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Donnerstag, 29. Juni 2017 27° 2

Umwelt

Wenn Baumpflege an Baumfrevel grenzt

Eine Regensburger Alleereihe wird böse verstümmelt. Fachleute klagen immer öfter über Fälle von unsachgemäßem Baumschnitt.
Von Claudia Böken, MZ

Von einem derartigen Baumschnitt kann sich die Alleereihe im Vordergrund nach Ansicht von Fachleute nicht mehr erholen.Foto: Tino Lex

Regensburg. Anklagend recken 20 Bäume ihre Aststummel in den Himmel. An manchen hängen noch einige vertrocknete Blätter, die sie eindeutig als Eichen ausweisen. Die Schnittstellen sind noch ziemlich frisch. Ein Berg Äste in der Nähe zeigt: Es ist ganz schön viel Holz, das da entfernt wurde. Diese Bäume seien dem Tod geweiht, ist ein Fachmann überzeugt, der die MZ auf diesen Fall von „Baumfrevel“ im Stadtwesten und auf verschiedene andere Verstümmelungen aufmerksam gemacht hat.

Diese genehmigte Baumfällaktion an der Bäckergasse sorgte in der Bevölkerung für helle Empörung. Foto: Tino Lex

Für ihn, wie auch für viele andere Anrufer, war der Artikel über den Kahlschlag auf dem Grundstück Bäckergasse ein Alarmsignal. Ihr gemeinsames Anliegen: „Grün ist für die Stadt so wichtig, dass man das Bewusstsein in der Bevölkerung schärfen muss.“ Der Unterschied zwischen den beiden Fällen: Die Bäume im Westen unterlagen nicht der Baumschutzverordnung.

„In einigen Jahren Totholz“

Wie die Zukunft der gefledderten Bäume aussieht, weiß der Fachmann auch: „Im Frühjahr wehrt sich der Baum. Er treibt dann wild aus wie ein Besen, weil die Krone wieder das Gleichgewicht zum Durchmesser der Wurzeln herstellen will.“ Die so geschwächten Bäume würden von Bakterien und Pilzen befallen. „Sie sterben ab, in einigen Jahren sind sie Totholz.“ Ohne Zweige böten die Bäume – wie auch die nahezu bis zum Erdboden zurückgeschnittenen Sträucher – keinen Unterschlupf mehr für Singvögel. Das Schlimmste für den Mann: Er ist überzeugt, dass diese Eichen – ebenso wie beispielsweise eine 80 Jahre alte Rotbuche im Stadtnorden, deren Krone brutal durchschnitten wurde – von Firmen so unsachgemäß behandelt wurden. Nicht jeder, der entsprechende Dienste anbiete, beschäftige tatsächlich Fachpersonal, glaubt er, und beklagt, dass das Umweltamt, das er ebenfalls informiert hat, rechtlich keine Handhabe besitzt.

Der Leiter des Umweltamts, Rudolf Gruber, pflichtet bei: Es gebe zwei Möglichkeiten, wie die Stadt ihr Grün schützen kann: Ab einem Stammumfang von einem Meter über die Baumschutzverordnung, weniger dicke Bäume auch über den Bebauungsplan. Sollte beispielsweise die Alleezeile im Stadtwesten Bestandteil des Bebauungsplans gewesen sein, wäre die massive Beschädigung ein anderer Fall, als wenn die Bäume ohne Verpflichtung gepflanzt worden wären. Was im Bebauungsplan festgelegt sei, sei rechtsverbindlich. Dass Pflegemaßnahmen nicht fachmännisch durchgeführt werden, stellten seine Mitarbeiter immer wieder fest. Deswegen sei man im Umweltamt auch heilfroh, wenn Baumbesitzer sich über richtigen Baumschnitt erkundigten. „Schließlich tut uns auch jeder Baum weh, der wegkommt“, betont Gruber.

Der Leiter des Stadtgartenamts, Dietrich Krätschell, ist mit seinem Mitarbeitern dafür verantwortlich, dass das städtische Grün gut gepflegt wird. Er weiß, dass Landschaftsgärtner in Theorie und Praxis gut ausgebildet werden, derartige Schnitte wie im Stadtwesten, deswegen eigentlich nicht vorkommen dürften. Aber: „Geiz ist geil“. Es sei nicht auszuschließen, dass durch Preis-Dumping Firmen auch Leute für diese Aufgaben einsetzten, die nicht die entsprechende Ausbildung haben.

Huber will mehr Bäume pflanzen

3. Bürgermeister Jürgen Huber, der das Umweltreferat leitet, hat sich über die malträtierten Bäume bereits informiert: „Die Gärtner sagen zu so etwas Stummelschnitt“, erklärt er. Diese Verunstaltung sei ganz grausam. Auch wenn hier die Baumschutzverordnung nicht gegriffen habe, dürfe man so auf keinen Fall mit Bäumen umgehen. „Das ist keine fachlich versierte Form. Entweder hatten die, die hier geschnitten haben, keine Ahnung oder die Zerstörung der Allee wurde billigend in Kauf genommen.“ Stadtgrün ist ihm ein Anliegen, weil es wertvoll sei und die Lebensqualität, besonders in heißen Sommern, enorm erhöhe. Von strengeren Strafen bei Verstößen gegen die Baumschutzverordnung will er trotzdem nichts wissen. Er möchte lieber dazu beitragen, bei den Bürgern das Bewusstsein für die Wichtigkeit des Stadtgrüns zu schärfen. Er will vor allem in der Altstadt mehr Grün schaffen. Deswegen bleibt es für ihn auch dabei, dass am Ernst-Reuter-Platz der nie realisierte Europabrunnen endlich in der Versenkung verschwindet und dort zwei richtige stattliche Bäume gepflanzt werden.

Die Baumschutzverordnung

  • Geschützt sind alle Bäume, die einen Stammumfang von mehr als 100 cm in 100 cm Höhe über dem Erdboden haben.

  • Mehrstämmige Bäume sind geschützt, wenn die Summe des Umfanges der beiden stärksten Stämme in 100 cm Höhe über dem Erdboden mehr als 80 cm beträgt.

  • Unter Schutz stehen auch alle Ersatzpflanzungen unabhängig von ihrem Stammumfang.

  • Nicht geschützt sind Obstbäume mit Ausnahme der Walnussbäume.

  • Es ist verboten, geschützte Bäume ohne Genehmigung der Stadt Regensburg zu entfernen, zu zerstören, zu beschädigen oder zu verändern.

  • Ein Zerstören liegt vor, wenn Maßnahmen vorgenommen werden, die zum Absterben von Bäumen führen.

  • Das Entfernen, Zerstören oder Beschädigen geschützter Bäume kann im Einzelfall genehmigt werden.

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