mz_logo

Region Schwandorf
Montag, 19. Februar 2018 5

Geschichte

Mit dem Handy in die „Obere Pfalz“

„Zeitzeugen“ lautet das Motto des Oberpfälzer Freilandmuseums. Ausstellungen und zwei pfiffige Filme erfüllen es mit Leben.
Von Reinhold Willfurth

Die jungen Filmemacherinnen aus Nabburg drehten zwei historische Streifen – auf Smartphone und Tablet. Foto: Willfurth

Neusath-Perschen.Sie werden immer weniger – Menschen, die die Zeit des Nationalsozialismus noch bewusst erlebt haben. Das Oberpfälzer Freilandmuseum will mit seinem Jahresmotto die Erfahrungen von Menschen auf dem Land mit der Nazizeit dokumentieren und auch sonst authentische Einblicke in das bäuerliche Leben vor 1945 geben.

Holzschuhe und geschnitztes Spielzeug von Zwangsarbeitern auf dem Bauernhof. Foto: Willfurth

Den Anfang macht am 16. März die Ausstellung „Volk-Heimat-Dorf“. Die sieben bayerischen Bezirks-Museen haben Exponate aus der Nazi-Ära im ländlichen Raum zusammengetragen. Das war keine leichte Aufgabe, es gibt nur vergleichsweise wenige Dokumente. Umso interessanter ist der Blick auf eine „Reichsfettkarte“, Holzschuhe und Spielzeug von bäuerlichen Zwangsarbeitern, Betten des Reichsarbeitsdienstes oder die pompöse Emailtafel, die den Wohnsitz des linientreuen „Ortsbauernführers“ anzeigt. Ein Ausstellungsteil ist dem jüdischen Leben auf dem Land gewidmet, sofern dieses nicht schon dem Naziterror zum Opfer gefallen war.

Die Nachkriegszeit auf dem Land

Auch Menschen auf dem Land sollten durch den „Stürmer“ aufgehetzt werden. Foto: Willfurth

Die Ausstellung, die bis September im Freilandmuseum zu sehen ist, wird nicht die einzige Rückblende anhand von Zeitzeugen-Dokumenten sein. Museumsleiterin Dr. Birgit Angerer schwebt eine weitere Ausstellung vor. Grundlage sind Interviews mit ländlichen Zeitzeugen über die Veränderungen in der Landwirtschaft seit 1945. Dazu will das Museum auch selbst Senioren zu Interviews einladen.

Ein Mensch auf einem Bauernhof im Landkreis Regensburg, auf dem Zeit stehengeblieben ist, wird zudem mit der Fotoausstellung „Hans – eine kleine Geschichte vom Glück“ porträtiert. Was die Volkskundler und Historiker der bayerischen Museen in mühevoller Sammelarbeit zu einem Puzzle der vergangenen Zeit komponiert haben, ist Schülerinnen des JAS-Gymnasiums Nabburg scheinbar mühelos in nur wenigen Tagen gelungen.

„Neue, jüngere Besucherschichten zu erschließen, ist bitter nötig.“

Dr. Birgit Angerer, Leiterin des Freilandmuseums

Die Sechstklässlerinnen der Theatergruppe wechselten zusammen mit ihrer Lehrerin Maresa Hottner das Genre und drehten zwei historische Kurzfilme über das Landleben „in der Oberen Pfalz“ im vorletzten Jahrhundert. Begleitet wurden sie dabei von der Medienfachberaterin des Bezirks Alexandra Lins im Rahmen des Projekts „mobil im Museum“.

Bei der „Reise in die Vergangenheit“ wird Heldin Lena Huber bei der Lektüre eines alten Tagebuchs in die alten Zeiten gebeamt. Auf dem Hof ihrer Urgroßmutter lernt sie, dass diese alten Zeiten nicht immer nur gut waren. Harte Handarbeit auf dem Acker und im Haus fast ohne technische Hilfe ist gefragt, und vor allem – die Menschen mussten ganz ohne Smartphone auskommen! Nur gut, dass Lena wieder zurückkehrt in die Gegenwart – denn dann hätte ihre Zeitreise auch gar nicht dokumentiert werden können, den die Regisseurinnen nutzten zeitgemäße Ausrüstung: Ihre Filme wurden komplett mit Smartphones und Tablets gedreht.

Sehen Sie hier das Video, das die Nabburger Schülerinnen gedreht und uns zur Verfügung gestellt haben:

Nabburger Schüler reisten in die Vergangenheit

Mit viel Witz und Gefühl ist auch der zweite Film der Gymnasiastinnen gestaltet: „Die weiße Frau“ handelt von der legendären Gattin eines gefühlskalten Grafen, die sich in den Müller der Rauberweihermühle verliebt und dafür sterben muss. Seitdem geistert sie ernstzunehmenden Zeugenberichten zufolge auch am neuen Standort der Mühle herum, dem Freilandmuseum in Neusath. Die jungen Filmemacherinnen haben es sogar geschafft, der melodramatischen Story mit einem anrührenden Happy End ein versöhnliches Finale zu verpassen.

„Die weiße Frau“ wurde prompt für den Kinderfilmpreis des Bezirks Oberpfalz nominiert, mit der Chance, auch bayernweit Furore zu machen. Die beiden Filme sind ab sofort auf der Homepage des Museums zu sehen – und demnächst vielleicht sogar auf einem Extrabildschirm in der Rauberweihermühle.

Die Ausstellung „Volk-Heimat-Dorf“

  • Mobiliar:

    Raritäten wie das Stockbett des Arbeitsdienstes (RAD) vermitteln einen Eindruck von der Zeit des Nationalsozialismus.

  • Manipulation:

    Auch auf dem Land sollte die Nazi-Ideologie skrupellos durchgesetzt werden: Schautafel des Hetzblatts „Der Stürmer“

  • Spuren:

    Selbst geschnitzte Holzschuhe und Holzspielzeug: Dokumente von Zwangsarbeitern auf bayerischen Bauernhöfen

Bayernweite Aktionen wie „mobil im Museum“ sind für Birgit Angerer auch deshalb wichtig, um neue, jüngere Besucherschichten für das Freilandmuseum zu gewinnen. Denn, so Angerer, „das ist bitter nötig“. 55 000 Besucher zählte das Museum im vergangenen Jahr, 2014 waren es schon einmal 70 000.

Museumsleiterin Dr. Birgit Angerer Foto: Willfurth

Museumspädagogik wie der Umweltgarten oder Fortbildungen für OGV-Jugendleiter liegt Angerer am Herzen. Ausbauen will die Leiterin das Experimentierfeld des Museums. Dabei denkt sie zum Beispiel an den Erhalt alter, heimischer Kulturpflanzen – die „Pfatterer Rübe“ liegt ihr dabei näher als exotisches Urgetreide.

Mehr Nachrichten aus Nabburg finden Sie hier.

Aktuelles aus der Region und der Welt gibt es über WhatsApp direkt auf das Smartphone: www.mittelbayerische.de/whatsapp

Die Kommentarfunktion steht exklusiv unseren Abonnenten zur Verfügung. Als Abonnent melden Sie sich bitte an oder registrieren Sie sich. Alle anderen Nutzer finden preiswerte Angebote in unserem Aboshop.

Anmelden Registrieren Zum Abo-Shop

Sie sind noch nicht registriert?

Neu registrieren

MessageBox

Nachricht