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Region Schwandorf
Dienstag, 24. Oktober 2017 11° 5

Konzert

Ein Herbstabend voller Lebensfreude

Der Bassist Sven Faller und die Sängerin Vivi de Farias begeisterten die Zuhörer mit „Live-Talk und Musik“ im Künstlerhaus.
Von Renate Ahrens

Vivi de Farias verzauberte im Künstlerhaus mit ihrer Stimme – und mit ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte. Sven Faller begleitete sie am Kontrabass. Foto: Ahrens

SCHWANDORF.Sommer, Sonne, Strand und blauer Himmel, all das hatte man an diesem grauen Frühherbstabend unweigerlich vor Augen – Lebensfreude pur. Brasilianische Rhythmen waren dieses Mal bei der Reihe „Live-Talk und Musik“ im Dachgeschoss des Oberpfälzer Künstlerhauses zu hören. Der Bassist Sven Faller hatte Vivi de Farias eingeladen, die „bedeutendste brasilianische Sängerin in Deutschland“, wie er betonte.

Spannendes erzählte die temperamentvolle Künstlerin, der die Musik in die Wiege gelegt wurde – Geschichten, wie sie nur das Leben selbst schreiben kann. Aufgewachsen ist sie an den Stränden von Rio de Janeiro, ihr Zimmer hatte direkten Blick auf den Corcovado mit der Christusstatue. Dort am Fenster saß sie als junges Mädchen bei Sonnenuntergang, beobachtete den aufgehenden Mond und träumte – von Tannen und Nebel. „Lange wusste ich nicht, warum“, sagt Vivi de Farias und lacht.

Lesen Sie hier, wie Bassist Sven Faller nach Schwandorf kam.

„Erst mit 20 Jahren habe ich erfahren, dass meine Mutter Deutsche ist und aus Hamburg eingewandert war.“ Diese hatte jedoch ihr Deutschsein verweigert, nicht einmal die Sprache habe sie gesprochen. „Doch die Gene sind stärker.“

Hin und wieder, so lauschen die Zuhörer gebannt, sei die Familie in die Berge Rios gefahren, kühl und manchmal neblig sei es gewesen, sogar Tannen hätten hier gestanden. Schubert und Bach hat sie dort gehört, ihre deutsche Gesangslehrerin hatte ihr diese Musik nähergebracht. „In dieser Zeit habe ich auch Deutsch gelernt – aber nicht von meiner Mutter. Mit meinem Hund Wolf habe ich überhaupt nur diese Sprache gesprochen“, erinnert sie sich und unterstreicht

alles, was sie sagt, mit lebhaften Gesten.

Ihr erstes Stück, das sie im Künstlerhaus in gemütlicher Wohnzimmeratmosphäre zusammen mit Bassist Sven Faller zum Besten gibt, ist ein brasilianisches Tanzlied aus dem Landesinnern; es sei verwandt mit Samba. Nicht schon immer habe sich Vivi de Farias auf die Musik ihrer Heimat konzentriert. Studiert hat die Sopranistin Kunstmusik. „Das hat mir die Welt der klassischen Musik geöffnet.“

Viel Disziplin gefordert

Mit 20 Jahren gab sie ihr Debüt an der Staatsoper in Rio de Janeiro, sang mit großen Weltstars und wurde berühmt. Richtig angekommen fühlte sie sich nicht, denn als Opernsängerin sei eine Menge Disziplin erforderlich – man dürfe nicht laut reden, rauchen und müsse immer auf sich achten. „Außerdem bin ich für Bachkantaten zu südländisch und wegen meines Temperaments für Engelsstimmen ohnehin nicht geeignet“, erklärt sie mit ihrer weichen Stimme in fast perfektem Deutsch.

Bei einem Workshop mit einer Karlsruher Regisseurin bekam sie das Angebot, hier zu studieren. Immer sei es ihr Traum gewesen, nach Deutschland zu kommen, in das „Mekka der klassischen Musik“, denn es stehe, so hatte sie gehört, für Opern, Chöre, Orchester und Musikschulen. Hier durfte sie erkennen: „Je weiter man von zu Hause entfernt ist, umso besser erkennt man, wer man ist.“ Die Musik ihrer Heimat hatte sie für immer und zu tief geprägt, das wurde ihr bei einer Hochzeit klar, als sie aufgefordert wurde, einen Bossa Nova zu singen – um schließlich bei dieser Stilrichtung zu bleiben.

Natürlich bekommen die Zuhörer an diesem Abend auch diese Musik zu hören; diese Mischung aus Jazz und Samba, sanfte und entspannende Klänge, poetisch hingehaucht mit der wunderbaren Stimme von Vivi de Farias und perfekt von Sven Faller begleitet. Begeistern kann das Duo jedoch auch mit einem leidenschaftlich gesungenen „Light my fire“, denn, so betont Faller, man wolle auch ein internationales Lied von ihr hören, was auch die große Bandbreite der Südamerikanerin zeige. Fehlen dürfen natürlich auch keine Sambaklänge, diese „Musik der Hinterhöfe, die überall zelebriert, mitgeklatscht, improvisiert“ werde.

Weitere Veranstaltungen des Oberpfälzer Künstlerhauses im Herbst finden Sie hier!

Anrührend ist zudem ein Stück über die Geschichte von Orpheus und Eurydike. „In diesem Hoffnungslied ist die Melancholie eines Karnevalsmorgens zu spüren, als die Liebe in das Leben tritt“, erklärt die Künstlerin. Es ist tatsächlich eines der Highlights des Abends, ebenso wie „A Girl from Ipenama“. Sven Faller habe, so berichtet er, Brasilien mehrmals kennenlernen dürfen, auch als Musiker. Über seine Erlebnisse erzählt er anschaulich, über die „unfassbare Gastfreundschaft“, über die multikulturelle Atmosphäre, aber auch über die dort herrschende Kriminalität. Niemand habe dort auf die Uhr gesehen, gerade deshalb habe er nie eine schönere Tournee erlebt. „In Brasilien ist es wichtig, alles mit Ruhe zu tun“, sagt Faller fasziniert.

Sehnsucht nach Brasilien

Vivi de Farias nickt. Seit 27 Jahren lebt sie nun in Deutschland – und ein wenig zwischen den Welten. Das portugiesische Wort „Saudade“, sagt sie, erkläre ein bestimmtes Sehnen, ein Vermissen, gar ein Leiden. Das spüre sie die ganze Zeit. Wenn sie in Deutschland sei, würde sie Brasilien vermissen, und umgekehrt. Und doch: „Es ist ein Privileg, ein Glück, in beiden Ländern zu Hause zu sein.“

Der nächste Abend der Reihe „Live-Talk und Musik“ findet am 7. Februar mit August Zirner statt und verspricht erneut eine spannende Begegnung mit Gesprächen über ungewöhnliche Werdegänge.

Vivi de Farias verzauberte im Oberpfälzer Künstlerhaus mit ihrer Stimme – und mit ihrer ungewöhnlichen Lebensgeschichte.

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