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Region Schwandorf
Donnerstag, 21. September 2017 18° 2

Gesundheit

Depressionen per Fahrrad abhängen

Auf der „Mut-Tour“ durchqueren Menschen mit und ohne Depressionserfahrung Deutschland, um über die Krankheit zu informieren.
Von Renate Ahrens

Der Smiley im Gesicht eines Teilnehmers der „Mut-Tour“ soll Betroffene symbolisieren, die es sich nicht „leisten können, ihre Depression öffentlich zu machen.“ Foto: Ahrens

SCHWANDORF.Die drei vollgepackten, bunten Tandems fallen auf, als sie auf den Schwandorfer Marktplatz einfahren – genau das ist auch geplant. Unter dem Motto „Mut-Tour“ legen vom 10. Juli bis 25. August 45 depressionserfahrene und -unerfahrene Menschen deutschlandweit mit dem Rad, zu Fuß und mit dem Kajak insgesamt 3270 Kilometer zurück. Ziel ist Leipzig – doch eigentlich ist der Weg das Ziel.

Täglich treffen die Etappen-Teilnehmer Journalisten, um vom Umgang mit Depression zu berichten. Die Mut-Tour ist ein Aktionsprogramm, das sich seit dem Jahr 2012 jeden Sommer durch Deutschland bewegt. Am Sonntag traf eine der vier Sechser-Gruppen in Schwandorf ein. Der Name ist Programm: Mutige Teilnehmer möchten anderen Menschen Mut machen – sie nehmen offen das „D-Wort“ in den Mund und tragen ihren unverkrampften Umgang mit der Erkrankung nach außen.

Viele Betroffene verstecken sich

Damit möchten sie Ängste und Vorurteile abbauen und Akzeptanz fördern. „Man wird schnell als faul betrachtet, wenn man nicht in der Lage ist, auch nur aus dem Bett zu kommen“, erklärt die 30-jährige Sarina Krebs aus Leipzig. „Viele Betroffene verstecken sich und ziehen sich zurück, anstatt Hilfe zu suchen. Es ist eine Spirale, und natürlich schämt man sich auch.“ Jeden könne es treffen, betont auch Nora Berger (31) aus Ravensburg. Oft werde eine Depression nicht gleich erkannt.

„Wir wünschen uns auch, sensibler damit umzugehen und die Krankheit ernst zu nehmen“, sagt die Studentin. Denn die Erscheinungsbilder seien vielfältig. Es gäbe Betroffene, denen niemand von außen ansehen würde, dass sie in Wirklichkeit leiden. Andere weinen „grundlos“, sind müder als andere und wissen gar nicht, warum sie sich traurig fühlen. Auch die Ursachen seien vielfältig: „Es gibt eine genetische Komponente, und zudem spielt die soziale Prägung eine Rolle, etwa durch verdrängte Erlebnisse in der Kindheit oder durch das Umfeld“, erklärt Sarina Krebs.

Stress kann Störungen

Sie ist ebenfalls Studentin und hat schon mehrmals bei der Tour mitgemacht. Aber auch aktuelle Stressfaktoren könnten Störungen auslösen. „Aus einer Störung kann auch eine Krankheit werden.“ Vieles sei noch unerforscht, bedauern die Radlerinnen. So individuell wie die Krankheit seien auch die Behandlungsmöglichkeiten. „Als Angehöriger muss man den Betroffenen ernst nehmen“, sagt Krebs.

Für die Mut-Tour im nächsten Jahr werden jetzt schon Teilnehmer mit und ohne Depressionserfahrung gesucht. Foto: Joanna Kosowska

„Ganz verkehrt ist es, zu sagen, das wird schon wieder, nächste Woche geht es dir besser, oder du solltest deinen Job wechseln.“ Wenn der Betroffene endlich einen Arzt aufsuche, sehe dieser nur jedoch eine Momentaufnahme. „Am besten geht man mit einem Angehörigen zum Arzt, der einen ermuntert und an die Hand nimmt – doch mit Vorsicht, Drängen macht keinen Sinn. Dann ist die Anfangshürde überwunden“, rät Berger.

Angst, vom Leiden zu erzählen

Denn viele Menschen, so wissen die jungen Frauen, hätten auch Angst, ihren Vorgesetzten, Eltern oder Freunden von ihrem Leiden zu erzählen. „Sich nicht mitteilen können, macht die Sache schlimmer. Ein Teufelskreis entsteht.“ Wenn man früh mit der Behandlung anfange, könne sich die Depression nicht so leicht manifestieren. Sport und sonstige Aktionen in der Natur können unter anderem helfen, einen Weg aus der Depression zu finden.

Das ist neben der Öffentlichkeitsarbeit ein weiterer Grund für die Tour. Täglich werden etwa 50 bis 60 Kilometer zurückgelegt, mit einem normalen Tandem, keinem E-Bike also. Doch bei den Streckenlängen ist man flexibel, wie auch bei den Übernachtungsmöglichkeiten. Die Sechs haben Zelte dabei, aber ein Campingplatz kommt nicht in Frage – die Teilnehmer suchen Plätze auf einer privaten Wiese, am Fluss oder auch einmal in Jugendheimen. Gekocht wird am Gaskocher in der Natur, und ein See oder Fluss genügt als „Dusche“.

Viele schöne Begegnungen

Manchmal werden die Radler auch von Privatleuten zum Duschen oder Essen eingeladen. Ein Abenteuer sei das durchaus, schöne Begegnungen entstehen dadurch ganz von selbst. „Kürzlich hat uns ein Bauer Milch geschenkt oder ein Anwohner eine Schraube für ein Rad“, berichtet Lukas König aus Marburg. Und so kämen sie mit den Menschen oft auch über ihr Anliegen zu sprechen.

„Jeder kennt jemanden mit Depressionen“, weiß Claudia Richter aus Heidelberg. Doch Depressionen sind durchaus heilbar und behandelbar, man braucht nur Mut dazu. Auch Gesunde sollten achtsam sein und mehr auf sich hören, wünscht sich Nora Berger. „Man muss nicht nur auf die körperliche Gesundheit, sondern genauso auch die psychische Gesundheit achten.“

Mut gegen Depression

  • Zahlen: In Deutschland leiden etwa vier Millionen Menschen an Depressionen, das sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Durch tägliche Interviews mit den Medien vor Ort sei es der Aktion „Mut-Tour“ bisher gelungen, ermutigend Depressionserfahrung und einen unverkrampften Umgang mit dem „D-Wort“ in Form von über 1500 Berichten weiterzugeben, so die Veranstalter vom Verein Deutsche Depressionsliga.

  • Die Aktion: Die Mut-Tour dauert 48 Tage in elf Etappen. Vier Teams mit jeweils sechs Leuten fahren mit Tandem und Kajak und wandern „im Abenteuermodus“ und mit Zelt durch ganz Deutschland. Zusätzlich werden Ortsgruppen, Fotoausstellungen und (Schul-) Workshops zum Thema Depression geboten. Es gibt viele Möglichkeiten, an der Aktion teilzunehmen, Informationen findet man auf www.Mut-tour.de

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