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Region Schwandorf
Montag, 20. November 2017 3

Kultur

Mit dem Wirtshaus stirbt das Dorf

Auf dem Land hat das Gasthaus oft die Funktion eines sozialen Mittelpunkts. In Windmais ist „Der Kolbeck“ ein Treffpunkt.
Von Randolf Alesch

„Wegen zwei oder drei Gästen und ein paar Halben Bier lohnt es sich nicht, jeden Tag hinter der Theke zu stehen“, sagt Wirtin Gina Tamasecu. Foto: tal

Bodenwöhr.Kehrt man am Sonntag in das Gasthaus Kolbeck in Windmais ein, entweder vormittags zum Frühschoppen oder am Abend, um das Wochenende ausklingen zu lassen, denkt man, dass die Welt in diesem Dorfwirtshaus noch in Ordnung ist. Der Stammtisch ist meist gut besetzt und die Stimmung ist entsprechend. Insider und Stammgäste, die hier schon seit Jahren verkehren, wissen es aber besser.

Das Foto entstand kurz nach Ende des Krieges. Links im Hintergrund sieht man noch das alte Gasthaus Kolbeck, das Ende der 60er Jahre durch einen Neubau ersetzt und dann weggerissen wurde. Das Anwesen existierte wohl schon um 1700. Foto: tal

„Vor zehn Jahren waren hier zwei-, dreimal so viele Gäste, wie jetzt und es war an sechs Tagen in der Woche geöffnet“, betont mit Hans Rösch jemand, der hier regelmäßig verkehrt. Tatsächlich hat das Wirtshaus seine Öffnungszeiten seit Jahren sukzessive reduziert und ist jetzt nur noch am Freitagabend, am Sonntag und bei gewissen Gelegenheiten geöffnet.

Bierumsatz reicht nicht zum Leben

„Es lohnt sich wirklich nicht, wegen zwei oder drei Gästen und ein paar Halben Bier jeden Tag hinter der Theke zu stehen“, entgegnet die Wirtin Gina Tamasecu, eine gebürtige Rumänin. „Mein Mann und ich sind berufstätig, von den Einnahmen aus dem Wirtshaus könnten wir keinesfalls leben“, fügt sie hinzu. „Außerdem haben wir zwei Kinder, die in die Schule und den Kindergarten gehen, um die müssen wir uns auch kümmern.“

Auf dem Foto vom Ende der 60er Jahre sieht man im Hintergrund den Wirtshausneubau und davor das alte Gasthaus. Die Gänse im Vordergrund kamen wohl vom Bad im Dorfweiher, der Ende der 60er Jahre der Straße weichen musste. Foto: tal

Ein Dilemma, unter dem viele Dorfwirtshäuser leiden – nicht gut für einen kleinen Ort, wie Windmais. „Wenn das Wirtshaus stirbt, dann stirbt auch das Dorf“, sagte der ehemalige Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, Ulrich Brandl. Tatsächlich, ein Dorfwirtshaus ist eine wichtige Institution: als Ort für Unterhaltung und Geselligkeit, des kulturellen und politischen Lebens, als Treffpunkt für Jung und Alt, als Austausch- und Informationsbörse sowie als Bühne für Feste und das örtliche Geschehen, ja durchaus auch als Einrichtung mit sozialer Kontrollfunktion.

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Wenn ein Dorf kein Wirtshaus mehr hat, verliert es sein Zentrum, seine Seele und sein Herz. Seit vielen Jahren rafft das „Wirtshaussterben“ in Bayern die Restaurants und Schankstuben besonders auf dem flachen Land dahin. Die Statistik lügt nicht – seit 2006 hat jedes fünfte Wirtshaus in Bayern seine Gaststube für immer geschlossen.

Das Foto zeigt Maria Kolbeck, besser bekannt als die „Wirts-Marie“. Sie führte von 1951 bis 1988 das Gasthaus Kolbeck. Zusammen mit ihrem Mann August Kolbeck, einem Metzger aus Hohenwarth bei Kötzting, betrieb sie lange Zeit das Gasthaus, dem zeitweise eine Metzgerei angegliedert war. Seither hieß es Gasthaus Kolbeck. Foto: tal

Die Windmaiser wissen wie das ist, denn von November 2011 bis März 2012 war das Gasthaus Kolbeck schon mal für ein paar Monate geschlossen, als der damalige Pächter Gerd Maurer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weitermachen konnte. Zum Glück übernahm dann Pia Lugowski für rund zweieinhalb Jahre das Wirtshaus. Ihr folgte dann im Herbst 2014 Gina Tamasecu, die versuchte, wieder mehr Schwung ins Wirtshausleben zu bringen, z.B. mit einem Grillabend. Jedoch vergebens: Die Gäste blieben aus. „Heuer ist auch noch das Aufstellen des Kirchweih-Baums durch die örtlichen Vereine zum ersten Mal weggefallen“, beklagt Rösch.

Am Wochenende war viel los

Als Franz und Hilde Schneider das Gasthaus von 1999 bis 2006 gepachtet hatten, liefen die Geschäfte noch besser. Bis auf Montag war jeden Tag offen, am Wochenende war die Gastwirtschaft stets gut gefüllt, ab und zu fanden auch Familienfeiern oder andere Festivitäten statt, wie z. B. der Musikantenstammtisch. „Es lief am Anfang ganz gut, trotzdem stand der Aufwand in keinem Verhältnis zum Erfolg“, so Franz Schneider auf Nachfrage. Auch die Vorgänger der „Schneiders“, Monika und Michael Fischer, die das Gasthaus von 1989 bis 1999 und zuvor schon fünf Jahre den Gasthof Pöll in Erzhäuser führten, hatten nach 15 Jahren Wirtshaus keine Lust mehr. „Das Verhalten der Leute im Dorf hat sich verändert, früher ist man viel öfters ins Wirtshaus gegangen“, so Michael Fischer.

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In den vergangenen Jahren wurde zur „Allerweltskirchweih“ im Oktober immer ein „Kirwa-Baum“ aufgestellt. Heuer entfiel diese Tradition zum ersten Mal. Foto: tal

„Die Generation, die noch ins Wirtshaus geht, wird immer älter und stirbt weg, die Jungen werden weniger und haben andere Interessen“, sagt Altbürgermeister Albert Bauer, der es wissen muss, da er selbst noch regelmäßig ins Wirtshaus geht. Es ist zu wünschen, dass der „Kolbeck“ bald wieder bessere Zeiten sieht, damit Windmais sein Zentrum, Seele sowie Herz nicht verliert und stirbt. Vielleicht kann die derzeit laufende Dorferneuerung ihren Beitrag dazu leisten – sicherlich wird es aber auch auf die Dorfbewohner ankommen, ob sie wieder öfters ins Wirtshaus gehen wollen.

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  • MS
    Max Schmid
    06.11.2017 17:48

    Wenn die Windmaier ihren Wirt verhungern lassen, dann versteht jeder, dass die Wirtsleute ihr Geld anderswo verdienen müssen. Alos Windmaiser, tettet euere Wirtschaft und geht wieder öfter hinein.

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