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Region Schwandorf
Samstag, 25. November 2017 11° 3

Archäologie

Leben am „Kreuz Oberpfälzer Wald“

Schon im 8. Jahrhundert genossen die Slawen von Iffelsdorf die Lage an zwei Handelswegen. Die heißen heute A 93 und A 6.
Von Reinhold Willfurth

  • Zentimeter für Zentimeter tragen Studenten und Grabungstechniker die Erdschichten in einem Grab der Iffelsdorfer Nekropole ab.
  • Hildegard Reil
  • Studenten packen kräftig mit an.
  • Die Fundgrube
  • Knochenfunde sind selten.

Iffelsdorf.Nach der siebten Grabungskampagne kristallisiert sich für Dr. Hans Losert und sein Archäologenteam heraus: In Iffelsdorf, dem an der Naab gelegenen dörflichen Stadtteil von Pfreimd, haben vor 1300 Jahren wohlhabende Bauern slawischen Ursprungs gelebt. Sie waren wohl von den baierischen Herzögen ins Land gelockt worden, vermutet der Mittelalter-Archäologe von der Universität Bamberg. „Land gegen Schwert“ hat das Geschäft zwischen den baierischen Machthabern und diesen Menschen mit hohem sozialen Status aus Südosteuropa wohl gelautet. Nach Loserts Theorie halfen die wehrhaften Bauern als Söldner, die Grenzen gegen Eindringlinge wie Franken oder Sachsen zu sichern.

Mühsam ist es, der Erde auf dem Iffelsdorfer Acker die Geheimnisse dieser Menschen zu entreißen. Auch heuer trugen seit Anfang September wieder zehn Studenten und zwei Grabungstechniker drei eng abgezirkelte Grabungsfelder Zentimeter für Zentimeter ab, um auf Zeugnisse der geheimnisvollen Slawen-Elite zu stoßen. Und auch heuer wurde das Grabungsteam, zu dem neben zwei Archäologen wie stets auch Kreisheimatpfleger Kurt Engelhardt zählt, für seine Mühen belohnt.

Land und Recht gegen Schwert

Auf einem Biergartentisch sind die Preziosen aufgereiht, die das Grabungsteam bei der siebten Kampagne zutage gefördert hat. Zumeist sind es Kindergräber, deren Hinterlassenschaften die Wissenschaftler immer wieder in Entzücken versetzen und die hoch entwickelte Kultur der Menschen von Iffelsdorf unter Beweis stellen. Die verstorbenen Kinder bekamen von ihren Eltern schöne oder auch praktische Dinge mit auf die Reise ins Jenseits: Kunstvoll gearbeitete Glasperlen etwa oder auch ihr (Lieblings-?) Messer.

Die Glasperlen schimmern noch genauso bezaubernd wie ehedem – 1300 Jahre nach der Grablegung ihrer allzu früh verstorbenen Besitzer. Für Losert sind die Schmuckstücke aus der Mittelmeerregion der Beweis dafür, dass die Iffelsdorfer schon damals Anschluss an den internationalen Handel hatten. Kein Wunder, lag ihr Domizil doch an der Schnittstelle zweier Handelsstraßen. Sie sind fast deckungsgleich mit den Trassen der heutigen Autobahnen A 93 und A 6.

Es war also ein recht komfortables Leben an diesem frühen Vorläufer des Autobahnkreuzes Oberpfälzer Wald. „Es gab einen Bedarf für solche bewaffneten Eliten“, sagt Losert. Eine Zuteilung von Land und Rechtssicherheit waren die Gegenleistungen. Von etwaigen Konflikten mit Einheimischen gebe es keinerlei Hinweise, sagt der Archäologe. „Die menschliche Ressource war damals das höchste Gut, die Sicherheit nahm durch die Einwanderer zu. Fremdenfeindlichkeit ist ein Phänomen der Gegenwart“. Überhaupt ist dem Archäologen eine Ära ohne Migranten nicht geläufig. Hätte es die AfD damals schon gegeben, sie hätte es wohl kaum über die Fünf-Prozent-Hürde geschafft.

„Man befruchtete sich gegenseitig“

Der Einfluss der Zuwanderer war jedenfalls groß, das zeigen allein die vielen Orstnamen slawischen Ursprungs (Girnitz, Trabitz, Schirmitz, etc.). So groß, dass die Slawen die elbgermanische und thüringische Kultur „überprägten“, so Losert. „Man befruchtete sich gegenseitig“, so drückt es Kurt Engelhardt aus. Bis ins hohe Mittelalter hinein war Slawisch in der Region neben Deutsch gängige Amtssprache.

Hildegard Reil ist schon ein bisschen stolz auf die Zeugnisse der hochentwickelten Kultur auf dem Acker ihrer Familie. Seit sieben Jahren wird dieser rechtzeitig abgeerntet, damit die Archäologen Anfang September loslegen können.

Im nächsten Jahr will sich das Archäologenteam allmählich hangaufwärts arbeiten, in Richtung einer Kapelle, von der sich viele fragen, welchen Ursprung sie hat. Dr. Hans Losert und sein Team hoffen, dass sie bald Antworten finden in der Erde von Iffelsdorf.

Die schönsten Fundstücke der diesjährigen Kampagne finden Sie hier.

Die Fundgrube

  • Fundstücke:

    Die Funde in Iffelsdorf stammen nicht nur aus dem frühen Mittelalter, der Ära des slawischen „Herrenhofs“ und seinem „Gräberfeld der besonderen Art“ (Dr. Hans Losert) mit den aufsehenerregenden Schmuckstücken und Gebrauchsgegenständen. Bei der diesjährigen Kampagne wurden auch sehr viel ältere Fundstücke ausgegraben. Einmalig in der Oberpfalz sei zum Beispiel die germanische Keramik aus der frühen römischen Kaiserzeit, also der Ära um Christi Geburt. Andere Fundstücke geben wiederum Auskunft über das Leben im Hochmittelalter. So zum Beispiel ein Spielzeugpferde aus glasierter Keramik aus dem 13. Jahrhundert (siehe Info). Menschliche Überreste sind in den über 60 bisher untersuchten Gräbern nur sehr spärlich vorhanden. Das sauere Milieu des sandigen Bodens hat die Körper fast vollständig verschwinden lassen. Doch immer wieder werden Teile von Skeletten und Schädeln aus dem Boden herausgearbeitet. Wertvollstes Fundstück aus der Slawenzeit sind Uniformteile eines awarischen Kriegers. Die Zeitdokumente des untergegangenen Volks aus Südosteuropa geben den Archäologen Rätsel auf.

  • Museumspläne:

    Gezeigt werden sollen die Fundstücke aus sieben Jahren Grabung in einem Museum in Pfreimd. Dafür liegt jetzt die Kostenschätzung vor. Laut Bürgermeister Richard Tischler berät der Stadtrat in dieser Woche über das Budget von 440 000 Euro, von dem die Stadt 200 000 Euro übernehmen müsste. Zuschüsse kommen von der Landesstelle für nichtstaatliche Museen und vom Leaderprogramm der Europäischen Union, das Sammlungen mit überregionaler Bedeutung fördert. Die Archäologie ist notorisch unterfinanziert. Prof. Dr. Erik Szameit von der Uni Wien, der sich in den vergangenen Jahren an der Grabung beteiligt hat, ist deshalb in diesem Jahr nicht mit von der Partie. Die Stadt Pfreimd unterstützt die Grabungen jährlich mit rund 10 000 Euro und sorgt für die Unterbringung der Studenten. Die beiden Lions Clubs Schwandorf und Oberpfälzer Wald haben ebenfalls Unterstützung signalisiert. Die Höhe ist noch nicht klar. Im vergangenen Jahr spendeten die Clubs je 1000 Euro. (fu)

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