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Kultur

„Vertreibung“ hat ihren festen Platz

Das Volkskundemuseum in Burglengenfeld hat nun eine „Sudetendeutsche Heimatstube“. Nötig dafür war akribische Vorarbeit.
Von Norbert Wanner

Dr. Sigrid Ullwer-Paul zeigt auf einer Karte ihren Heimatort. Für Besucher mit sudetendeutschen Wurzeln liegen Pins bereit, um die jeweiligen Orte zu kennzeichnen, erklärt Museumsleiterin Dr. Margit Berwing-Wittl. Foto: Wanner

Burglengenfeld.Ik, ika oder ick am Ende. Wer in den Telefonbüchern des Städtedreiecks blättert, der wird Spuren finden. Es sind Spuren des Zweiten Weltkriegs und dessen Folgen, in diesem Fall die Vertreibung der Deutschen Bevölkerung aus den östlichen Siedlungsgebieten.

Was heute in den Geschichtsbüchern als ein Ergebnis des „Potsdamer Abkommens“ von 1945 steht, war für die betroffenen Menschen kein fernes politisches Ereignis – es war eine traumatische Erfahrung, die auch sieben Jahrzehnte später noch ins Gedächtnis eingebrannt ist. Umso wichtiger ist es für die Menschen, die fern des Weltenbrandes auf die Welt kamen, die Erinnerung an die katastrophalen Folgen des Krieges zu bewahren, damit diese im besten Fall daraus lernen können.

„So aktuell wie vor 70 Jahren“

Hervorragend besucht war die Eröffnungen der „Sudetendeutschen Heimatstube“ im Oberpfälzer Volkskundemuseum. Foto: Josef Paul

Ein solcher Ort der Erinnerung wurde am Sonntag im Oberpfälzer Volkskundemuseum eröffnet. Die „Sudetendeutsche Heimatstube“ zeigt auf kleinem Raum, was die Beschlüsse der Mächtigen für die Menschen bedeuteten. Zudem werfen die Karten, die Texte, die Gegenstände in der neuen Museumsabteilung einen beklemmenden Schatten aus der Vergangenheit in die Realität – oder wie es 3. Bürgermeister Josef Gruber bei der offiziellen Eröffnung der Heimatstube formulierte: Flucht und Vertreibung, das sei heute „genauso aktuell“ wie vor 70 Jahren.

Persönlich betroffen von diesem Thema ist Dr. Sigrid Ullwer-Paul, ehemalige Rektorin der Grundschule und Vorsitzende des SL-Kreisverbands Burglengenfeld/Städtedreieck. Die damals Zweijährige wurde im Juni 1945 aus Huttendorf im Riesengebirge zusammen mit ihrer Mutter vertrieben. Bereits vorher war in dem Ort mit damals 1500 Einwohnern Schreckliches passiert. Am 12. Mai brach sich der Hass seinen Bann. Zwölf Deutsche, darunter der Vater von Dr. Ullwer-Paul, wurden ermordet. „Die Falschen rächten sich an den Falschen“, zitiert die SL-Vorsitzende einen tschechischen Journalisten, wenn sie heute zurückblickt.

3. Bürgermeister Josef Gruber mit Dr. Zuzanna Finger und Klaus Mohr Foto: Oberpfälzer Volkskundemuseum!

„Man kann es nicht vergessen, aber man muss sich um Versöhnung bemühen auf der Grundlage von Wahrheit und Gerechtigkeit“, sagt sie im Gespräch mit unserem Medienhaus. Persönlich hofft sie immer noch auf die Abschaffung der Benes-Dekrete (die Grundlage und rechtliche Rechtfertigung der Vertreibung, Anm. d. Red.), schätzt aber sehr die Bemühungen vieler, gerade junger Tschechen, diese Vergangenheit aufzuarbeiten. Mehrfach hatte sie schon persönliche Kontakte, wie beispielsweise zu einem jungen tschechischen Studenten, der in seiner Dissertation die Vertreibung der Deutschen aus dem Riesengebirge wissenschaftlich aufarbeitete.

„Man kann es nicht vergessen, aber man muss sich um Versöhnung bemühen auf der Grundlage von Wahrheit und Gerechtigkeit.“

Dr. Sigrid Ullwer-Paul

Auch sie selbst hat den Anstoß gegeben, Geschichte aufzuarbeiten und zu bewahren. Vor einigen Jahren entstand in der SL im Städtedreieck die Idee, die Geschichte von damals in musealer Form zu bewahren. „Zu der Zeit wurde es ja klar, dass die Erlebnisgeneration älter wird und irgendwann keine Zeitzeugen mehr leben werden.“ In mehreren Gesprächen kristallisierte sich die Umsetzung heraus: ein eigener Raum als Abteilung des Volkskundemuseums.

Dazu wurden vonseiten der SL verschiedene Vorabreiten geleistet. Mitglieder brachten Erbstücke, Objekte aus der alten Heimat, Fotos und Bücher. Dr. Ullwer-Paul und ihr Gatte Josef Paul führten Interviews, nahmen Musik auf und sammelten Bild-, Ton- und Filmdokumente, erzählt Museumsleiterin Dr. Margit Berwing-Wittl.

Mehrere Hundert Exponate

Solche Kisten wurden eigens in aller Schnelle angefertigt um die erlaubten 20 Kilo Habseligkeiten pro Kopf mitnehmen zu können. Foto: Wanner

Zusammengestellt ist das alles im 1. Stock des Museums. Einige hundert Objekte zeigen dort symbolisch die Geschichte von Flucht und Vertreibung, kombiniert mit den persönlichen Schicksalen der Interviewten auf. Über einen Touchscreen kann jeder Besucher deren Erzählungen, aber auch Filme zu dem Thema und die Geschichte des SL-Kreisverbands, abrufen. Zu den beeindruckendsten Objekten für die Volkskundlerin zählt dabei der Leiterwagen, auf dem Dr. Ullwer-Paul von ihrer Mutter bei der Vertreibung transportiert wurde.

Vorbild für Münchner Museum?

  • Aufmerksamkeit von Experten:

    Aus München angereist waren Dr. Zuzanna Finger, Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, und Klaus Mohr M.A., Museumsleiter für das künftige Sudetendeutsche Museum, das voraussichtlich 2018 in der Landeshauptstadt eröffnet werden soll.

  • Interesse in Tschechien:

    Mohr erzählte, dass gerade junge Tschechen großes Interesse an dem Thema Vertreibung hätten, dass man deshalb Wanderausstellungen konzipiere und auch über Heimatstuben in Tschechien nachdenke.

  • Lob der sudetendeutschen

  • Heimatpflegerin:

    Mit der Präsentation der Exponate werde die Kulturgeschichte der Sudetendeutschen dauerhaft in die Zukunft getragen. Der neuen Heimatstube wünscht sie viele begeisterte und bildungsinteressierte Besucher.

  • Eigens komponiert:

    Andreas Mehringer hatte Besonderes für die musikalische Umrahmung der Eröffnungsfeier vorbereitet und extra ein altes historisches Lied vertont. Das „Böhmische Trio“ sang die Komposition unter dem Titel „Willkommen daheim“. (bxh)

Auch anschließend war der Wagen noch jahrelang in Benutzung, denn gerade für die Anfangszeit galt: Viele Vertriebene hatten nur das, was sie am Leib trugen. „Welche für die jüngere Generation nicht mehr nachvollziehbaren menschlichen Dramen sich dabei abspielten, zeigt das Beispiel eines zehn Kilo schweren Marmorwaschbretts, das allein schon die Hälfte des zugelassenen Gepäcks ausmachte, das die Vertriebenen mitnehmen durften. Die Besitzerin aber wollte es unbedingt mitnehmen, weil es ihr im Krieg gebliebener Bruder für sie gefertigt hatte“, so die Museumsleiterin zu einem weiteren Exponat.

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