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Region Schwandorf
Mittwoch, 13. Dezember 2017 11

Handwerk

Stabwechsel im Salon Mardanow

Nach 40 Jahren gibt Beate Mardanow ihr Frisörgeschäft in der Neunburger Altstadt auf. Lisa Dietrich tritt ihre Nachfolge an.
Von Ralf Gohlke

Ein Föhn aus den frühen 50ern täte immer noch seinen Dienst. Beate Mardanow setzte aber schon wegen des Gewichts auf seinen Nachfolger. Foto: ggo

Neunburg.Eine Geschäftsaufgabe vorzunehmen, ohne damit gleich einen Leerstand zu provozieren, ist sicher nicht die Regel. Sie erfordert Umsicht und vor allem die Bereitschaft, eventuelle Traditionen oder Eigentum in neue Hände abzugeben. Ein solcher Wechsel steht nun dem Friseursalon Mardanow ins Haus, nachdem Frisörmeisterin Beate Mardanow, in Absprache mit ihrer Familie, das Traditionsgeschäft zum 31. Dezember aufgeben möchte. In dem Fall war die Suche nach einer Nachfolgerin erfolgreich. Mit Lisa Dietrich wird eine junge Frisörmeisterin den Salon ab dem ersten Januar weiterführen.

Nach der Kirche zum Bader

Mitten in der Altstadt befindet sich der Salon Mardanow, der nun weitergeführt wird. Foto: ggo

Ohne die Floskel von „dem lachenden und dem weinenden Auge“ in den Mund zu nehmen, lässt Beate Mardanow ihre derzeitige Gefühlslage im Gespräch mit der Mittelbayerischen deutlich werden. „Es ist zumindest nicht leicht, aufzuhören“, sagt sie dann aber doch. Immerhin ist sie mit der Tradition des Frisörhandwerks in ihrem Elternhaus aufgewachsen. Unter ihrer Führung, über 40 Jahre hinweg, hat das Geschäft einen erfolgreichen Verlauf genommen. Dazu gehörten die ständige Bereitschaft zur Weiterbildung, aber auch zu einer ständigen Modernisierung der Räumlichkeiten und Anpassung an moderne Trends.

„Es ist zumindest nicht leicht, aufzuhören.“

Beate Mardanow

Bereits aus dem Jahr 1747 gäbe es Hinweise, dass ein Bader, Wundarzt und Chirurg in dem Anwesen, unmittelbar neben dem Schloss und der Stadtpfarrkirche, sein damals noch „blutiges Geschäft“ betrieben habe. „Sogar mein Urgroßvater trug noch die Berufsbezeichnung Bader und Frisör und führte noch die Leichenbeschau durch“, weiß sie aus Erzählungen. Zu seinen Kunden zählten hauptsächlich Männer, die zum Haareschneiden kamen. „Ich weiß noch, dass am Sonntag, nach der Kirche viele Männer zum Rasieren kamen. Jeder hatte seinen persönlichen Pinsel hier stehen, mit dem er eingeseift wurde“, erinnert sie sich.

Ganze Familie ist Teil des Festspiels

Mit der Erfindung der Rasierklinge und der ersten Elektrorasierer ging das Rasiergeschäft aber Zug um Zug zurück. Dafür entdeckten auch die Damen ab 1947, die früher ihre langen Haare eher selbst gelegt oder in Zöpfe geflochten hatten, vermehrt die Vorteile eines Frisörs. Heute kaum vorstellbar erscheint die Tatsache, dass beide Geschlechter im „Salon“ nicht nur räumlich, sondern auch in der Bedienung, streng getrennt waren.

Um das Jahr 1920 entstand dieses Foto, das die Familie Weiß zeigt. Repro: ggo

Sie selbst ging 1969 nach Abschluss der Realschule in die Lehre nach München, wo sie das Handwerk „von der Pike auf“ gelernt hat. Dazu gehörte unter anderem das Perückenknüpfen, was später sogar noch Teil der Meisterprüfung war. „Heute werden Perücken und Haarteile industriell gefertigt, weil niemand mehr die Stunden bezahlen könnte“, weiß sie. Ihr Können ist aber nicht verloren, weil der Festspielverein davon profitiert. Seit 1983, also von Beginn an, ist die ganze Familie ein fester Teil des Neunburger Festspiels: Beate mit Schwerpunkt in der Maske und in kleinen Rollen, Ehemann Helmut spielt von Beginn an den Hussiten Milo und führt mittlerweile den Festspielverein. Die Söhne Philipp und Gregor sind ebenfalls im Ensemble eingebunden.

Diskretion gehört zum Beruf

In den vergangenen 60 Jahren hat das Frisörhandwerk einen steten Wandel durchlebt. „Erst in den sechziger Jahren stieg die Nachfrage nach Shampoos und Pflegeprodukten. Vieles davon wurde beim Frisör eingekauft, weil es an Drogerien mangelte“, begründete sie, warum 1962 eine Parfümerie in das Geschäft aufgenommen wurde.

Bei den Damen ging der Trend weg von der Wasserwelle, hochgesteckten und toupiertem Haar hin zu mehr Natürlichkeit, eben zu Schnitt und Föhnfrisur und Mut zur Farbe. Der „Einheitsschnitt“ bei den Männern endete mit der Beatlemania. Selbst in Neunburg sei die „Vokuhila“ (vorne kurz, hinten lang) ein Renner gewesen. Mittlerweile seien die Männer so selbstbewusst geworden, lieber Glatze zu tragen als Haarverlust mit einem Toupé zu kaschieren.

Chronik

  • 1863:

    Der approbierte Bader Michael Weiß und seine „Eheverlobte“ Anna Merz erwerben von dem Chirurgen Clement Wagner das Anwesen Nr. 254 in Neunburg und die „Badergerechtsame“

  • 1884:

    Johann Baptist Weiß legt die Approbation für den Beruf des Baders ab.

  • 1888:

    Geschäfts Übernahme durch Johann Baptist und Eheschließung mit Maria Nißl.

  • 1911:

    Der „Bader und Frisör“ Johann Baptist Weiß erhält die Zulassung zur Ausbildung von Lehrlingen. Er führte zudem noch die Leichenbeschau durch.

  • 1927:

    Geschäftsübergabe an Tochter Amalie und Schwiegersohn Georg Wiesneth, der bereits 1919 die Meisterprüfung abgelegt hatte.

  • 1947:

    Eröffnung des Damensalons

  • 1951:

    Tochter Amalie und Schwiegersohn Josef Zimmermann übernehmen den Damen und Herrensalon. Josef Zimmermann hatte bereits 1946 die Meisterprüfung abgelegt.

  • 1962:

    Das alte Anwesen wird unter Auflagen abgerissen und ein Neubau erstellt. Darin wird erstmals auch eine Parfümerie mit eingerichtet.

  • 1978:

    In diesem Jahr übernimmt Tochter Beate Mardanow das Geschäft. Sie hatte bereits 1975 ihre Meisterprüfung im Frisörhandwerk abgelegt.

  • 2017:

    Beate Mardanow beschließt, das Geschäft aufzugeben. Zum Glück findet sich mit Lisa Dietrich eine Nachfolgerin.

Was Beate Mardanow in ihrem Metier ebenfalls gelernt hat, ist, dass dem Frisör häufig die Rolle des Zuhörers zukommt. „Daran merkt man, dass sich die Gesellschaft in ihrer Kommunikation verändert hat. Manche Menschen haben anscheinend sonst niemanden, bei dem sie ihre Probleme abladen können.“ Sie könnte Bücher darüber schreiben, aber es gehört zu ihrer persönlichen Einstellung, mit dem, was Kunden ihr anvertrauten, diskret umzugehen. Während ihrer Tätigkeit hat sie 24 Frauen und zwei Herren ausgebildet.

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