaligen Christmette im Regensburger Dom am 24. Dezember 1945 zugetragen hatte – mit durchaus aktuellen Bezügen zur heutigen Flüchtlingssituation.

Der Regensburger Dom war bei der Christmette voll besetzt. Foto: Bistum Regensburg

Erst vor wenigen Wochen habe ihn ein an ihn adressierter Brief aus Amerika überhaupt auf diese Ereignisse von vor 70 Jahren aufmerksam gemacht, so der Regensburger Oberhirte. Und nach der Lektüre dieses Briefes habe er nur mehr feststellen können: „Die schönsten und bewegendsten Weihnachtsgeschichten schreibt das Leben selbst.“

„Die schönsten und bewegendsten Weihnachtsgeschichten schreibt das Leben selbst.“

Bischof Rudolf Voderholzer

In dem Brief aus Übersee schilderten drei Amerikaner Bischof Rudolf das Schicksal ihrer Mutter, der 2010 verstorbenen Deutsch-Amerikanerin Gabriele Vawter (geb. Meyer). Diese wurde kurz vor Weihnachten 1945 aus einem russischen Kriegsgefangenlager in der Tschechei freigelassen und schlug sich von dort aus bis ins amerikanisch besetzte Regensburg durch.

Fremder gab ihr Marken

Vollkommen entkräftet und inmitten vieler anderer Flüchtlinge nahm sich ein gutherziger Fremder ihrer an, schenkte ihr Lebensmittelmarken – und nahm sie mit zur Christmette in den Regensburger Dom.

Bischof Rudolf Voderholzer berichtete bei der Christmette im Regensburger Dom von einer „heilenden Weihnachtserfahrung“ vor 70 Jahren. Foto: MZ-Archiv/altrofoto.de

Was sie in dieser Heiligen Nacht vor 70 Jahren nicht ahnen konnte, war, so Bischof Rudolf: „Es sollte der beste Heilige Abend ihres Lebens werden.“ Denn die Feier der Heiligen Messe an Weihnachten war trotz aller Not und Nachkriegswirren ausgesprochen festlich, die Regensburger Domspatzen sangen engelsgleich – und Gabriele Vawter konnte, wie sie selbst ihren Kindern Jahre später mitteilte, allen Schmerz und alles Leid, das ihr bis dahin wiederfahren war, buchstäblich vergessen. Nach dem Krieg wanderte sie nach Amerika aus. Das Informationsblatt, das für diesen Weihnachtsabend 1945 im Dom zu Regensburg eigens gedruckt worden war, bewahrte sie zeit ihres Lebens auf.

Für Bischof Rudolf Voderholzer ist dies der Beweis dafür, dass sowohl der christliche Glaube als auch der geistliche Gesang Balsam und Heilung für geschundene Seelen sein können: „Wichtig war das trockene Brot für die Lebensmittelmarken. Vielleicht sogar noch wichtiger war aber für Gabriele Vawter offenbar die Erfahrung der Schönheit, die Liturgie, der Glanz der Ewigkeit, der sich in ihr vermittelt. Die Architektur und die Musik, mit denen die menschliche Kunst antwortet auf Gottes Entgegenkommen und es zugleich erfahrbar, geradezu sinnlich erfahrbar macht.“

Drei Kinder kamen im Gedenken

Sichtlich erfreut war Voderholzer darüber, dass die drei Kinder der vor fünf Jahren verstorbenen Gabriele Vawter im Gedenken an Ihre Mutter die Christmette im Regensburger Dom mitfeierten. Er begrüßte Gabriele Vawters Tochter Dorle, die Söhne Art und Tom sowie weitere Familienangehörige unter dem Applaus der anwesenden Gläubigen.

Andrang vor dem Regensburger Dom Foto: Bistum Regensburg

Der Bischof erinnerte zudem an die aktuelle Flüchtlingssituation – und hierbei vor allem an die Christenverfolgung im Nahen Osten. Einige christliche Flüchtlinge aus Syrien waren zu Gast im Dom. Voderholzer rief ihnen ermutigend zu: „Auch heute wie bereits 1945/1946 werden Menschen, denen Krieg und Terror die Heimat geraubt haben, bei uns offene Türen und offene Herzen finden.“

„Auch heute wie bereits 1945/1946 werden Menschen, denen Krieg und Terror die Heimat geraubt haben, bei uns offene Türen und offene Herzen finden.“

Bischof Rudolf Voderholzer

Die Regensburger Domspatzen unter der Leitung von Domkapellmeister Roland Büchner gestalteten den Gottesdienst auf höchstem musikalischem Niveau. Vor dem Hauptaltar am Vortragekreuz wurde ein Christbaum aufgestellt, geschmückt mit Äpfeln, Strohsternen, Lebkuchen und Kerzen. Mehrere Domspatzen entzündeten die Wachskerzen an dem Baum mit dem Feuer des Friedenslichtes, das Pfadfinder in den Tagen zuvor aus Bethlehem nach Regensburg gebracht hatten.

Die Domspatzen in Aktion Foto: Bistum Regensburg

Abschließend sangen die Domspatzen im abgedunkelten, nur von Kerzenlicht erleuchteten Dom das „Quem pastores laudavere“ sowie „Stille Nacht, heilige Nacht“.

Auch Karmelitenkirche überfüllt

Bereits am Nachmittag hatte Bischof Voderholzer die von Caritas, Strohhalm und den Barmherzigen Brüdern gemeinsam ausgerichtete Weihnachtsfeier für alleinstehende, alleingelassene und bedürftige Menschen in St. Emmeram besucht. Im Anschluss hatte der Regensburger Oberhirte die traditionelle Christkindlandacht in der mit Gläubigen überfüllten Karmelitenkirche St. Josef am Alten Kornmarkt in Regensburg gefeiert.

Hochfest der Geburt Christi

Am ersten Weihnachtsfeiertag feierte Bischof Voderholzer mit den Gläubigen das Hochfest der Geburt Christi. Foto: Bistum Regensburg

Am Donnerstagvormittag feierten der Bischof, Weihbischöfe, die Mitglieder des Domkapitels und viele Gläubigen dann das Hochfest der Geburt Jesu Christi im Regensburger Dom. Die wesentlichen Messtexte auf Latein sollten hierbei die Verbundenheit mit Papst Franziskus in Rom und mit der ganzen Weltkirche ausdrücken. Die Domspatzen formten die Weihnachts-Botschaft in Töne und Harmonien. Vor allem aber entzündeten die Domspatzen gleich neben Kreuz und Altar die Kerzen des Weihnachtsbaumes, an dem Äpfel und Strohsterne hängen. Diese sollten symbolisch an den Sündenfall und an die Erlösung durch die Menschwerdung Jesu Christi im Stroh erinnern.

Die Domspatzen entzündeten neben Kreuz und Altar die Kerzen des Weihnachtsbaumes, an dem Äpfel und Strohsterne hängen. Foto: Bistum Regensburg

Die Weihnachtsbotschaft in behutsame Worte fasste Bischof Voderholzer in seiner Predigt: Wehrlos, bedürftig und arm spreche das göttliche Wort im unmündigen Kind zu uns Menschen. Nicht stumm sei das Kind, allerdings spreche es „non-verbal“: Demnach gelte es, dass wir alle Munition beiseite lassen und uns auf die entwaffnende Wehrlosigkeit des Christuskindes einlassen. Seine Hilfsbedürftigkeit schicke uns in die Schule der Aufmerksamkeit. Für das Zarte und Schwache sollten wir sensibilisiert sein. Die Liebe zu Jesus Christus sollten die Gläubigen im Wort bekennen, so die abschließende Forderung von Bischof Voderholzer.

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht