mz_logo

Region Schwandorf
Mittwoch, 22. November 2017 3

Kunst

Der Hl. Georg verliert den Kampf

Im Zuge der energetischen Sanierung der Grundschule in der Ledererstraße werden Kunstwerke hinter Dämmplatten verschwinden.
Von Karl-Heinz Probst

Tausende Neunburger Schüler schauten seit 1960 zum Hl. Georg als Drachentöter empor. Foto: Karl-Heinz Probst

Neunburg.Den Drachen hat der heilige Georg mit seinem Schwert besiegt. Gegen die Spitzhacke der Bauarbeiter kann er sich jedoch nicht mehr wehren. Im Zuge der Generalsanierung der Grundschule in der Ledererstraße ist laut Beschluss des Stadtrats eine energetische Ertüchtigung vorgesehen. Dabei ist laut Architekt Michael Steidl zum Abschluss eine Wärmedämmung der kompletten Fassade geplant. Um keine Kältebrücken entstehen zu lassen, die negative Folgen für die Bausubstanz hätten, müsse die Dämmung lückenlos aufgebracht werden. Damit werde das große St. Georg-Sgraffito aus dem Jahre 1959 verschwinden, wie übrigens auch die Kunstwerke im Innern des Gebäudes.

Keine andere Lösung in Sicht

Dem Architekten tut es in der Seele weh, dass das Kunstwerk unter Dämmplatten versteckt wird. Er habe mit seinen Mitarbeitern schon intensiv überlegt, ob es nicht andere Lösungsmöglichkeiten gebe, damit der St. Georg erhalten bleibt. Eventuell könnte man vor dem Sgraffito eine Glas- oder Plexiglasscheibe anbringen. Steidl ist sich aber nicht sicher, 0b die Stadtväter für Sicherungsmaßnahmen 50 000 Euro ausgeben wollen. Vielleicht falle ihm ja noch etwas anderes ein, sagt Steidl im Gespräch mit unserem Medienhaus. Etwas Zeit hat der Architekt noch, weil die Ausführung der Wärmedämmung erst für 2020 geplant ist.

Der Schöpfer des Kunstwerks ist der renommierte Oberpfälzer Künstler Fritz Wurmdobler (1915-2008). Er zählt zu den großen Künstlern Ostbayerns. Sein Name wird zusammen mit denen von Rupert Preissl und Willi Ulfig genannt. Lange Jahre lebte Wurmdobler in Regenstauf. Dorthin verschlug es seine Familie 1944, als sie in Regensburg ausgebombt wurde. Von Regenstauf aus nahm er in den Nachkriegsjahren jeden Auftrag an, um seine Familie zu ernähren. Auch wenn es damals als „gewagter Luxus“ galt, sein Haus mit einem Fresko oder Sgrafitto schmücken zu lassen, so entstanden in vielen Orten der Oberpfalz Dutzende von Werken. Viele fielen der „Modernisierungswut“ der 70er-Jahre zum Opfer.

Fritz Wurmdobler (1915-2008)

  • Der „große Erzähler“,

    wie der gebürtige Regensburger Fritz Wurmdobler von Freunden und Zeitgenossen genannt wurde, und Schüler des bekannten Bühnenbildners Emil Preetorius (1883 bis 1973), schuf den Großteil seiner Werke im Ausland während seiner Tätigkeit als Fremdenführer in den 1950er- und 1960er- Jahren. Die Landschaften in Spanien, Italien, Irland oder auch Norwegen wurden zu seinen bevorzugten Motiven, wobei er sich im Speziellen der Visualisierung des jeweils landestypischen Lichts verschrieben hatte, was ihn künstlerisch durchaus in die Nähe der Impressionisten rückt.

  • Seine Werke

    lassen sich nicht zwingend einer bestimmten Epoche der Kunstgeschichte zuordnen – und gerade das macht die Arbeiten dieses Künstlers so besonders. Neben einer Vielzahl von Gemälden mit unterschiedlichen Sujets wie Porträt, Landschaft oder auch Stillleben machte sich Fritz Wurmdobler auch auf dem Gebiet „Kunst am Bau“ einen Namen. So gestaltete er über 80 Schulen, mehrere Kindergärten, Friedhöfe und Kirchen mit seinen Werken aus. Er bediente sich dabei diverser künstlerischer Techniken wie Fresko, Sgraffito, Mosaik wie auch Holz-, Eisen- und Kupferplastiken.

Bürgermeister Martin Birner bedauert die drohende Zerstörung des Kunstwerks. Bei der Beschlussfassung über die Generalsanierung sei die Problematik thematisiert worden. Man habe allerdings keine Möglichkeit gesehen, die Kunstwerke zu erhalten. Der Bürgermeister versprach, dass sie in Text und Bild dokumentiert werden, damit sie der Nachwelt zumindest in dieser Form überliefert werden. „Ich muss mich wohl damit abfinden, dass die Kunstwerke zerstört werden“, räumt Kreisheimatpfleger Theo Männer ein. Er habe mit Bürgermeister Birner und Architekt Steidl über das Problem gesprochen, leider sei man zu keiner positiven Lösung gekommen.

Fritz Wurmdobler mit einem Selbstporträt Foto: MZ-Archiv

Der Kreisheimatpfleger bedauert den Verlust umso mehr, weil sich Wurmdobler in seinen Kunstwerken mit der Neunburger Geschichte beschäftigt habe. Diese Arbeiten stellten wichtige Beiträge zur Kunstgeschichte der Pfalzgrafenstadt dar. Allgemein sei Kunst am Bau großem Veränderungsdruck durch energetische Sanierungsmaßnahmen ausgesetzt, insbesondere dann, wenn es sich um baufeste Wandarbeiten handelt, weiß Männer. Das Problem wird sich in naher Zukunft auch beim geplanten Abriss der Sparkasse am Marktplatz ergeben, dessen Fassade ein Sgraffito (ein Münzmeister bei der Arbeit) des Kunstmalers Wegerer aus dem Jahre 1956 ziert.

Der renommierte Kunstmaler Robert Bergschneider (81) mag sich nicht mit dem Verlust der Sgraffiti abfinden. Der Dieterskirchner Künstler hat 1959/60 dem Regenstaufer Kollegen bei der Fertigstellung der Sgraffiti in der Neunburger Grundschule assistiert. „Das ist eine Schande“, sagt er erbost. Für ihn stelle sich auch die Frage des Urheberrechts. Kunstwerke seien wie alle schöpferischen Leistungen urheberrechtlich geschützt. Dies bedeutet, dass grundsätzlich keine Veränderung an Gestalt und Material des Kunstwerks vorgenommen werden darf und alles unterlassen werden sollte, was die visuelle Integrität des Kunstwerks beeinträchtigen kann.

Interessante Technik

Das Sgraffito, auch Ritz- oder Kratzputz genannt, ist eine besondere Art der Wanddekoration, die vor allem in der Renaissance Anwendung fand. Durch Abkratzen von Teilen einer Oberflächenschicht wird eine darunterliegende Schicht in kontrastierendem Farbton sichtbar. Normalerweise wird zunächst ein Kalkputzgrund hergestellt, mit einer Farbe eingefärbt und auf die Fassade aufgetragen. Danach wird auf diesen Träger nass in nass („al fresco“) in drei bis vier Schichten ein Kalkanstrich aufgetragen, der ebenfalls pigmentiert sein kann. Aus dieser Beschichtung werden Flächen und Linien herausgekratzt. Die Farbtönung der darunterliegenden Putzschicht wird als Linie oder Fläche sichtbar.

Mehr Nachrichten aus Neunburg vorm Wald lesen Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht