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Region Schwandorf
Freitag, 19. Januar 2018 3

Umwelt

Eine ungeklärte Standortfrage

Aus Klärschlamm-Asche muss Phosphor gewonnen werden, sagt der Gesetzgeber. Wird der Schlamm in Schwandorf verbrannt?
Von Reinhold Willfurth

Rückstände aus kommunalen Kläranlagen sollen nicht mehr auf Äckern ausgebracht werden. Foto: Patrick Seeger/dpa

Schwandorf.Der Schwandorfer Zweckverband Thermische Klärschlammverwertung (ZTKS) ist ein Erfolgsmodell, wenn man so will: Nicht alle Städte und Landkreise, die mitmachen wollten, konnten aufgenommen werden. Der ZTKS nimmt den Mitgliedskommunen schließlich eine große Sorge ab: Der Gesetzgeber dämmt die bisher übliche Ausbringung von Rückständen aus den kommunalen Kläranlagen auf Feldern immer mehr ein, aus Sorge, dass Arzneimittelrückstände, Hormone oder kleinteiliges Plastik die Äcker ruiniert. Wohin also in Zukunft mit dem Klärschlamm?

Die Antwort auf diese Frage entsteht derzeit auf dem Gelände des Zweckverbands Müllkraftwerk Schwandorf (ZMS). Dort soll ab Dezember der Klärschlamm der Mitgliedskommunen auf zehn Prozent Feuchtigkeit heruntergetrocknet werden. Die Anlage ist auf 50 000 Tonnen Kapazität jährlich ausgerichtet. Das benachbarte Müllkraftwerk liefert die Energie für die beiden Bandtrockner. Rund 16 Millionen Euro lässt sich der Verband die Anlage kosten.

Den endlichen Rohstoff retten

Nach der Trocknung werden die Rückstände in das Zementwerk in Burglengenfeld geliefert, wo sie verbrannt werden. Und da beginnt das eigentliche Problem: Mit dem getrockneten Klärschlamm verschwindet auch der darin enthaltene Phosphor im Ofen. Das chemische Element ist in seiner Verbindung als Phosphat ein wertvoller Dünger. Und der ist endlich, das heißt, die natürlichen Lagerstätten, alle außerhalb Europas, sind irgendwann erschöpft.

Der Bundestag hat deshalb vor einem knappen Jahr beschlossen, dass der wertvolle Rohstoff aus der Klärschlamm-Asche verpflichtend extrahiert werden muss, bevor er etwa dem Zement beigemischt wird. Die Regelung gilt für alle Behandlungsanlagen ab einer Größe von 50 000 Einwohnerwerten, sie betrifft also auch den Schwandorfer Zweckverband.

Reststoff mit wertvollem Inhalt

  • Trocknung:

    Der Klärschlamm aus den Verbandskommunen wird per Lkw in Schwandorf angeliefert. Nach der Trocknung verlassen „maximal drei Lkw“ täglich die Anlage wieder in Richtung Zementwerk Burglengenfeld.

  • Monoverbrennung:

    Phosphor ist im Klärschlamm enthalten. Als Phosphat ist er ein wichtiger (und endlicher) Dünger. In einer Monoverbrennungsanlage wird Klärschlamm verbrannt. Phosphor wird aus der Asche, zum Beispiel mithilfe von Phosphorsäure, extrahiert. Die Reste werden entsorgt, etwa in Zementwerken oder im Straßenbau.

Obwohl der Gesetzgeber eine Frist von zwölf Jahren für die neue Anlage einräumt, laufen sich die Bürgermeister im Verwaltungsrat des ZTKS, derzeit unter Vorsitz von OB Andreas Feller, schon mal warm für die Suche nach Technik und Standort der neuen Verbrennungsanlage. „Man muss sich Gedanken machen“, sagt auch Landrat Thomas Ebeling, Vorsitzender des Müllzweckverbands, auf dessen Gelände die Trocknungsanlage entsteht und der die Anlage auch betreiben wird.

Irgendwie muss der getrocknete Klärschlamm umweltschonend von der Trocknungs- zur Verbrennungsanlage transportiert werden. Dabei müsse der auf zehn Prozent Restfeuchte getrocknete Schlamm durch Vermischung mit „Originalsubstrat“ wieder auf 40 Prozent gebracht werden, erläutert Konrad Rieger, technischer Leiter beim ZMS. Eine Monoverbrennungsanlage in der Nähe zur Trocknung erscheint also zumindest auf dem Papier sinnvoll. Das würde bedeuten, dass Schwandorf der Bau einer neuen Verbrennungsanlage droht, was die Kreisräte Alfred Damm (ÖDP) und Rudi Sommer (Grüne) den Kopf schütteln lässt.

„Wir werden uns in allen Richtungen umsehen.“

Thomas Ebeling, Landrat

Sommer ist ohnehin ein Gegner der Klärschlammverbrennung. Das „Herumkurieren an Symptomen“ sei eine „krasse Fehlentscheidung“. Zurückhaltend äußert sich Landrat Ebeling zur Standortfrage. Zwar sei Schwandorf „von den Transportwegen her naheliegend“. Andererseits falle aber auch nicht so viel Material an, als dass ein Transport in eine andere Mitgliedskommune nicht zu verantworten sei. Dass es auf Schwandorf zulaufe, sei „noch lange nicht raus“, so Ebeling.

Nur Großanlagen funktionieren

Dazu kommt, dass die Extraktion von Phosphor aus Klärschlamm zu einem wirtschaftlichen Preis abhängig von der Kapazität der Verbrennungsanlage ist. Harald Hansen ist Geschäftsführer der „Vera Klärschlammverbrennung“ in Hamburg und lässt nach erfolgreichem Probelauf der Pilotanlage demnächst eine große Monoverbrennungsanlage für die Hansestadt errichten – mit einer Kapazität von 125 000 Tonnen den Klärschlamm pro Jahr. Die 50 000 Tonnen, die in Schwandorf anfallen – mit geschätzt elf- bis zwölftausend Tonnen Trockensubstanz – sei zu klein, um eine Monoverbrennungsanlage rentabel zu betreiben, sagt Hansen auf Anfrage der MZ. Sein dringender Rat: die Kapazität der Anlage hochfahren – ab 20 000 Tonnen Trockensubstanz lohne sich das – oder es lieber gleich bleiben lassen.

Nimmt man den Experten beim Wort, dann ginge der Kelch einer neuen Verbrennungsanlage an Schwandorf vorüber. Im Extremfall könnte aber auch eine (rentable) Großanlage gebaut werden, die von einem Zusammenschluss von mehreren bayerischen Zweckverbänden betrieben wird. Ein Szenario, auf das sich in der Kreisstadt niemand freuen dürfte.

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