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Donnerstag, 27. Juli 2017 16° 7

Biografie

Rosensteins Geschichte einer Erzählerin

Die Mutter des Regensburger Pfarrers ist in Estland eine gefeierte Literatin. Ihr Sohn hat ein Buch über sie geschrieben.
Von Harald Raab, MZ

Pfarrer Dr. Gustav Rosenstein in seinem Regensburger Garten mit der Biografie über seine Mutter, der estnisch-deutschen Dichterin Salme Raatma. Foto: Raab

Regensburg.Jetzt sind die zwischen 1939 und 1945 geborenen Kriegskinder an der Reihe, ihre Geschichte zu erzählen. Ihre Kindheitserinnerungen sind in erster Linie Bekundungen tief eingegrabener Gefühle, existentielle Ängste und chaotischer Atmosphären des Zerfalls tradierter Sicherheit in einem Zeitalter der großen, gewaltsamen Umwälzungen.

Der frühere Gemeindepfarrer und Theologe Gustav Rosenstein hat sich dieser Pflicht mit einer profunden Spurensuche nach seiner familiären Herkunft unterzogen. Leitstern in dieser Erkundung von Identität ist die Lyrikerin, Erzählerin, Essayistin und studierte Volkskundlerin Salme Raatma (1915 - 2008), des Autors Mutter, die in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag hätte feiern können. Nun hat Rosenstein seine Familiengeschichte veröffentlicht. Das Buch ist im Husumer „ihleo Verlag“ unter dem Titel „Ihr steht schon auf unserer Liste“ erschienen. Gustav Rosenstein stützt seine Familienforschung auf ein gemeinsames Tagebuch der Eltern und viele Gespräche mit der Mutter.

Spurensuche und Familienchronik

Aus dem literarischen Projekt ist mehr als eine Familienchronik geworden, nämlich das Bild eines zerbrochenen Spiegels, in dem sich nordosteuropäische Generationen mit ihrer wechselvollen Geschichte bruchstückhaft wiederfinden. Diese Menschen waren zwischen die Mühlsteine der Nationen und Ideologien geraten. Estnisch, deutsch, russisch – Zarenreich, Republik, Sowjetdiktatur und erst ab 1990 wieder staatliche Eigenständigkeit unter demokratischen Vorzeichen: Die Menschen dieses Mischraums der Völker sahen sich gezwungen, Loyalitätsbekenntnisse je nach herrschender Macht abzugeben. Patchwork-Identitäten waren nicht erlaubt. Gespaltene Selbstwahrnehmung war nicht selten die Folge. Die Frage, wer bin ich, begleitete sie oft ein Leben lang.

Auch Salme Raatma: Sie stammt aus einem alten, estnischen Bauerngeschlecht, das im Süden des Landes, nahe der Grenze zu Lettland, beheimatet war. Den sehr deutschen Namen Rosenberg nahm die Familie Anfang des 19. Jahrhunderts an. Zuvor hatten die einfachen Menschen auf dem Land keine eigenen Familiennamen. Nach dem Ersten Weltkrieg war eine estnische Identität angesagt. Aus Rosenberg wurde Raatma.

Salme Raatma im Jahr 1943

Frisch verliebt in Tallinn

Als Salma 1938 den angehenden Pastor Herbert Rosenstein heiratete, traf sie auf einen ähnlichen Hintergrund. Auch dessen estnische Unternehmerfamilie hatte sich der Konjunktur der Zeit gemäß einen deutschen Namen zugelegt. Herbert hatte obendrein die deutsche Ritterschafts- und Domschule in Reval/Tallinn besucht und in Dorpat/Tartu Theologie studiert. Dort hatten sich die beiden auch kennen- und lieben gelernt.

Diese Nähe zum Deutschtum erwies sich zunächst als Glücksfall. Das junge Pastorenpaar konnte sich in die Liste der Deutschstämmigen eintragen lassen, als Hitler mit Stalin vereinbarte, das Baltikum dem Sowjetreich zu überlassen. Als russische Truppen in Estland einzogen, waren Herbert und Salme gewarnt worden: Ihr steht schon auf unserer Liste.“ Sie wären nach Sibirien verschleppt worden, wie es schon Salmes Mutter geschehen ist. Deren 15-jähriger Sohn wurde von den Kommunisten umgebracht.

Das Pastorenpaar konnte sich wie die meisten Deutsch-Balten „heim ins Reich“ umsiedeln lassen. Ein Bananendampfer brachte sie nach Gdingen in Pommern. Sie wurden „Reichsangehörige“. Herbert Rosenstein wurde eine Pfarrstelle im niederschlesischen Schlichtingsheim zugewiesen. Zum Eingewöhnen blieb ihm keine Zeit. Bereits ein Jahr später wurde er, der perfekt Russisch sprach, zur Wehrmacht eingezogen. Man brauchte Dolmetscher für den Russlandfeldzug 1941. Im selben Jahr wurde als zweites Kind Sohn Gustav geboren. 1945 musste die junge Pastorenfrau mit ihren beiden Kindern vor den heranrückenden russischen Truppen fliehen. In Bayern fand die Familie wieder zusammen. Herbert Rosenstein war in amerikanische Gefangenschaft geraten und erhielt 1950 eine neue Aufgabe in der Oberpfälzer Gemeinde Bachhausen.

Salme Raatma im Jahr 1985

Recht heimisch wurde aber weder der Pastor noch seine Frau in der neuen Umgebung. Als 1964 die Stelle eines Pfarrers für die deutsche Gemeinde mit Seemannsmissionsdienst in Turku, Finnland, ausgeschrieben war, bewarb sich Herbert Rosenstein erfolgreich darum. Umzug der Familie in den Norden. Man wollte der estnischen Heimat nahe sein. Der Pfarrer trug sich auch mit dem Gedanken, ins kommunistische Estland zu gehen. Man hätte ihn, der für eine idealistische Verbindung zwischen Christentum und Sozialismus schwärmte, dort mit offenen Armen aufgenommen.

Werke in den estnischen Archiven

Die Kirchenleitung legte auf Bitten Salme Rosensteins jedoch ein energisches Veto ein. Der Pastor starb 1989, nachdem er mit der Annahme der finnischen Staatsbürgerschaft einen endgültigen Schlussstrich unter sein Deutschsein gezogen hatte.

In diesem Spannungsfeld eines ereignisreichen Lebens mit persönlichen und historischen Herausforderungen, Umbrüchen und Zumutungen liegen die Motive und Quellen zur Dichtung Salma Raatmas. Sie schrieb ursprünglich in Estnisch, dann auch in Deutsch. Ihr Nachlass liegt heute im estnischen Literaturarchiv: Natur- und Gedankenlyrik, Märchen. Ihr großes Werk, „Die Heilige Brigitta“, ist ins Deutsche und ins Finnische übersetzt. Der Text wurde auch dramatisiert und in Tallinn aufgeführt. Die Dichterin starb 2008 in Turku. Ihr sensibles Werk legt Zeugnis ab, dass Heimat letztlich nur in sich selbst gefunden werden kann, in der Welt der Sprache, der Ästhetik, der frei schweifenden Gedanken. Alle anderen, mehr oder weniger zufälligen biografischen Umstände werden vom Wind der Zeit verweht. Nicht zerstörbare Identität im eigenen Bewusstsein vereint all die Orte, die Gegebenheiten und Begegnungen, die Erfahrungen, die ein Menschenleben ausmacht. Dieser Heimat kann man nicht beraubt werden. Von alldem legt Gustav Rosenstein in seinem Buch sehr detailliert Zeugnis ab.

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