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Region Schwandorf
Montag, 18. Dezember 2017 3

Initiative

Gedenken an die namenlosen Opfer

Am 20. April 1945 starben 70 Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg bei Kunthau. Die SPD fordert eine Gedenkstätte.
Von Hubert Heinzl

Ein schlichtes Holzkreuz erinnert an das schreckliche Geschehen von Kunthau. Die SPD mit Ortsvorsitzendem Manfred Schüller (li.), Stadtverbandsvorsitzendem Andreas Weinmann (re.) und 2. Bürgermeisterin Ulrike Roidl spricht sich dafür aus, hier einen Gedenkstein zu errichten. Der Klardorfer Michael Fleischmann (2. v. li.) hat sich intensiv mit der Geschichte des Tieffliegerangriffs vom 20. April 1945 auseinandergesetzt. Foto: Heinzl

Sdchwandorf.Die Stelle ist nicht leicht zu finden, über Google Maps schon gleich gar nicht: Von der ehemaligen B 15 geht es über den Kreisel zum Klausensee-Parkplatz, dann weiter auf der schmalen, zusammengeflickten Teerstraße durch den Wald zum Bahnübergang. Hundert Meter auf der Schotterpiste Richtung Norden, steht linker Hand ein schlichtes Holzkreuz. Irgendwer hat eine Schale mit Erika davorgestellt. Die Züge auf der Bahnlinie Regensburg — Hof donnern im Fünfminutentakt vorbei.

„In Memoriam an 70 KZ-Insassen“

„20. 04. 1945“ steht auf dem Kreuz, und eine Inschrift: „In Memoriam an 70 KZ-Insassen“. Errichtet hat das schlichte Mahnmal der inzwischen verstorbene Schwandorfer Lehrer Wolfgang Hirche. Erinnern soll es an ein schreckliches Geschehnis vor über 72 Jahren – eines von vielen. Drei Tage nach der „Schwandorfer Bombennacht“, bei der in der Stadt 1250 Menschen ums Leben kamen, forderte ein Tieffliegerangriff an der Bahnstrecke in der Gemarkung Kunthau (oder Kuntau, wie es früher hieß) weitere Opfer.

Es waren Menschen aus einem sogenannten Evakuierungszug vom KZ Flossenbürg, der in dem Waldstück hängenblieb. Ein Flakzug auf dem Weg nach München hatte wegen der zerstörten Brücke in Regensburg in dem Waldstück haltgemacht. Als Tiefflieger die beiden Züge angriffen, brach unter den Gefangenen Panik aus, und sie versuchten auszubrechen. Bei dem Angriff kamen 70 Menschen ums Leben – auch durch die Wachmannschaften, die von der Schusswaffe Gebrauch machten.

Die Gemeinde Dachelhofen, zu der das Flurstück damals gehörte, errichtete nach dem Krieg drei Grabstätten, die 1950 zu zwei Grabanlagen am Bahngleis und am Waldrand zusammengefasst wurden. Ein Einzelgrab befand sich außerdem etwa 100 Meter im Wald. 1957 wurden die sterblichen Überreste der Opfer in den KZ-Ehrenfriedhof Flossenbürg umgebettet, die Anlage in der Kunthau aufgelassen. Die Grabeinfassungen und Mahnmale sollten von der Gemeinde zum Verkauf angeboten werden. Doch bevor es dazu kam, waren Grabsteine, Pflanzenschmuck und Einfassungen bereits gestohlen worden, erzählt der Klardorfer Michael Fleischmann, der sich seit Jahren mit der Geschichte der Schwandorfer Kriegerdenkmale befasst. Nur kleine Mauerreste sind von den früheren Mahnmalen übriggeblieben.

Einige können sich noch erinnern

Vor zwei Jahren hat die Schwandorfer SPD mit einer Gedenkveranstaltung an die Geschehnisse vor 70 Jahren erinnert. „Viele Klardorfer sind gekommen. Einige können sich noch daran erinnern, zumindest aus Erzählungen“, sagt SPD-Stadtrat Andreas Weinmann, „aber in der übrigen Bevölkerung ist das kaum bekannt“.

Das soll sich ändern. Ende Oktober hat der SPD-Stadtverband Schwandorf den Antrag an Oberbürgermeister Andreas Feller gestellt, am Ort des historischen Geschehens einen Gedenkstein zu errichten. „Wir sind der Meinung, dass Erinnerungskultur gerade in diesem Fall einer würdigen Form bedarf“, heißt es in dem von Stadtrat Andreas Weinman unterzeichneten Schreiben. Und: „Konkret böte sich ein Stein aus Flossenbürger Granit an. Die Inschriften des alten Gedenksteins sind historisch belegt und könnten auch als Vorlage für die Inschriften des neuen Steines dienen“.

„Eigentlich ist das eine Selbstverständlichkeit“, sagt 2. Bürgermeisterin Ulrike Roidl, die sich für die Gestaltung einer Gedenkstätte in der Kunthau auch einen Ideenwettbewerb vorstellen könnte. Und auch Stadtrat Weinmann sieht die Stadt Schwandorf in der Pflicht. „Wir schulden es den Verstorbenen, dass wir sie nicht vergessen“, sagt er – gerade in Zeiten, in denen der Rechtsextremismus wieder den Versuch unternehme, salonfähig zu werden.

Der Waldrand bei Kunthau ist nach den Worten Weinmanns übrigens nicht der einzige Schauplatz, an dem die Erinnerungskultur noch einiges zu tun hat. Beim Bahnhof Irrenlohe, im Gebiet des Schwandorfer Ortsteils Irlaching, sollen immer noch die Gebeine weiblicher KZ-Häftlinge liegen. Weinmann: „Im Grunde kann man da überall noch etwas finden.“

Der Fliegerangriff von Kunthau

  • Das Geschehen:

    Am 20. April 1945 starben bei Kunthau 70 Menschen bei einem Tieffliegerangriff auf einen Evakuierungszug vom KZ Flossenbürg. Der Zug war bei einem Waldstück in der damaligen Gemeinde Dachelhofen hängengeblieben, die Häftlinge gerieten bei dem Fliegerangriff in Panik und versuchten zu fliehen.

  • Erinnerung:

    Zwei Grabstätten der Gemeinde Dachelhofen und ein Einzelgrab wurden nach der Umbettung der sterblichen Überreste der Opfer aufgelassen. Zurzeit erinnert nur ein schlichtes Holzkreuz an die Ereignisse. Vor zwei Jahren gedachte die SPD bei einer öffentlichen Gedenkveranstaltung vor Ort der Opfer. (hh)

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