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Region Schwandorf
Montag, 18. Dezember 2017 1

Ausbildung

Wie die Integration gelingen kann

Junge Migranten brauchen Mentoren im Betrieb, nicht nur in Schwandorf. Wer den Aufwand nicht scheut, wird mit Erfolg belohnt.
Von Reinhold Willfurth

Karl-Heinz Wiedenmann, Betriebsleiter bei der Haga Metallbau in Wackersdorf (l.), und sein Mitarbeiter und Schützling Najif Jassin Mirhaj Foto: Willfurth

Schwandorf.Geschickt hantiert Sabri mit der Rohrzange im Erdgeschoss eines Neubaus in Wittschau, einem kleinen Dorf bei Leuchtenberg im Landkreis Neustadt/Waldnaab. Draußen ist es kalt, drinnen noch nicht warm. Aber die Wärmepumpe, die der junge Mann aus Homs in Syrien und sein Oberpfälzer Kollege installieren, soll schon bald für angenehme Temperaturen sorgen. Die Arbeit geht Sabri, 26, leicht von der Hand. Schon in seiner Heimatstadt hat er als Heizungs- und Sanitärinstallateur gearbeitet.

Dann flüchteten er und seine beiden Brüder Ahmad, 22, und Mahmoud, 19, vor Bürgerkrieg und IS-Terror nach Deutschland. Jetzt teilen sie sich in Pfreimd eine kleine Wohnung. Alle drei absolvieren eine Lehre als Anlagenmechaniker bei der Pfreimder Heizungsbaufirma Igl – ein Glücksfall, so empfinden es die drei Syrer, und so empfinden es auch Geosine und Gerhard Igl.

Der Firmenchef und seine Frau sagten spontan „Ja“, als Sabri im Juli vergangenen Jahres zusammen mit einem ehrenamtlichen Betreuer wegen eines Praktikums vorsprach. Im September 2016 hatte Sabri einen Lehrvertrag in der Tasche. Jetzt büffelt er für seine Zwischenprüfung an der Berufsschule. „Das ist nicht leicht, wegen der vielen Fachausdrücke“, sagt Sabri.

Fachausdrücke auf Oberpfälzisch

Auf der Baustelle hingegen klappe alles bestens, auch das Miteinander mit den Kollegen. Sprachprobleme gebe es höchstens, wenn die Kollegen in breitem Oberpfälzisch kommunizieren, sagt Gerhard Igl und lacht. Auch wenn er seine Familie, seine Freunde, seine Heimat vermisst – Sabri fühlt sich wohl in seiner zweiten Heimat – und der Chef ist begeistert von seinem Azubi: „Er ist freundlich, höflich und pünktlich – wie meine deutschen Lehrlinge auch“.

Sabri aus Homs macht die Ausbildung als Anlagenmechaniker großen Spaß. Foto: Willfurth

Die gelungene Integration von jungen Migranten in den deutschen Arbeitsmarkt ist kein Selbstläufer. Nur mit einer Betreuung im Betrieb selbst ist das möglich, das haben auch die Teilnehmer eines Workshops gelernt, zu dem kürzlich die Handwerkskammer in Charlottenhof einlud. Bei der Firma Igl nahm Junior Andreas Igl die Rolle des unentbehrlichen Mentors ein – nachdem der Firmenchef bei einigen skeptischen Altgesellen ein Machtwort zugunsten des neuen Azubis gesprochen hatte. Dann allerdings sei zumindest bei den meisten der 45 Mitarbeiter das Eis gebrochen gewesen. Die drei jungen Syrer seien zu gern gesehenen Kollegen geworden.

Lesen Sie auch: Vier Flüchtlinge, ein Schicksal: Die Mittelbayerische begleitete vier Menschen auf ihrem Weg in den bayerischen Arbeitsmarkt.

Lehrherr Gerhard Igl Foto: Willfurth

Kulturelle Unterschiede gebe es natürlich, sagt Igl. „Aber so weit ist die Kultur der Syrer auch nicht von der unseren entfernt“. Anpassung sei auch von seinen syrischen Mitarbeitern gefordert. Ihre Gebete verrichteten die gläubigen Moslems diskret und nicht vor versammelter Mannschaft während der Brotzeit, und in der Fastenzeit Ramadan habe Sabri seinen Jahresurlaub genommen.

So wie Gerhard Igl ist auch Karl-Heinz Wiedenmann so etwas wie eine Vaterfigur geworden für seine Schützlinge. Der Chef von 65 Mitarbeitern bei der Haga Metallbau in Wackersdorf hat stets ein Ohr für seine neuen Mitarbeiter aus Syrien, dem Irak und dem Iran.

Ein Vertrauensbeweis für Ali

Ali aus Mahsad im Osten des Irans braucht derzeit seine besondere Fürsorge: Dem 18-jährigen Metallbau-Lehrling geht es nicht gut, sein Vater ist kürzlich verstorben. Wiedenmann und seine Mitarbeiter wollen nicht mehr auf den „aufgeschlossenen, intelligenten“ jungen Mann verzichten, der über ein Praktikum in die Firma kam, vermittelt vom Kolping Bildungswerk. Schon nach wenigen Tagen sei klar gewesen, dass er den freundlichen und lerneifrigen 18-Jährigen behalten wollte. „Jeder will ihn auf der Baustelle dabeihaben“, sagt Wiedenmann. Der Chef setzte persönlich bei den Behörden durch, dass Ali eine Berufsausbildungsbeihilfe erhält, damit er mit seinem schmalen Lehrlingsgehalt die Miete für seine kleine Wohnung in Wackersdorf zahlen kann.

Argumente für die Ausbildung

  • Arbeitgeber:

    Warum es sich für Arbeitgeber lohnt, junge Flüchtlinge auszubilden – dafür nennt die Bundesregierung fünf Gründe: Junge Geflüchtete sind die Fachkräfte von morgen; sie bringen neue Blickwinkel und sorgen für Diversität im Unternehmen; sie sind häufig gut motiviert und zielstrebig und: Ausbilden ist ein wertvoller Beitrag zur Integration – und ein Imagegewinn.

  • Azubis:

    Auch für Flüchtlinge biete eine Lehre nur Vorteile: Ausbildung macht junge Geflüchtete zu begehrten Fachkräften. Sie zahlt sich aus: steigende Lehrlingsgehälter und höheres Lohnniveau nach Abschluss. Sie hat Zukunft und bietet langfristige Jobgarantien. Sie schafft Ziele und Perspektiven. Und sie bietet Karrierechancen.

Und, großer Vertrauensbeweis: Mit einem Vorschuss der Firma ausgestattet, konnte Ali kürzlich zur Totenwache für seinen Vater in den Iran reisen. Wiedenmann hat seinem Schützling noch das Versprechen abgenommen, seine Ausbildung zu beenden und nicht der Versuchung zu erlegen, als Hilfskraft zu arbeiten, um seine Familie zuhause von Anfang an unterstützen zu können – ein bekanntes Phänomen bei jungen Migranten.

„Jeder will ihn auf der Baustelle dabeihaben.“

Karl-Heinz Wiedenmann über Ali

In der Produktionshalle trägt Najif Jassin Mirhaj stolz seine nagelneue Firmenkleidung mit Sicherheitsschuhen und Namensschild. Mirhaj, ein Kurde aus Mossul, ist froh über die Festanstellung, das gute Betriebsklima – und die Sicherheit in seinem Gastland. Seit vier Monaten arbeitet er im Wackersdorfer Industriegebiet. Anfangs ist er den weiten Weg von seiner Wohnung zur Arbeitsstelle noch täglich zu Fuß gegangen. Jetzt nehmen ihn Kollegen aus Wackersdorf mit.

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