mz_logo

Stadtteile
Donnerstag, 14. Dezember 2017 4

Architektur

Weiß, Gold, Grün: Der Dom ging mit der Mode

Das Innere der Regensburger Kathedrale sah nicht immer so aus wie heute. Die Baumeister gestalteten den Raum dreimal um.
von Heike Haala, MZ

Der Dom im Rundumblick - Spherical Image - RICOH THETA

Regensburg.Wer den Dom betritt, erhält gleichzeitig auch eine Einladung zum Schauen, die er – wie gläubig er auch sein mag – nur schwer ausschlagen kann. Schon ob der schieren Größe des Kirchenraums beginnt der Blick zu wandern: über die im unverputzten Mauerwerk sichtbar verlaufenden Fugen, über die in vielen Grau- und Grünnuancen changierenden Steine der Kirchenschiffe, hin zum bunten Funkeln der riesigen Fensterbahnen, mit denen der Blick schließlich in die Spitzbögen und die Verästelungen des Maßwerks emporstrebt.

So sieht der Dom heute aus: Auf dem 360-Grad-Bild können Sie sich noch einmal in der Kathedrale umsehen. Klicken Sie einfach in das Bild, um zu starten, und nutzen Sie dann ihre Maus (oder ihren Finger, wenn Sie ein mobiles Endgerät nutzen), um sich im Bild zu bewegen.

Diese Wirkung hat der Dom jetzt seit fast 700 Jahren auf die Besucher. Denn seit etwa 1320 nutzen ihn die Regensburger für Gottesdienste. Das heißt aber nicht, dass er während dieser Zeit immer gleich aussah. Der Kirchenraum veränderte sein Aussehen in dieser Zeit dreimal grundlegend. So war er zunächst weiß, ab der Renaissance golden und im Barock grün, bevor er im 19. Jahrhundert schließlich sein heutiges Raumkonzept verpasst bekam.

Das sagt der Regensburger Dom-Experte Prof. Achim Hubel.Er weiß das so genau, weil er zusammen mit seinem Domforscher-Kollegen Prof. Manfred Schuller ein 30-jähriges Forschungsprojekt zu der Kathedrale abgeschlossen hat. Die beiden haben den letzten Band der fünfteiligen Reihe „Der Dom zu Regensburg“ herausgegeben. Mit drei Textbänden, einem Band mit Fotografien und einem Tafelband machen die beiden Professoren den Dom zur am besten erforschten Kathedrale der Welt. Gleichzeitig liefern sie ein Standardwerk zum Thema Kathedralbau, das weit über das Regensburger Wahrzeichen hinausweist.

Pigmente weckten den Wissensdurst

Hubel setzt sich im letzten Band der Reihe vor allem mit der Farbigkeit des Dom-Innenraums auseinander. Er stieß immer wieder auf Farbreste aus längst vergangenen Zeiten. Sein Mitarbeiter, Dr. Friedrich Fuchs, untersuchte die Figuren und fand bis zu fünf Farbschichten übereinander, beispielsweise beim berühmten lachenden Engel. Die Partikel ließen den Forschern keine Ruhe mehr. Jetzt wollten sie ganz genau wissen, wie der Dom früher einmal ausgesehen hat. Sieben Jahre lang rekonstruierte ein Team aus zehn Doktoranden zusammen mit dem Bamberger Informatiker Prof. Christoph Schlieder die alten Farbschichten am Computer. Die Simulationen zeigen, wie der Dom auf die Besucher aus anderen Epochen gewirkt haben könnte.

Als der Dominnenraum um 1320 seine erste Fassung erhielt, war der christliche Glauben in der Bevölkerung unangefochten. Die Regensburger waren tief religiös, sie wollten dem Göttlichen so nahe wie nur irgendwie möglich kommen. Diese Spiritualität spiegelte sich auch knapp 300 Jahre lang im ersten Farbkonzept der Kathedrale wider. Es ging den Gestaltern des Doms darum, den Regensburgern eine Vorstellung vom himmlischen Jerusalem zu vermitteln, wie es Johannes in seiner Offenbarung beschrieben hat.

Die entmaterialisierte Kirche

Diese Endzeit-Vision verlangte nach einem Gefühl des Emporstrebens. Deswegen ließ der Dombaumeister die hellen Kalksteine im Innenraum der Kirche nicht bemalen, vereinzelte Grünsandsteine dazwischen wurden weiß gestrichen. „Die riesigen Fenster des Doms schienen in diesem entmaterialisierten Kirchenraum regelrecht zu schweben“, sagt Hubel. Es gab wenige Farbtupfer auf diesen weißen Wandflächen: Das waren die Heiligenfiguren und die Altäre. Die Ausstattung bekam einen kräftigen und klaren Anstrich, etwa in den Farben Rot, Grün, Blau und Weiß, ergänzt durch goldene Akzente auf den Gewändern der Figuren.

Als Bischof Albert IV. knapp dreihundert Jahre später viel Geld für die Fertigstellung von drei Gewölben im Mittelschiff in die Hand nahm, war die spirituelle Wirkung kaum mehr spürbar. Die alte Fassung war staubig geworden und bedurfte einer Erneuerung. Inzwischen hatte die Renaissance auch in Regensburg Einzug gehalten. Diese Kulturepoche liebte Pracht, war aber auch streng religiös, weswegen die Gestalter der Beschreibung des himmlischen Jerusalems noch näher kommen wollten.

Wollen Sie wissen, wie der Dom gebaut wurde? Klicken Sie auf unsere interaktive Grafik.

Diese Orientierung am Bibeltext ließ dem Domkapitel keine Wahl, was die Farbigkeit des Kirchenraums anging. Schließlich steht dort etwas von Glanz und Edelsteinen. Gold war also gefragt. „Der Dom sollte jetzt so kostbar wirken, wie das Innere eines Reliquienschreins“, sagt Hubel. Weil eine komplette Vergoldung des Doms schon aus Kostengründen nicht in Frage kam, bekamen lediglich exponierte Bauteile wie die Kapitelle eine glänzende Schicht aus Blattgold verpasst. Der Rest der Mauern leuchtete fortan in einem kräftigen Ockerton. Damit sich die Figuren davon absetzten, bekamen sie einen pastelligen Anstrich in Rosé und Pistazie oder auch Bordeaux.

Um das Jahr 1700 nahm ein weiterer Bischof Geld für den Regensburger Dom in die Hand. Das war der Fürstbischof Joseph Clemens von Bayern. Er spendierte den Josefsaltar, der zunächst im nördlichen Querhaus des Doms stand, inzwischen aber der Hauptaltar der Karmelitenkirche ist. Schönheitsfehler bei dieser Angelegenheit war, dass der Josefsaltar ganz nach dem Geschmack der Zeit ausgestaltet wurde. All das Gold und das Silber oder die kunstvoll gewundenen Säulen hätten ihre Wirkung aber nicht entfalten können, wenn der Dom seinerseits bereits goldenen Glanz versprüht hätte. Die Kirche musste ein weiteres Mal modernisiert werden.

Unser Video zeigt, wie die Bauphasen des Doms verliefen.

Wie also verwandelt man eine immerhin schon 400 Jahre alte gotische Kathedrale mit Spitzbögen in eine opulente Barockkirche? Die Architektur selbst sollte unangetastet bleiben, schließlich waren die Regensburger auch damals schon stolz auf ihren Dom. Der Dombaumeister machte sich die Möglichkeiten der Lichtregie zunutze: Und so ließ der den Kirchenraum in einem Olivgrau tünchen, brach einige der Glasfenster aus dem Mittelschiff heraus und ersetzte sie durch helles Fensterglas. So holte er sich viel Licht in den im unteren Teil düster wirkenden Kirchenraum, mit dem er spielen konnte. Auf diese Weise gelang die barocke Rauminszenierung aller gotischen Altlasten zum Trotz. Damit sich die Heiligenfiguren weiterhin von der Mauer abhoben, wurden sie weiß bemalt.

Damit sah der Dom schon fast aus wie heute. Allerdings erfuhr er noch eine weitere Umgestaltung. Ab 1834 ließ König Ludwig I. den Dom regotisieren. Er wollte, dass er wieder so aussah wie im Mittelalter. Dazu gehörte für ihn, dass der Stein sichtbar ist – von dem mittelalterlichen Dom in Weiß wusste der König nichts. Weil das barocke Olivgrau der Wände des Doms auf ihn wirkte, wie Naturstein, blieben sie diesmal unangetastet. So steht der Dom bis heute da. Die Farbreste aber konnten Hubel auf die Fährte in vergangene Zeiten führen.

Weitere Nachrichten aus Regensburg finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten von mittelbayerische.de jetzt auch über WhatsApp. Hier anmelden: http://www.mittelbayerische.de/whatsapp.

Arbeiter auf der Dombaustelle

  • Der Dombaumeister:

    Er war nicht nur der Chef auf der gotischen Baustelle und konnte dem Bauabschnitt, für den er zuständig war, seinen persönlichen Stempel aufdrücken – in der Stadtgesellschaft war der Dombaumeister auch ein gemachter Mann. Das drückte sich in Sondergeschenken aus, die er für seine Arbeit bekam. So bekam Matthäus Roriczer vom Domkapitel beispielsweise einen mit Fuchspelz gefütterten Mantel für seine Arbeit geschenkt. Überhaupt verdiente ein Dombaumeister drei- bis viermal so viel wie ein Geselle der Dombauhütte. Zusätzlich zu diesem Lohn bekam er für jede von ihm gemeißelte Figur weiteres Honorar. Schon deswegen ist davon auszugehen, dass alle Regensburger Dombaumeister auch als Bildhauer tätig waren. Während der Bauphase des Doms gab es insgesamt 14 dieser Baumeister. Der bekannteste ist der Erminoldmeister, Meister Ludwig, der die Verkündigungsgruppe mit dem lachenden Engel aus dem Stein schlug.

  • Die Lehrlinge:

    Auf der Dombaustelle gab es stets auch ein bis zwei Lehrlinge. Sie eigneten sich die auf der Baustelle gebräuchlichen Techniken an. Prof. Achim Hubel geht davon aus, dass sie am Anfang ihrer Lehre damit begannen, die Steine lediglich grob zu bearbeiten. So skizzierte der Chef etwa die Umrisse des späteren Architekturstücks auf dem Steinquader vor. Dann konnten die Lehrlinge diese Umrisse freilegen. Dafür bekamen sie einen Lohn von vier Pfennigen am Tag. Eine Abschlussprüfung mussten sie nach ihrer etwa drei Jahre dauernden Lehrzeit allerdings nicht absolvieren. Dafür gingen sie auf Wanderschaft. Viele stiegen nach ihrer Zeit am Regensburger Dom einfach auf ein Schiff donauabwärts. Denn die europäischen Dombauhütten standen in engem Kontakt und tauschten Arbeiter aus. So waren Wien und Budapest die ersten Stationen so mancher Walz. Dort boten die Handwerker ihre Dienste an und konnten ihre Kenntnisse gleichzeitig vertiefen.

  • Die Gesellen:

    Steinmetzgesellen kamen zur und gingen von der Dombaustelle. Die Besetzung der Mannschaft veränderte sich ständig. Die Gesellen wurden pro Woche bezahlt, der Tagessatz belief sich auf neun Silberpfennige im Sommer und sieben Silberpfennige im Winter – in der kalten Jahreszeit ging es auch schon auf der gotischen Baustelle nicht so gut voran. Außerdem erhielten die Steinmetze einen Badepfennig. Damit konnten sie etwa die Badestube bei der Steinernen Brücke besuchen. Dort erwartete sie eine mittelalterliche Wellness-Kur mit einem Dampfbad und einer Behandlung mit heißen Steinen. „Das war ein normales Gehalt, davon konnte man leben“, sagt Hubel. Als Arbeitsnachweis meißelten die Gesellen auf manchen Quadern ein Zeichen ein. Allerdings helfen diese Steinmetzzeichen nicht bei der Identifikation einzelner Gesellen weiter. Denn diese konnten ihre Zeichen auch wechseln oder gaben sie an Nachfolger weiter.

  • Glasmaler, Schmiede, Zimmerer:

    Auf der Dombaustelle gab es auch Arbeiten, bei denen ein ausgebildeter Steinmetz bei aller Kraft an seine Grenzen stieß. Etwa, wenn die Mauern mit Klammern stabilisiert werden mussten, wenn die Beschläge für Türen geschmiedet werden sollten oder beim Bau und Einbau der bunt funkelnden, großflächigen Fensterbahnen, die so typisch für den Regensburger Dom sind. Bei diesen Arbeitsschritten waren Spezialisten gefragt, die aber nicht ständig auf der Dombaustelle zu tun hatten. Diese Handwerker wurden je nach Bedarf beauftragt und kamen oftmals aus Regensburg. Zum Beispiel die Zimmerer, die den Dachstuhl errichteten. Sie hatten gleichzeitig auch auf einer anderen prominenten Regensburger Baustelle des Mittelalters zu tun: Aus ihren Spuren im Holz weiß man heute, dass sie sich auf der Baustelle für das Alte Rathaus nur wenige Hundert Meter weiter verdingten. Andere Spezialisten waren die Kapfelberger Steinbrecher.

Der Dom im Rundumblick - Spherical Image - RICOH THETA
img style="max-width:100%" src="//cdn.thinglink.me/api/image/893451832372756480/1024/10/scaletowidth#tl-893451832372756480;1043138249'" class="alwaysThinglink"/>
Enstehung des Regensburger Doms

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht