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Mit 30 Kilo Heimat auf der Flucht

Verlassene Orte: Nach ihrer Vertreibung aus Böhmen siedelten sich Sudetendeutsche 1946 in der Bügellohe bei Schönsee im Landkreis Schwandorf an.
Von Dagmar Unrecht, MZ

  • Das „Fleischhackerhaus“ ist von der Siedlung Bügellohe übrig geblieben, ansonsten sind auf der Anhöhe bei Schönsee im Landkreis Schwandorf nur noch Ruinen zu finden. 1946 hatten hier Menschen, die aus nahe gelegenen Dörfern in Böhmen vertrieben worden waren, Zuflucht gesucht. Foto: Schönberger
  • Das Leben in der Siedlung im Wald war mühsam. Foto: Stadt Schönsee
  • Laiendarstellerin Maria Hammerer in der Rolle einer Bewohnerin. Foto: Schönberger
  • Hermann Hanf hat die Dokumentation zur Bügellohe verfasst. Foto: Schönberger

Schönsee.30 Kilo Heimat: So viel Gepäck dürfen die Menschen aus Wenzelsdorf und Rappauf mitnehmen, als sie 1946 aus ihren Dörfern in Böhmen vertrieben werden. Was packt man da ein? Die Kühe sind den Sudetendeutschen schon abgenommen worden, die Höfe müssen sie zurücklassen – und mit ihnen das Zuhause. Nur einen halben Kilometer entfernt, in der Bügellohe nahe Schönsee (Landkreis Schwandorf), richten sich die Flüchtlinge zunächst provisorisch ein. Eigentlich hoffen sie auf eine schnelle Rückkehr in ihre alten Häuser. Doch die böhmischen Dörfer werden zerstört, mit dem Eisernen Vorhang ist der Weg in die alte Heimat endgültig verbaut. Das „Fleischhackerhaus“ in der Bügellohe erinnert noch heute an die elf Familien, die nach dem Krieg auf knapp 900 Metern Höhe Zuflucht suchten. Als 1969 der letzte Bewohner der Siedlung den Rücken kehrt, verfallen die Gebäude. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist die Bügellohe ein verlassener Ort mitten im Wald: ein Flecken Erde voller Erinnerungen.

Maria Wachter hat die Vertreibung 1946 hautnah miterlebt. Noch kurz vor ihrem Tod im Mai 2011 hat sie der Bürgermeisterin von Schönsee, Birgit Höcherl, davon erzählt: „Sie war überhaupt nicht verbittert“, erinnert sich Höcherl. Es habe sie sehr beeindruckt, wie gelöst die mehr als neunzig Jahre alte Dame von den Brüchen in ihrem Leben berichtet habe. Zum Beispiel von den schwierigen Bedingung in der Bügellohe, vom Leben ohne Strom und fließendes Wasser.

Sieben Kinder geboren

Nicht einmal eine Straße führte zur Siedlung mitten im Wald. Über den „Sautreiberweg“ musste alles, was gebraucht wurde, mühsam zu Fuß hochgeschleppt werden – Lebensmittel ebenso wie Baumaterial. In den langen Wintermonaten lag der Schnee meterhoch. Dann war der kilometerweite Schulweg für die Kinder besonders mühsam. Mehr als 60 Menschen lebten in der Bügellohe, sieben Kinder wurden dort geboren, auch die Zwillinge von Maria Wachter. Der Arzt hatte damals auf seinem beschwerlichen Fußmarsch allerdings die Spritze für die werdende Mutter verloren. Es ging trotzdem alles gut.

Die Erzählungen von Maria Wachter hat der Freilichtspiel-Autor Martin Winklbauer zu einer kleinen szenischen Geschichte verarbeitet: Sie ist der Laienschauspielerin Maria Hammerer wie auf den Leib geschneidert. Ein gestricktes grünes Dreieckstuch liegt auf ihren Schultern, über ihr Haar streift sie ein dunklen Kopftuch. Das „Fleischhackerhaus“ dient als Kulisse und Maria alias Maria legt los: Die Bügellohe sei ja in Rufweite der alten Heimat, erzählt sie, „den Schrei hat aber niemand gehört wie so manch‘ anderen Schrei in dieser Zeit“. Nur eine Zeichnung, die ihr Bruder angefertigt habe, sei von ihrem Heimathof in Wenzelsdorf geblieben. Auch der Bruder sei ihr genommen worden und mit 18 Jahren an der Front gefallen. Ihr Mann kam mit einem steifem Bein aus dem Krieg zurück, „am ganzen Körper voller Granatsplitter“. Das Vieh sei ihnen abgenommen worden und dann hieß es, packen: „Da wussten wir, was Vertreibung heißt.“

Sieben Jahre bleibt Maria Wachter mit ihrer Familie in der Bügellohe, anfangs in einer notdürftig zusammengezimmerten Baracke, später wird ein Haus aus Stein gebaut. Auf der Bügellohe gibt es nur ein einziges Radio, aber auch ein Wirtshaus mit Kegelbahn und Tanzfläche. Der Gastwirt hatte es als einziger der Flüchtlinge geschafft, seine Kühe rechtzeitig in Sicherheit zu bringen und damit einen gewissen Wohlstand begründet.

Die kargen Felder der Bügellohe brachten kaum Ertrag. Die wichtigste Einnahmequelle der Bewohner war das Klöppeln von Spitze. Allerdings war damit nicht viel zu verdienen. Vergebens hofften die Siedlungsbewohner auf den Bau einer richtigen Straße. Nach und nach treibt die Not die Familien weg von der Bügellohe, hinunter in die nächstgelegenen Dörfer. Maria Wachter siedelt 1953 mit ihrem Mann und den Kindern nach Oberviechtach um, es wird die letzte Station ihrer Odyssee. Ihr Vermächtnis gibt Maria Hammerer Zuhörern in der Bügellohe mit auf den Weg: „Es ist wichtig, dass so etwas nie wieder passiert.“

Kleine Dokumentation

Wanderer können die Darbietung der Laienschauspielerin beim Tourismusverband Schönsee buchen, verbunden mit einer Wanderung. Im „Fleischhackerhaus“ gibt es außerdem eine kleine Dokumentation zur Geschichte der Bügellohe und ihrer Bewohner. Das alte Haus ist so weit instand gesetzt, dass es nicht weiter verfällt. Im vorderen Teil des Gebäudes lag der Wohnbereich: In der Stube steht noch ein alter Ofen, eine zersplitterte Tür lehnt an der Wand, in den Fenstern fehlt das Glas. Unter dem Dach waren die Schlafplätze untergebracht. Im hinteren Teil des Hauses gibt es einen kleinen Verschlag für Tiere. Bürgermeisterin Höcherl hat sich für den Erhalt des alten Gemäuers eingesetzt. „Die Erinnerung soll nicht verloren gehen“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Bügellohe ist kein Ort der Anklage, sondern der Versöhnung.“

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