mz_logo

Region Schwandorf
Sonntag, 26. März 2017 11° 3

Zwangsarbeiter

Die Impulse sind verpufft

Außer „Denkanstößen“ sind von der verdienstvollen Ausstellung 2010 über Zwangsarbeiter im Städtedreieck kaum Spuren zurückgeblieben.
Von Harald Kuchler

Über 1500 Besucher beschäftigten sich bei der Ausstellung in Maxhütte-Haidhof vom 27. Februar bis 28. März 2010 mit den lokalen Aspekten der Zwangsarbeit im Dritten Reich. Foto: MZ-Archiv/ku

Städtedreieck.. In Sulzbach-Rosenberg hatte die Stadt sogar ihren großen Rathaussaal für die Zwangsarbeiter-Ausstellung zur Verfügung gestellt. Vom 26. Mai bis 23. Juni 2012 wurde dort das Schicksal osteuropäischer Arbeitssklaven in der Region unter dem Hitler-Regime dokumentiert. Zum dritten Mal nach dem Städtedreieck und Schwandorf. Über eine Digitalisierung der Ausstellungsdokumente sei man mit der Stadt in Verhandlungen, sagt Chris Humbs von der Projektgruppe Zwangsarbeit.

Und nicht nur das: Das Stadion des TuS Rosenberg, das nach dem ehemaligen Maxhütte-Besitzer und verurteilten Kriegsverbrecher Friedrich Flick benannt war, trägt nach langen Diskussionen seit Mai einen neuen Namen. Es heißt nun „Aicher-Stadion“. Ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass man die Vergangenheit im Licht neuer Fakten und neuer Sensibilitäten auch neu bewerten kann.

Was aber hat im Vergleich dazu die thematisch ähnliche Ausstellung vor zwei Jahren für das Städtedreieck gebracht? Eine Nachrecherche zeigt: Außer einigen Zeitungsartikeln ist vor Ort kaum etwas geblieben. Burglengenfelds Bürgermeister Heinz Karg sagte zwar im April 2010 im Haupt- und Finanzausschuss: „Die Aufarbeitung muss weitergehen. Wir wollen uns gemeinsam der Verantwortung aus der Geschichte stellen.“ Der damals vielbeschworene Wille zur Aufarbeitung und Auseinandersetzung erlahmte jedoch schnell wieder. Bis heute ist keine Konservierung des Dokumentationsstandes in Sicht.

Das Städtedreieck war 2010 das Pionierprojekt bei der Aufarbeitung der Zwangsarbeiter-Geschichte in der Oberpfalz. Vom 27. Februar bis 28. März 2010 fand die Ausstellung „Städtedreieck unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum“ in der Hüttenschänke in Maxhütte-Haidhof statt. Veranstalter war die Projektgruppe Zwangsarbeit, ein Verein, in dem Historiker, Journalisten und Publizisten aus Berlin und interessierte Bürger vor Ort mitarbeiteten.

Über 1500 Besucher zeigten sich beeindruckt von den weitgehend unbekannten Materialien aus Archivbeständen und Zeitzeugenberichten. Im Eisenwerk Maxhütte, aber auch in Privathaushalten und bei Bauern waren die Menschen aus Polen, Tschechien und der Sowjetunion der Ausbeutung unterworfen. Einer der Initiatoren der Ausstellung war Chris Humbs, ARD-Journalist und gebürtiger Maxhütter.

„Projekt ist politisch gescheitert“

In den Stadtratsgremien von Teublitz und Maxhütte-Haidhof fanden, hinter verschlossenen Türen, Diskussionen um die Umbenennung der dortigen Friedrich-Flick-Straßen statt. Am Ergebnis der Abstimmung zeigte sich, dass die Dankbarkeit gegenüber dem vermeintlichen Wohltäter Flick schwerer wog als seine Verurteilung als Kriegsverbrecher in Nürnberg 1945. In Maxhütte-Haidhof lautete das Ergebnis „24 zu 0“ für die Beibehaltung der Flick-Straße, in Teublitz stimmten wenigstens einige SPD-Räte für die Umbenennung. Bei der Abstimmung in Schwandorf über die Umbenennung der dortigen Friedrich-Flick-Straße gab es ein 15:15-Patt. Damit war der Antrag der SPD-Fraktion abgelehnt.

