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Region Schwandorf
Montag, 30. Mai 2016 18° 4

Engagement

Zupacken, wo andere wegschauen

Auf Kos will die Arbeit für Flüchtlingshelfer nicht enden. „flying help“ aus Fischbach steht ein schwieriges Frühjahr bevor.
Von Cornelia Lorenz

Eine Mitarbeiterin des Vereins „flying help“ nimmt auf Kos Flüchtlinge in Empfang. Sie werden mit Decken und trockener, warmer Kleidung versorgt. Foto: flying help

Fischbach.Einladend wirkt die griechische Insel Kos dieser Tage nicht gerade. Dort, wo in den Sommermonaten Touristen aus aller Welt die berühmten Sandstrände bevölkern, weht ein unangenehmer Wind, und tagsüber klettern die Temperaturen gerade einmal knapp über die Zehn-Grad-Marke. Und dennoch: Jede Woche gehen auf Kos derzeit rund 400 Menschen an Land – Menschen, die aus Syrien, Afghanistan oder Pakistan geflohen sind, um sich in Sicherheit zu bringen.

Hilfe bei ihren ersten Schritten auf Kos bekommen sie von „flying help“. Aktuell ist der Fischbacher Verein mit drei Mann vor Ort, und Gründer Michael Goldhahn wird sich in Kürze erneut selbst dorthin begeben, denn es gibt unverändert jede Menge zu tun. Spätestens im April, so vermutet er, wird die Zahl der Flüchtlinge, die mit Schlauchbooten übersetzen, wieder drastisch steigen.

Vom Urlauber zum Helfer

Wer weiß, vielleicht wird in diesem Sommer die Situation auf Kos noch dramatischer, als Goldhahn und seine Frau sie bei ihrem Urlaub im Juli 2015 erlebten? Damals brach der 59-jährige Fluglehrer die Ferien ab und beschloss kurzerhand, in der verbleibenden freien Zeit Flüchtlingen beizustehen. Zu schlimm waren die Verhältnisse dort, als dass Goldhahn noch weiter unbeschwert seine Reise hätte genießen können.

Michael Goldhahn, Mitbegründer von „flying help“ will auch im Februar wieder nach Kos fliegen, um gestrandeten Flüchtlingen zu helfen. Foto: Archiv

Vom Elend anderer wegschauen – das liegt dem Fischbacher nicht. Wenn Flüchtlinge nachts durchnässt, völlig erschöpft und zitternd aus ihren Schlauchbooten klettern und orientierungslos am Strand stehen, sind es auf Kos nicht staatlich beauftragte Helfer, sondern Ehrenamtliche, die Präsenz zeigen. Zusammen mit Mitgliedern der griechischen Helfergruppe von „Kos Solidarity“ fahren Ehrenamtliche von „flying help“ an der Küste, die der Türkei zugewandt ist, Streife. Entdecken sie bei ihrer Patrouille Menschen, die gerade am Strand angekommen sind, begrüßen sie sie herzlich mit einem „Welcome to Greece“, erklären ihnen, dass sie in Sicherheit sind und geben ihnen warme Decken. Als erste Stärkung verteilen sie Energieriegel und Wasser. Beheizte Busse bringen die Flüchtlinge zum Hafen, wo sie trockene, warme Kleidung bekommen.

Beschwerliche Registrierung

Der nächste Schritt, die Registrierung, ist für die Flüchtlinge beschwerlich: Weil vor einigen Tagen der dazu bereitgestellte Container bei einem Sturm zerstört wurde, müssen sich die Neuankömmlinge von der Hafenmole erst einmal auf den Weg zur Polizeistation von Kos machen – und dort in der Regel Schlange stehen, bis sie sich registrieren lassen können. Ein bis zwei Tage später dürfen sie ein Fährticket in Richtung Festland lösen. Die meisten machen sich dann in der Regel auf den harten Weg über die Balkanroute.

„Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt, die uns hier bei unserer Arbeit unterstützen.“

Flüchtlingshelfer Michael Goldhahn

Zwar können die Ehrenamtlichen die Not der Menschen auf Kos nur lindern, doch Goldhahn und seinen Mitstreitern ist bewusst, dass sie gegen die globalen Ursachen der Flüchtlingsströme und die Art, wie Politiker aus aller Welt damit umgehen, nicht beeinflussen können. Zum Beispiel die Tatsache, dass die Flüchtlinge in den Lagern in der Türkei zum Teil unter entsetzlichen Verhältnissen leben müssen – kein Wunder, dass sie sich lieber in ein kleines Boot in Richtung Kos setzen, in der Hoffnung, in Europa besser behandelt zu werden. „Ich wünsche mir, dass das alles aufhört“, sagt Goldhahn.

Hilfe kommt direkt an

Bis es irgendwann einmal so weit ist, ist es ihm Motivation genug zu sehen, dass die Hilfe seines Vereins sofort bei den meist völlig verzweifelten Menschen ankommt. Goldhahn hat in seiner Zeit auf Kos so viele Menschen aus ihren Schlauchbooten klettern sehen, die den Helfern weinend um den Hals fielen, vor Angst zitterten und sich sogar dafür entschuldigten, