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Region Schwandorf
Dienstag, 17. Oktober 2017 19° 2

Kritik

Fehlender Respekt sorgt für Unmut

Nach dem Einsatz an einem brennenden Strommast erklären Helfer, warum sich Sensationsberichterstattung bei Suizid verbietet.
Von Gunther Lehmann

Am Tag nach dem belastenden Einsatz an einem Strommast in Maxhütte-Haidhof kritisieren Verantwortliche die Veröffentlichung von Details von Suizid und Bergung in den überregionalen Medien. Foto: Archiv/ André Baumgarten

MAXHÜTTE-HAIDHOF.Auf Unverständnis und heftige Ablehnung ist die Berichterstattung überregionaler Medien über die Hintergründe des zweistündigen Stromausfalls in weiten Teilen von Maxhütte-Haidhof in der Nacht von Mittwoch, 11. Oktober, auf Donnerstag, 12. Oktober, gestoßen. Verantwortliche der Blaulichtorganisationen aus dem Städtedreieck, die am Einsatz beteiligt waren, bezeichneten die Darstellung der tragischen Ereignisse als unangemessen, unrichtig und fühlten sich falsch wiedergegeben.

Wie berichtet, war es am Mittwochabend gegen 19.45 Uhr zu einem totalen Stromausfall in Teilen Maxhütte-Haidhofs, östlich der Bahngleise, und in Teublitz gekommen. Ursache war der Brand eines Transformators auf einem Hochspannungsmast in der Heinrich-Heine-Straße. Als die Feuerwehr eintraf, entdeckte sie auf der Trafoplattform einen leblosen Körper. Obwohl Techniker des Bayernwerks schnell vor Ort waren und Leitung und Trafo vom Netz nahmen, konnte die Bergung erst spät in der Nacht begonnen werden.

Laut Kriminaloberkommissar Dietmar Winterberg geht die Polizei mit Informationen über einen Suizidversuch sehr zurückhaltend um. Foto: Seitz/Archiv

Für die Polizei lag von Anfang an die Vermutung nahe, dass der Verstorbene seinem Leben selbst ein Ende setzen wollte. „Über solche Fälle berichtet die Polizei in der Regel nicht“, erklärt Kriminaloberkommissar Dietmar Winterberg von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberpfalz. „Zum Schutz der Opfer und ihrer Angehörigen halten wir uns da sehr bedeckt“, sagt der Pressesprecher. Im aktuellen Fall habe sich die Polizei nur aufgrund des gewaltigen öffentlichen Interesses entschieden, eine knappe Pressemitteilung zu veröffentlichen.

„Über solche Fälle berichtet die Polizei in der Regel nicht.“

Kriminaloberkommissar Dietmar Winterberg

Denn wie Recherchen der Mittelbayerischen Zeitung ergaben, war die Berichterstattung eines freien Mediendienstleisters aus dem Raum Nürnberg bestens geeignet für wilde Spekulationen überregionaler Medien. Vom „Brennenden Menschen am Strommast“ war bei BR24 die Rede und der Mutmaßung, dass das 25-jährige Opfer von der Spitze des Mastes aus 15 Metern Höhe in den darunterhängenden Trafo gesprungen sein könnte. „Es gibt keinerlei Hinweise, die das bestätigen“, erklärt Winterberg.

Selbst das Video eines Anwohners vom brennenden Trafomast, das sich nach Minuten via Facebook und WhatsApp verbreitete, bot der Mediendienstleister zur weiteren Veröffentlichung an. Für den Hauptkommissar ist diese Art der Berichterstattung fragwürdig. Respekt vor Opfern und Angehörigen lasse sie in jedem Fall vermissen.

Für Notarzt Philipp Wolf ist ein Suizid immer auch ein Ruf nach Aufmerksamkeit. Eine Berichterstattung darüber ruft immer wieder Nachahmer auf die Tagesordnung. Foto: Archiv/Hitzek

Ähnlich denkt auch Notarzt Philipp Wolf, der in der Nacht im Einsatz war. „Ein Suizid, über den berichtet wird, findet immer Nachahmer“, sagt Wolf. Gerade deshalb gebe es zwischen den Hilfsorganisationen und den Medien klare Regeln, die in der sogenannten „Suizidvereinbarung“ festgehalten seien.

„Ein Suizid, über den berichtet wird, findet immer Nachahmer“

Notarzt Philipp Wolf

Damit solle verhindert werden, dass ein Freitod eine große Öffentlichkeit findet. „Ein Suizidversuch stellt immer auch einen Ruf nach Aufmerksamkeit dar“, sagt Wolf. Die Sensationsberichterstattung über die Bergung der Leiche per Drehleiter zolle weder dem Opfer noch den Rettern Respekt, die oft schwere Arbeit zu leisten hätten.

Feuerwehrkommandant Helmut Huber fühlt sich falsch wiedergegeben. Foto: Archiv/FFW Meßnerskreith

„Das geht für mich gar nicht“, sagt Helmut Huber, Kommandant der Meßnerskreither Feuerwehr, zur Arbeit des auswärtigen Reporters und die mediale Wiedergabe unter anderem auf BR24 und focus.de. Dort konnte man in einem Video sogar die Silhouette des Leichnams erahnen.

„Was aus dem Gespräch dann rausgeschnitten wurde, sind nur die Sätze, die zu dem Einsatz passten.“

Feuerwehrkommandant Helmut Huber

Huber wirft dem Reporter vor, Aussagen eines Gesprächs aus dem Zusammenhang gerissen und so zusammengestellt zu haben, dass sie sich auf den Einsatz des Abends bezögen. „Wir hatten definitiv vereinbart, dass es zum Einsatz keine Aussagen und kein Interview gibt“, sagt Huber. „Was aus dem Gespräch dann rausgeschnitten wurde, sind nur die Sätze, die zu dem Einsatz passten.“

Weitere Polizeimeldungen aus dem Landkreis Schwandorf finden Sie hier.

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