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Region Schwandorf
Samstag, 19. August 2017 21° 6

MISSBRAUCH

„Ettal-Skandal kann sich wiederholen“

Der Journalist Rainer Stadler las aus seinem Buch „Bruder, was hast du getan?“ und diskutierte mit den Zuhörern.

Autor Rainer Stadler las im Garten der Stadtbibliothek.

Schwandorf. Immer wieder ging entsetztes Raunen durch das Publikum, als Rainer Stadler am Dienstagabend in der Stadtbibliothek aus seinem Buch über den Missbrauchsskandal im Klosterinternat Ettal las. Im Frühjahr 2010 waren die Missbrauchsfälle ans Licht gekommen und lösten eine Welle der Empörung aus. Seitdem ist das öffentliche Interesse nahezu völlig verebbt, was auch Rainer Stadler zu spüren bekam: „Wir haben bei Dutzenden Bibliotheken in ganz Bayern für eine Lesung angefragt, aber letztendlich nur sieben, acht Einladungen bekommen“.

Buch deckt System der Gewalt auf

Oberstes Anliegen des Buchs sei es, das System hinter den Missbräuchen aufzudecken. Der Begriff „System“ impliziere, dass es sich in Ettal keineswegs um Einzelfälle handle: „Wir wissen von 20 Erziehern, die in einer Zeitspanne von 40 Jahren mindestens 100 Kinder missbraucht haben.“ Die Dunkelziffer liegt weit höher, da sich viele Opfer aus Scham immer noch nicht über ihre Peiniger zu reden trauen. Ein wichtiger Faktor, der das „System Ettal“ begünstigt habe, sei der Zölibat. Das krampfhafte Verdrängen der Sexualität habe bei vielen Patres zu emotionaler Unreife geführt. Deshalb hätten sie kein Mitleid mit ihren Opfern empfunden. Die totale Isolation der Schüler im Internat machte Stadler als weiteren wichtigen Faktor aus.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten die Zuhörer sehr engagiert mit dem Autor. Die Gäste berichteten von Missbrauchsfällen aus der Region und kritisierten die mangelnde Zivilcourage der Bevölkerung. Trotz offensichtlicher Indizien werde zu oft weggeschaut. Außerdem übten viele Anwesende Kritik an der mangelnden Aufklärungsarbeit der katholischen Kirchen. Der Skandal sei geradezu unter den Teppich gekehrt worden.

Autorität nicht infrage gestellt

Die Rolle der Eltern im Missbrauchsskandal wurde kontrovers diskutiert. Viele Zuhörer stellten sich die Frage, warum sie trotz offensichtlicher Blessuren und seelischer Leiden ihrer Kinder nicht eingriffen. Die Gesprächsteilnehmer kamen zu dem Schluss, dass die Eltern niemals die Autorität der Patres auf dem Elite-Internat infrage gestellt hätten.

Einige berichteten von ihren eigenen Internatserfahrungen. Sie bestätigten, dass auch bei ihnen Gewalt an der Tagesordnung gewesen sei, jedoch niemand darüber gesprochen habe. „Da musste man halt durch. Vater und Großvater hatten das auch schon mitgemacht. Außerdem gab es für Kinder vom Land nach dem Krieg keine andere Möglichkeit, als auf ein Internat zu gehen. Gymnasien gab es ja noch nicht.“ Zu sexuellen Übergriffen wie im Kloster Ettal sei es jedoch nicht gekommen.

Am Ende der Diskussion zog Stadler ein kritisches Fazit: „So etwas wie Ettal ist jederzeit wieder möglich.“ Die Anwesenden waren sich einig, dass eine bessere Aufklärungsarbeit und ein verändertes öffentliches Bewusstsein nötig seien, um Katastrophen wie Ettal künftig zu verhindern.

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