Bernhard Rothauscher und Sebastian Bösl, SPD-Stadträte aus Burglengenfeld, haben in der Projektgruppe von Anfang an mitgearbeitet und sich für die Straßenumbenennung eingesetzt. Ihr Fazit heute klingt bitter: „Rückblickend haben wir alle taktischen Varianten erlebt, wie man politisch notwendiges Handeln umgehen kann: Aggression, nicht eingehaltene Zusagen, offene und geheime Ablehnung. Kurzum: Das Projekt ist gesellschaftlich angekommen, aber politisch gescheitert.“

Doch nicht nur die Umbenennung der Flick-Straßen ist gescheitert. Auch die Zwangsarbeiter-Ausstellung in der Hüttenschänke scheint mit ihren Impulsen verpufft. Keine der Ideen, wie sich die Erinnerung materiell aufbewahren ließe, ist verwirklicht worden.

Da bekundeten die drei Städte zwar zunächst ihre Absicht, die Ausstellung einfach anzukaufen. Dies scheiterte jedoch an rechtlichen Problemen wie Bildrechten und Lizenzgebühren und auch an den Kosten von rund 20 000 Euro. Aber auch die Pläne für einen Katalog oder eine Erinnerungs-CD zerschlugen sich, da sich die Städte nicht auf eine gemeinsame Finanzierung einigen konnten.

Nachdem sich Burglengenfeld und Teublitz zurückgezogen hatten, wandte sich Chris Humbs im Juni 2010 noch einmal an Bürgermeisterin Dr. Susanne Plank in Maxhütte-Haidhof, um zu eruieren, „wie die einst von den drei BürgermeisterInnen postulierte Bereitschaft, eine Nachhaltigkeit für diese geleistete Arbeit zu garantieren, in die Realität umgesetzt werden kann.“ Humbs zur MZ: „Die Bürgermeisterin teilte mir jedoch mit, dass sie keinen Kontakt mehr zu unserer Gruppe haben möchte.“

Danach seien die Städte nie wieder auf die Projektgruppe zugekommen. Humbs: „Wir gehen davon aus, dass im Städtedreieck das erarbeitete Wissen und die historischen Fakten von der Mehrheit der Stadträte unerwünscht sind und nicht für die nachfolgenden Generationen erhalten werden sollen.“

Thema im Kontext betrachten

Auf eine aktuelle Nachfrage der MZ, ob die Ausstellung von 2010 noch irgendeinen Nachhall im Städtedreieck finden werde, übermittelten die Bürgermeister eine gemeinsame Stellungnahme. Darin heißt es: „Die BürgermeisterInnen im Städtedreieck hatten stets betont, dass das Thema Zwangsarbeit nicht isoliert betrachtet werden könne, sondern immer im Gesamtkontext NS- und Nachkriegszeit gesehen werden müsse. Zudem haben Maria Steger, Dr. Susanne Plank und Heinz Karg beobachtet, was der Landkreis Schwandorf zum Thema Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsarbeit plant.“ Bereits im Jahr 2002 habe Dr. Margit Berwing-Wittl, Leiterin des Volkskundemuseums, ein Forschungsprojekt zur Dokumentation der Zwangsarbeiter im Gebiet des heutigen Landkreises Schwandorf angeregt.

Aufarbeitung der NS-Zeit

Auf Landkreisebene habe sich der Kulturausschuss zuletzt im Februar dieses Jahres mit der Zwangsarbeit und der geeigneten Erinnerung daran auseinandergesetzt. Im Ausschuss hätten der Leiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg, Dr. Jörg Skriebeleit, und Uli Fritz von der Stiftung Bayerische Gedenkstätten dem Vorurteil widersprochen, im Landkreis Schwandorf habe es bis zu den Ausstellungen über Zwangsarbeit keine historische Aufarbeitung gegeben. Es gebe verschiedene „Vorschläge zum Thema Erinnerungskultur“, unter anderem vom auch für das Städtedreieck zuständigen Kreisheimatpfleger Jakob Scharf.

