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Region Schwandorf
Dienstag, 21. November 2017 5

Energie

Von der Plutonium- zur Solarfabrik

In Fronberg entsteht eines der größten Solarkraftwerke Bayerns. Der Betreiber protestierte einst am Bauzaun gegen die WAA.
Von Reinhold Willfurth

  • Für „Energiebauer“ Sepp Bichler ist der Bau seiner Solaranlage nicht nur Geschäft, sondern auch emotional aufgeladen. Foto: Willfurth
  • Die Solarmodule aus Thüringen werden abgeladen. Foto: Willfurth
  • Handwerker schließen die riesigen Wechselrichter an. Foto: Willfurth

Schwandorf.Sepp Bichler steht auf einem Feld bei Fronberg und erinnert sich an die Ereignisse vor 30 Jahren, nur wenige Kilometer Luftlinie von hier entfernt. „‚Wir wollen eine Solarfabrik‘, haben wir geschrien. Aber wie man das macht, haben wir nicht gewusst.“ Heute weiß er es: Als Gründer und Seniorchef der „Energiebauern“ ist Bichler Herr Dutzender Freiflächen-Solaranlagen im ganzen Land. Dass er mit seinem neuesten Projekt dorthin zurückkehrt, wo der ideelle Grundstein für seine Firma gelegt wurde, „das hat eine hohe emotionale Bedeutung für mich“, sagt Bichler im Baucontainer auf dem Gelände der künftigen Fronberger „Solarfabrik“.

Auf einer Fläche von 17 Hektar entsteht dort derzeit eines der größten Freiflächen-Solarkraftwerke im Freistaat, nachdem die Bundesregierung Anfang des Jahres Ackerflächen „in benachteiligten Gebieten“ für geförderte Photovoltaik-(PV-)Anlagen freigegeben hat.

Anfang November fließt der Strom

Arbeiter montieren die Module auf die „Tische“ genannten Untergestelle. Foto: Willfurth

Seit Dienstag montieren italienische Arbeiter exakt 36 504 Module im Standardmaß 1 x 1,65 Meter auf die in den letzten Wochen vorinstallierten, nach Südosten ausgerichteten Alu-„Tische“. Bereits Anfang November soll der erste Strom in den Sammler am Fronberger Ortsrand eingespeist werden.

„Wenn es den Bürgerprotest gegen Wackersdorf nicht gegeben hätte, würden wir nicht hier stehen“, sagt Sepp Bichler. Zusammen mit Hans Well, bekannt als Mitglied der legendären „Biermösl Blosn“, sei er damals immer nach Wackersdorf gefahren, habe sich von Polizisten mit CS-Gas besprühen lassen und Bekanntschaft mit der polizeilichen „Schlägertruppe“ aus Berlin gemacht.

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Schon immer aber habe er nicht nur „dagegen“ sein, sondern auch wissen wollen, welche Alternativen es gibt zur nicht beherrschbaren Atomenergie. 1991 hat er dann auf dem Dach seines Bauernhofs seine erste PV-Anlage mit 2,4 Kilowatt Leistung installiert. Daraus hat sich ein Familienbetrieb entwickelt, dessen Kraftwerke nach eigenen Angaben mittlerweile 42 000 Haushalte mit grünem Strom versorgen.

Hier soll die Fronberger „Solarfabrik“ stehen:

„Solarstrom ist neben Wind die günstigste Energieform“, sagt Bichler. Die Preise für die Module seien so weit gefallen, dass kein konventionelles Kraftwerk mithalten könne. Die „Energiebauern“ haben die Ausschreibung der Bundesnetzagentur mit einem Angebot von 5,5 Cent pro Kilowattstunde gewonnen – und machen trotzdem noch Gewinn. Und das, obwohl man beim Kauf der Module ein deutsches Premiumprodukt mit Doppelverglasung gewählt habe. Geschätzte Lebensdauer: mindestens 30 Jahre.

Die Banken stünden mittlerweile Schlange, um solche Projekte finanzieren zu dürfen, sagt Bichler. Im Fall Fronberg stellt die Nürnberger Umweltbank die rund acht Millionen Euro für das Solarkraftwerk zur Verfügung. Auf 20 Jahre ist die Finanzierung ausgelegt. Und noch eine gute Nachricht für Stadtkämmerer Jens Wein: Nach meist vier, fünf Jahren Betrieb fließen 15 Prozent des Gewinns als Gewerbesteuer an die Stadt Schwandorf.

7000 Pfosten, 80 Kilometer Kabel

109 Unterverteiler sammeln laut Bauleiter Manuel Zimmer den Solarstrom. Foto: Willfurth

Bauleiter Manuel Zimmer erläutert die Technik der Anlage. 7000 Pfosten aus verzinktem Stahl, 1,20 Meter tief in der Erde verankert, tragen die 23 Meter langen „Tische“, auf denen jeweils 69 Module montiert sind. Insgesamt 80 Kilometer Kabel wurden verlegt, um alle Module miteinander zu verbinden und den Strom über 109 Unterverteiler (GAGs) auf die 13 garagengroßen Wechselrichter zu leiten, in denen ein Transformator den Solarstrom gebrauchsfertig macht. Jeder GAG ist via Glaskabel mit der Leitstelle in Sielenbach verbunden. Wird eine Störung vermeldet, greift der örtliche „Solar-Rentner“ ein: Ein pensionierter Elektriker aus Schwandorf rückt im Auftrag der „Energiebauern“ an, um den Schaden rasch zu beheben.

Für die Pflege des frisch angesäten Rasens unter den Modulen sind die „Energiebauern“ noch auf der Suche nach Mitarbeiterinnen – rund 150 Mutterschafe laben sich an der Solarweide und halten den Bewuchs kurz. Ein Schäfer aus der Region wird noch gesucht. Im Frühjahr laden die „Energiebauern“ zum Eröffnungsfest und Tag der offenen Tür in Fronberg ein. Für die Musik sorgen soll übrigens Hans Well, der alte Freund und Gefährte aus WAA-Protestzeiten, mit seiner Familienkapelle.

Das Fronberger Solarkraftwerk

  • Kapazität

    Mit rund zehn Megawatt Leistung kann man knapp 3000 Durchschnitts-Haushalte mit grünem Strom versorgen.

  • Umwelt

    Die Module bestehen aus Silizium (Sand) und einem Rahmen aus Glas und Aluminium. Sie können nach Ende ihrer Laufzeit (bis 40 Jahre) entsorgt werden. Der Untergrund gilt als extensives Weideland.

  • Verträglichkeit

    Die ersten Module sind über 300 Meter von der Bebauung entfernt. Damit sind Bedenken der Anwohner ausgeräumt.

  • Ausblick

    Eine E-Tankstelle und ein Speicher sind denkbar.

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