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Region Schwandorf
Montag, 20. November 2017 5

Gewalt

Schwandorfer erzählen über Schulzeit in Ettal

In dem Eliteinternat wurden Kinder gequält und missbraucht. Auch Schwandorfer waren dort und berichten.
Von Elisabeth Hirzinger

Vor dem Kloster posieren Lothar Walz (auf dem Bild ganz rechts, hinter dem Schüler mit der hellen Jacke) und seine Klassenkameraden.

Schwandorf. Peter R. (Name geändert) möchte anonym bleiben. Elf Jahre war er im Klosterinternat Ettal, von 1973 bis 1982. Er gehörte nicht zu denen, die sexuell missbraucht wurden. Von den Exzessen damaligen habe er „nichts gewusst“, sagt er. Die MZ hat neun ehemalige Schüler aus dem Landkreis ausfindig gemacht, die die Klosterschule in Ettal besuchten und mit zwei von ihnen gesprochen. Anlass für die Recherche war das Buch „Bruder, was hast Du getan?“, aus dem Autor Rainer Stadler am Dienstag liest.

Natürlich sei er entsetzt gewesen, erzählt Peter R., als er erfahren habe, dass „ausgerechnet Pater Magnus, der beliebteste Mann im Kloster“, Schüler missbrauchte. Perfide findet der ehemalige Schüler, dass der Geistliche sich seine Opfer gezielt aussuchte und sich so verstellen konnte, dass keiner einen Verdacht hegte.

Der ehemalige Klosterschüler aus Schwandorf will die Exzesse, die sich hinter den Klostermauern abspielten, nicht kleinreden. „Jeder Fall ist einer zu viel“, sagt Peter R. Nur die körperlichen Misshandlungen, wie sie im Buch geschildert werden, findet er zu hoch gehängt.

Dass Schüler damals geschlagen wurden, ist aus Sicht des einstigen Ettal-Schülers nicht so außergewöhnlich. „Das waren andere Zeiten“, konstatiert Peter R. Damals habe es noch die Prügelstrafe gegeben, auch an anderen, weltlichen Schulen.

Stundenlanges Stehen im Gang, Ohrfeigen, die das Trommelfell zum Platzen bringen, waren die Normalität? Peter R. zumindest ist davon überzeugt, dass kein Schüler darunter gelitten hat. Wer sich nicht an die Regeln hielt, kannte die Konsequenzen, argumentiert der Schwandorfer, der betont, dass es immer Kinder gibt, die „im Internat unglücklich sind, auch wenn sie nicht geschlagen werden“.

Lothar Walz war so ein Kind. Auch er wurde in dem Internat weder misshandelt noch missbraucht, und war trotzdem todunglücklich. Für ihn war die Eliteschule wie ein Gefängnis. „Loda“, so haben ihn seine Freunde gerufen, war ein Junge mit einem ausgeprägten Bewegungsdrang. „Heute würde man sagen, hyperaktiv“, erklärt er. Ein Kind, das in Schwandorf die totale Freiheit erlebt hatte und diese von heute auf morgen im Klosterinternat einbüßte. Seine Eltern hatten Lothar Walz ins Eliteinternat geschickt, damit „was wird aus eam“. „Dass sie mich dort zähmen“, werde wohl der Hintergedanke gewesen sein, vermutet der parteilose Stadtrat. Doch die Rechnung ging nicht auf.

Lothar Walz passte nicht in das System. Dreimal am Tag beten, stundenlang studieren und kaum Zeit zum Spielen, das war nicht „Lodas“ Welt. Immer wieder eckte Lothar Walz an. Die erste Rüge bekam er, weil er das Schulgelände zum Fußballspielen verlassen hatte.

Wer sich nicht disziplinieren ließ, wurde bestraft, Briefe an die Eltern wurden geöffnet, genauso wie die Packerl von der Oma, deren Inhalt die Patres ohne Wissen des Empfängers großzügig verteilten.

Dass Kinder leiden können, war den Patres fremd, sagt Lothar Walz. Er fand niemanden, der ihn verstanden hätte. Wenn er seinen Eltern sein Leid klagte, antwortete der Vater nur „des haltst scho as“.

Warum er von den sexuellen Übergriffen der Patres auf Mitschüler nichts mitbekam, dafür hat Lothar Walz nur eine Erklärung: „Wir waren nicht aufgeklärt. Dass jemand schwul sein kann, haben wir nicht gekannt.“

Lothar Walz war seines Wissens nach „der erste Schüler, der einen Sechser in Latein bekommen hat.“ Damit handelte er sich gleich einen Verweis ein. Den ersten von mehreren, die schließlich zum Rausschmiss führten. Der Schüler Lothar Walz sei für die Eliteschule ungeeignet, „weil er aus dem Rahmen fällt“, teilte man seinen Eltern Ende Juni 1955 mit. Lothar Walz war unendlich erleichtert.

Erst viel später, 2010, haben sich die Verantwortlichen des Klosters bei allen ehemaligen Schülern entschuldigt. Lothar Walz war das nicht wichtig. Hauptsache, er musste „nie wieder dorthin zurück“.

So unterschiedlich wie die beiden Schwandorfer ihre Zeit in Ettal erlebt haben, fällt auch ihr Resumée aus: Peter R. war gern in Ettal, und er kennt sogar „Schüler, die von Klassenkameraden gequält wurden und heute froh sind, dass sie in Ettal waren“. Für Lothar Walz dagegen war ein Jahr Ettal „wie lebenslänglich“.

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