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Region Schwandorf
Dienstag, 24. Oktober 2017 11° 5

Ehrenamt

Die Kleiderkammer bietet mehr als Mode

In Nittenau ist die Einrichtung zu einem festen Treffpunkt geworden. Mit ihrem Angebot hilft sie nicht nur Bedürftigen.
Von Renate Ahrens, MZ

  • Die beiden jungen Männer aus Eritrea sind heute nicht fündig geworden. Sie wollen aber bald wiederkommen. Foto: Ahrens
  • Rund zehn Helferinnen sortieren die abgegebenen Kleidungsstücke. Besonders gut gefällt allen die familiäre Atmosphäre in der Kleiderkammer. Auch Werner Weindler (hinten) hat seinen Spaß. Foto: Ahrens

Nittenau.Ein Brautkleid für 15 Euro? Tatsächlich wäre einmal eines zu diesem Preis in der Kleiderkammer in Nittenau verkauft worden – das teuerste Stück überhaupt, so erinnert sich Werner Weindler. Glücklich sei die Braut gewesen, es für ihren großen Tag ergattert zu haben. Doch eine Woche später, so wunderte sich Weindler damals, wäre das Brautkleid einfach wieder vor der Tür der Kleiderkammer am Regenweg gelegen.

Kurz darauf kam gar der erboste Bräutigam und forderte das Geld zurück. Die Hochzeit war leider geplatzt. „Ich habe nicht nachgegeben und mich geweigert, ihm die 15 Euro zu geben“, sagt der 63-Jährige, schüttelt den Kopf und lacht. Schließlich, so erklärt er, sei das erwirtschaftete Geld für einen guten Zweck bestimmt.

Insgesamt 22000 Euro hat Kolping als Betreiber der Kleiderkammer schon an regionale, wohltätige Organisationen gespendet. „Demnächst werden wir weitere 3000 Euro geben können.“ Ob für die Ukrainehilfe Bruck, „Flying help“, „Kolping Wohnen“, die Bürgerhilfe – das Geld gelange immer in gute Hände, dorthin, wo es schnell und unbürokratisch Not lindere, ist sich Weindler sicher.

Günstige Preise für die Klamotten

Auf diese Weise hilft die Kleiderkammer gleich mehrmals: Schließlich finden Bedürftige hier günstige, gut erhaltene und saubere Kleidung, die Bürger gespendet hatten. Zwischen einem und etwa vier Euro kostet ein Teil, für Jacken verlangt man meist 4,50 Euro.

Lesen Sie mehr: Ehrenamtliche Helfer schaffen in Nittenau eine günstige Einkaufsmöglichkeit für bedürftige Menschen.

Doch damit nicht genug: Die Kleiderkammer, die zweimal in der Woche geöffnet hat, bietet auch eine sinnvolle, ehrenamtliche Beschäftigung für Bürger. Zehn Frauen gehören zur Stammbelegschaft, fast alle sind von Anbeginn der Kleiderkammer dabei, die vor dreieinhalb Jahren von Kolping initiiert wurde.

Sichtlich Freude an ihrer Tätigkeit haben die Damen. Gaby Weindler, die Ehefrau von Werner Weindler und mit im Organisationsteam, hat heute selbstgebackene Ofenknödel mitgebracht. Jeder, ob Kunde, Kleiderspender oder Mitarbeiter, wird gerne mit Kaffee und Kuchen verköstigt. Für einen Plausch nimmt man sich Zeit, manchmal würden sogar die Kunden einen Kuchen mitbringen, erklärt Lia Schmalzbauer. Die 65-jährige Bürokraft ist seit kurzem Rentnerin und genießt die Gemeinschaft. „Mir gefällt es, mich sozial zu engagieren“, sagt sie. „Das Klima hier in der Kleiderkammer ist sehr schön. Zudem wird Gebrauchtes sinnvoll wiederverwendet.“

Anna Riederer nickt. „Ja, wir sind ein gutes Team. Daheim wäre ich schließlich allein, und so mache ich etwas Sinnvolles“, betont die 79-Jährige. Viel Spaß hätten sie immer, sagt Schmalzbauer und lacht in Erinnerung an einen Kunden, einem jungen Mann aus Düsseldorf, der vergangenes Jahr in Nittenau zu Besuch war und zum Oktoberfest gehen wollte – aber unbedingt in Tracht. „Er war bei uns der Hahn im Korb. Alle Helferinnen haben alles abgesucht, was wir an Passendem hatten“, sagt sie. „Am Ende war er komplett ausgestattet mit Lederhose, Trachtenhemd und Zubehör und sah sehr gut aus.“ Seitdem käme der junge Mann immer wieder, wenn er in der Regentalstadt sei, manchmal kaufe er auch wieder etwas.

Für die Kasse hinter der Theke ist Elisabeth Stangl zuständig, auch für das Kaffeekochen findet sie Zeit. Nur wenn jemand mit ihr handeln wolle, sagt sie, werde sie ein wenig grantig. „Es ist ja ohnehin alles so billig.“ Kleidung bekämen sie genug, für jeden sei etwas dabei.

Die Mentalitäten sind verschieden

Eine Nittenauer Bürgerin, Elisabeth Doblinger, bringt gerade eine große Tüte voll mit Spenden und begrüßt alle, schließlich kennt man sich. Stangl weiß genau, welche Kaffeesorte Elisabeth Doblinger, deren Mann jahrzehntelang Kassier bei Kolping war, mag, und bringt ihr eine Tasse.

Am Wühltisch für Kinderkleidung daneben berät Lia Schmalzbauer eine Kundin, eine gebürtige Ungarin, die seit vier Jahren in Nittenau lebt und deren Mann hier arbeite, wie sie sagt. Für eine Reise in ihr Heimatland sucht sie nun nach Geschenken und ist fündig geworden. „Deutschland ist wunderbar“, wiederholt sie mehrmals begeistert. „Leider gibt es in Nittenau wenig Firmen, wo auch ich Arbeit finden kann.“ Oft käme sie in die Kleiderkammer, gute und billige Ware gäbe es hier.

Viel wählerischer wären dagegen die syrischen Asylbewerber gewesen, die vor einiger Zeit in Nittenau waren, weiß Weindler. Sie hätten nach besonders modischen Kleidungsstücken gesucht, während die Menschen aus Eritrea und Äthiopien genügsamer seien. Fünf junge Frauen aus diesen Ländern sind gerade mit ihren Babys in der Kleiderkammer; fotografieren wollen sie sich nicht lassen, und Deutsch sprechen sie kaum. Doch hier funktioniert die Verständigung auch anders bestens: Schließlich, so sagt Lia Schmidbauer, seien alle Mitarbeiterinnen „geprüfte Omas“, und lacht und herzt ein fünf Monate altes Kind. Die Mutter strahlt und lässt es Schmidbauer auf den Arm nehmen. Hier fühlt sich jeder wohl.

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