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Region Schwandorf
Mittwoch, 18. Oktober 2017 20° 3

Naturkatastrophen

Aufräumarbeiten mit Zelt und Sat-Telefon

Ein Expertenteam hilft, die Schäden des Hurrikans „Irma“ in Florida zu bewältigen. Dabei ist auch ein Schwandorfer THWler.
Von Reinhold Willfurth

  • Entlaubte Bäume, zerstörte Häuser: Eine Schneise der Verwüstung hinterließ der Hurrikan „Irma“ auf den Florida Keys.Foto: dpa
  • THW-Helfer mit Martin Liebl (links) auf dem Flughafen von Tampa/FloridaFotos: THW
  • Das zehnköpfige THW-Team mit Martin Liebl (r.) vor dem Abflug in die USA

Schwandorf.Als „Irma“ in den letzten Zügen lag, stieg Martin Liebl ins Flugzeug, um beim Aufräumen der Schäden mitzuhelfen, die der gefürchtete Hurrikan hinterlassen hat. Bei seinem Einsatz stehen diesmal nicht die Einheimischen im Fokus, sondern Deutsche und andere Europäer, denen „Irma“ zugesetzt hat.

Der Schwandorfer THW-Chef ist Teil eines 31-köpfigen Interventionsteams, das die Bundesregierung am Montag in die USA entsandt hat. Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks, des Auswärtigen Amts, der Bundeswehr und einer Berufsfeuerwehr sollen in Florida gestrandete Touristen betreuen und technische Tipps beim Beseitigen der milliardenschweren Sturmschäden geben.

Die Schüler der kaufmännischen Berufsschule in Regensburg werden sich gedulden müssen. Genau einen Tag vor Schulbeginn wurde Lehrer Martin Liebl ins Krisengebiet im Südosten der USA abberufen. Auf zwei Wochen ist der Einsatz angesetzt. „So ein Hurrikan hält sich halt nicht an den bayerischen Lehrplan“, sagt Martin Liebl in seinem Hotelzimmer in der Großstadt Tampa im Nordwesten des „Sunshine State“ Florida.

Am Montag flog das deutsche Team erst einmal nach Washington. Von dort aus sollte es nach Atlanta im Bundesstaat Georgia gehen, wo ein Lagezentrum geplant war. „Wir hatten relativ wenig Informationen, wie die Lage vor Ort ist“, begründet Liebl den Umweg. Doch jetzt ist das Team, aufgeteilt auf die beiden am schwersten betroffenen Regionen um Miami und Tampa, am Einsatzort.

Bundesstaat im Ausnahmezustand

Geschätzt 200 000 Menschen mit deutschem Pass – Bewohner und Touristen – haben sich in Florida und den betroffenen karibischen Inseln aufgehalten, als „Irma“ mit brachialer Gewalt über die Region hinwegfegte. „Bäume wurden entwurzelt, Dächer abgedeckt“, beschreibt Liebl die Lage. Noch immer stünden Teile der Region unter Wasser, das „Irma“ ins Land mit seinen annähernd null Metern Meereshöhe gedrückt habe. Mitte der Woche lebten immer noch viele Menschen in Notunterkünften. Wasser und Benzin seien knapp, berichtet Liebl. Das Stromnetz sei immer noch löchrig, was unter anderem zu Schäden in Floridas Supermärkten geführt habe: „Viele gefrorene und gekühlte Lebensmittel sind kaputtgegangen.“

Diese Schäden zu beseitigen, ist vornehmlich Aufgabe der amerikanischen Helfer. „Es gibt kein internationales Hilfeersuchen“, sagt Liebl. Die USA haben aus Fehlern der Vergangenheit gelernt, sind sich Experten einig. Verbesserungen im Katastrophenschutz seit der Überflutung der Stadt New Orleans nach dem Wirbelsturm „Katrina“ 2005 hätten diesmal schlimmere Folgen verhindert. Andere Experten nennen bessere Wettervorhersagen, neue Vorschriften für hurrikansicheres Bauen und bessere Mobiltechnologie als Gründe für die geringere Opferzahl.

Florida ist nicht Nepal. Das bitterarme Land auf dem Dach der Welt brauchte nach einem verheerenden Erdbeben vor zwei Jahren dringend die Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Schon damals war Martin Liebl vor Ort, um am Flughafen Kathmandu im Auftrag der Bundesregierung seine Fähigkeiten als Logistik-Spezialist einzusetzen.

Hilfe für Deutsche und Europäer

Das schwere Gerät des THW – Hochleistungspumpen, Stromaggregate, Wasseraufbereitungsanlagen – konnte also diesmal in den Depots bleiben. Ganz ohne technisches Equipment rückt das THW aber nicht aus: „Wir haben eine Camp-Ausstattung und eine Kommunikationsausstattung dabei“, sagt Liebl. Das passt zur Aufgabenstellung des deutschen Teams: Martin Liebl und seine Kollegen halten Ausschau nach gestrandeten Touristen „deutscher oder europäischer Herkunft“ und helfen bei Bedarf mit Schlafplätzen im THW-Zelt aus. Auch europäischen Florida-Bewohnern, denen „Irma“ das Dach über dem Kopf weggeweht hat, bietet das Team eine vorläufige Unterkunft an. Und wenn der Handy-Akku leer ist, lassen sich mit dem Satelliten-Telefon des THW die Angehörigen beruhigen, die sich zuhause wegen „Irma“ Sorgen gemacht haben.

Das hört sich nach einer vergleichsweise harmlosen Mission an. Es stimmt ja auch: Martin Liebl ist schlimmere Anblicke gewöhnt als hinweggefegte Holzhäuser und vom Winde verwehte Jachten. Aber eine seelische Belastung sei der Einsatz in den USA trotzdem, sagt der Auslandsexperte. 13 Tote forderte der Hurrikan in den USA, viele haben ihr Hab und Gut verloren. Auf den Florida Keys, der vorgelagerten Inselkette in Richtung Kuba, sind fast alle Häuser zerstört oder beschädigt. Das steckt man als Helfer auch nicht so ohne weiteres weg. Immerhin hat „Irma“ weniger stark gewütet als vorhergesagt.

Nicht immer fällt gleichwohl die Rückkehr in den Alltag, in die „heile bayerische Welt“ leicht, wie Liebl in einer Reportage mit der Mittelbayerischen Zeitung nach seinem Einsatz in Nepal gestand. Schockierende Bilder kriege man nicht so leicht aus dem Kopf. „Das muss aufgearbeitet werden“, sagt auch Dieter Bleistein vom THW Nabburg, ein Experte mit reichlich Erfahrung bei Auslandseinsätzen. „Man darf nichts in sich hineinfressen oder unter den Tisch kehren. Sonst holt es dich irgendwann ein.“

Martin Liebl hält daheim in Wackersdorf stets eine Alukiste mit den wichtigsten Reiseutensilien bereit, um nach einer Alarmierung rasch aufbrechen zu können. Die Aufträge der Bundesregierung, unter deren Regie das Technische Hilfswerk arbeitet, haben ihn außer nach Nepal bis nach Jordanien, Äthiopien, Haiti, Tunesien, Serbien oder den Libanon geführt.

Die Helfer

  • Team:

    Zehn ehren- und hauptamtliche Spezialisten für Koordinierung, Stabsarbeit und Logistik des Technischen Hilfswerks sind nach Florida entsandt worden, um deutschen und europäischen Sturmopfern beizustehen.

  • Hilfe:

    Als Hilfe nach Naturkatastrophen unterstützt das THW die deutschen Auslandsvertretungen mit sogenannten „Botschaftsunterstützungsteams“. In den USA war das THW zuletzt 2005 nach dem Hurrikan Katrina. Die Hochleistungspumpen pumpten im überfluteten New Orleans fünf Millionen Kubikmeter Wasser ab.

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