Nach wie vor hielten aber die Bürgermeister im Städtedreieck „hektische Betriebsamkeit nicht für angebracht“. Es gelte, in Ruhe vernünftige Entscheidungen zu treffen. Daher müsse abgewartet werden, welche Früchte die aktuelle Diskussion auf Landkreisebene trägt. Den Wunsch der Städte, die Ausstellung zu kaufen, hätte im übrigen die Projektgruppe Zwangsarbeit als „nicht realisierbar“ bezeichnet.

Ein Ergebnis der Debatten rund um die Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit sei auch, dass der bislang nur im Burglengenfelder Stadtarchiv tätige Historiker und Politologe Dr. Thomas Barth seit dem vergangenen Jahr auch für die Städte Maxhütte-Haidhof und Teublitz arbeitet. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zähle die Aufarbeitung der NS-Zeit im Städtedreieck. So habe Dr. Barth unter anderem bereits einen „Projektentwurf: Weitere Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Burglengenfeld, Maxhütte-Haidhof und Teublitz“ vorgelegt. Zudem habe Dr. Barth zur Auswertung Spruchkammerakten beim Staatsarchiv Amberg angefordert und auch durchgearbeitet.

In einem Vortrag, der auch in einem Sammelband publiziert wurde (Jahresband zur Kultur und Geschichte im Landkreis Schwandorf 2011/2012), zieht Initiator Chris Humbs eine gemischte Bilanz der Bemühungen: „Unterm Strich muss man feststellen: Unsere Arbeit ist von den Politikern hier in der Region mehrheitlich unerwünscht.“ Auch in der Bevölkerung seien Desinteresse und Skepsis bei dem Thema Nazi-Vergangenheit und Zwangsarbeiter verbreitet. Es gebe aber auch ermutigende Zeichen: „Es gibt immer wieder Signale, die einem deutlich machen, dass jede Mauer überwindbar ist.“

Auseinandersetzung ist befreiend

So habe die Projektgruppe Zwangsarbeit viele E-Mails und Briefe von Schülern und ehemaligen Zwangsarbeitern erhalten, „die uns zu Tränen rühren“, so Humbs. Auch die regionalen, überregionalen und ausländischen Medien hätten sehr intensiv über die Ausstellungen berichtet. „Ich glaube, man kann aus den letztlich erfolgreichen Ausstellungen in Maxhütte-Haidhof und Schwandorf nur lernen, dass eine kritische, tiefgehende Auseinandersetzung mit diesem Thema befreiend wirkt.“

Auch die Stadträte Rothauscher und Bösl heben einige positive Aspekte hervor: „Die Arbeit war für uns eine Bereicherung. Journalisten, Künstler, Historiker und Kommunalpolitiker haben versucht zu zeigen, dass Friedrich Flick es nicht verdient hat, mit einem Straßennamen geehrt zu werden – ganz im Gegenteil. Davon konnten wir viele Menschen überzeugen, aber leider nicht genug politische Entscheidungsträger.“ Von der Diskussion um die Flick-Straße bleibe aber die Erkenntnis, „dass es schwierig, beinah unmöglich ist, feste Denkstrukturen in kurzer Zeit aufzubrechen. Da war unser Anspruch wohl zu hoch. Allenfalls ein Denkanstoß bleibt.“

Ihre Hoffnung: Vielleicht habe ja nach der Ausstellung in Sulzbach-Rosenberg „auch ein politischer Entscheidungsträger aus dem Städtedreieck oder aus Schwandorf eine zündende Idee: Man müsste sich mit Friedrich Flick doch einmal beschäftigen...“

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Anmelden

Hinweis: Bitte schützen Sie Ihr Konto auf öffentlichen Geräten, indem Sie sich nach der Nutzung im Profil-Bereich abmelden.

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht