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Freitag, 24. November 2017 11° 2

Geschichte

Schwieriges Puzzle für die Handwerker

Umzug vom Stiftland nach Neusath: Im Freilandmuseum bauen die Handwerker ein Gesindehaus aus dem Jahr 1783 wieder auf.
Von Cornelia Lorenz

Das alte Gesindehaus haben die Handwerker des Freilandmuseums aus vielen Einzelteilen wieder zusammengesetzt. Im Frühjahr 2019 sollen die Bauarbeiten abgeschlossen sein. Foto: Lorenz

Neusath.Im Oberpfälzer Freilandmuseum öffnet sich gerade ein neues Fenster in die Geschichte der Landwirtschaft in der Region: Ein historisches Bauernhaus aus dem Jahr 1783 ist dort in den vergangenen Monaten Zug um Zug in die Höhe gewachsen. Wie ein Puzzle haben die Handwerker des Museums die Einzelteile des Fachwerkgebäudes, das über zehn Jahre lang eingelagert war, wieder zusammengesetzt und jetzt den Dachstuhl vollendet. Zur Hebfeier am Montag mit zahlreichen Ehrengästen blickte Museumsleiterin Dr. Birgit Angerer auf die Bauphase und die Historie des Gebäudes zurück.

Ursprünglich stammt das Fachwerkgebäude mit dem Namen „Köstlerwenzel“ aus dem Weiler Rennermühle im Stiftland. Dort wurde es im Jahr 2003 auf Wunsch des Bezirks hin abgebaut. Jeder einzelne Balken und jeder Stein wurde nach Neusath transportiert und hier eingelagert, bis man sich rund zehn Jahre später allmählich an die Planungen für den Wiederaufbau des Gebäudes machen konnte.

Viel Arbeit für die Zimmerer

Dr. Birgit Angerer zeigt alte Bilder des Gesindehauses. Foto: Lorenz

Für das rund zehnköpfige Handwerkerteam des Museums gab es viel zu tun: Zimmerer Anton Götz kümmerte sich seit dem Frühjahr 2015 um die Instandsetzung der uralten Balken aus Tannen- und Fichtenholz. Rund 60 Prozent der alten Holzelemente konnte er beim Wiederaufbau weiterverwenden, die faulig gewordenen Teile mussten Götz und seine Kollegen durch neues Holz ersetzen und in mühevoller Kleinarbeit mit den Original-Teilen verleimen und verschrauben. „Das war ein wenig wie Puzzlebauen“, erinnert sich Götz. 40 Kubikmeter Holz haben er und seine Kollegen am Ende verbaut.

Eine besondere Herausforderung hielt das alte Gesindehaus auch für die Maurer des Museums bereit: Sie stellten sich der Aufgabe, die Wände aus Bruchsteinen wieder aufzubauen. „Das an sich ist schon eine große Kunst. Besonders bewundernswert ist die Rekonstruktion eines Gewölbes aus diesem sehr schwierigen Material“, lobte Dr. Angerer. Insgesamt haben die Maurer auf der Baustelle 90 Kubikmeter Feldsteine verbaut.

Sehen Sie sich in unserem 360 Grad-Bild im Inneren des Gesindehauses um:

Hebefeier im Oberpfälzer Freilandmuseum - Spherical Image - RICOH THETA

Allzu viel ist über die früheren Bewohner des Anwesens noch nicht bekannt. Hier müsse man noch ausgiebig nachforschen, sagte Angerer. Klar ist jedoch: Einst dürften in der ersten Etage des Gesindehauses rund zehn Personen gewohnt haben, die für die Bauersfamilie arbeiteten. Weil sich die Zahl der Bewohner häufig änderte, sind im Original-Gebäude immer wieder neue Wände eingezogen oder entfernt worden. Das Museumsteam hat sich dazu entschlossen, das Gebäude so wieder aufzustellen, wie es bei seiner Erbauung 1783 ausgesehen haben dürfte.

Zwar wirkt das nun alte Fachwerkgebäude recht stattlich, doch ein Wermutstropfen bleibt: Das Haupthaus des Anwesens, in dem früher die Bauersfamilie wohnte, fehlt. Wie Dr. Angerer erläuterte, ist es im Jahr 1986 abgebrannt. Warum das Feuer damals ausbrach, ist bis heute unklar. Anfang der 1980er Jahre hatte eine Berliner Aussteigerfamilie das Haus nahe dem Sibyllenbad gekauft.

Gesindehaus fügt sich ins Museum ein

  • „Selbstaufbau“ bewährt sich

    Im Freilandmuseum in Neusath wartet etwa ein Dutzend historischer Hofanlagen darauf, von den Besuchern besichtigt zu werden. Das alte Gesindehaus, das im Moment wieder aufgebaut wird, ist nicht das erste Projekt, das die Handwerker des Museums selbst stemmen. Vor gut zehn Jahren hat das Museum den Edelmannshof in Perschen mit Hilfe von Fremdfirmen sanieren lassen, aber den dazugehörigen Getreidestadl selbst in Angriff genommen. Dieser Weg hat sich bewährt.

  • Bilder vom Original-Gebäude

    Auf der Baustelle können Handwerker und Besucher Bilder des Original-Gebäudes betrachten, wie es bis 2003 im Stiftland stand. Der Garten und ein altes Holzgebäude in unmittelbarer Nachbarschaft zum Gesindehaus sind im Freilandmuseum bereits wieder aufgebaut. Warum das Hauptgebäude des Anwesens im Jahr 1986 abbrannte, ist nicht bekannt. Auch zur Frage, wem es zur Bauzeit Ende des 18. Jahrhunderts gehörte, gibt es noch wenige Erkenntnisse.

Im Freilandmuseum hofft man nun darauf, dass man eines Tages die Genehmigung bekommt, das Haupthaus zu rekonstruieren. Eine Option wäre es laut Angerer, dort ein museumspädagogisches Zentrum einzurichten, das auch für Menschen mit Behinderung geeignet wäre. „Aber das steht noch in den Sternen“, bedauerte die Leiterin.

Eröffnung im Frühjahr 2019

Wenn alles nach Plan läuft, soll das Gesindehaus im Frühjahr 2018 für die Museumsbesucher seine Pforten öffnen. Insgesamt 100 000 Euro sind für die Baumaßnahme angesetzt. Dieser günstige Preis lässt sich laut Dr. Angerer nur dadurch erzielen, dass der Handwerkertrupp des Museums die einzelnen Arbeitsschritte übernommen hat.

Das sei nur deshalb praktikabel, weil die Museumsmitarbeiter Spezialisten für das historische Handwerk seien, das heute sonst kaum noch jemand beherrsche. Kein Wunder: Heute ist es eher ungewöhnlich, Innenwände aus einem Lehm-Stroh-Gemisch zu bauen. „Seit über 30 Jahren pflegen die Handwerker unsere Häuser und wissen alles über die Probleme, die sich zwischen Holz, Lehm und Stein so abspielen“, sagte Angerer. Besonders schön sei es gewesen, dass viele Besucher den Prozess miterleben konnten.

In diesem 360 Grad-Foto sehen Sie das Gesindehaus von außen:

Hebefeier im Oberpfälzer Freilandmuseum - Spherical Image - RICOH THETA

Das Projekt ist für die Museumsleiterin auch ein Beispiel dafür, wie man für den Erhalt der Bausubstanz im ländlichen Raum werben kann. Das Museum habe sich mit seiner 2014 eröffneten Handwerkerhalle dazu verpflichtet, Wissen weiterzugeben, und biete immer wieder Kurse an.

Viel Zeit und Energie hat auch Architektin Claudia Schieder aus Regensburg in das alte Gesindehaus gesteckt. Seit 19 Jahren ist sie regelmäßig für das Freilandmuseum im Einsatz. Auch bei diesem Projekt hatte sie viel Freude, auch wenn es nicht immer ganz einfach gewesen sei, aus dem Ausgangsmaterial neue Pläne zu erstellen. „Aber man lernt einfach viel über die alte Handwerkskunst“, sagt sie.

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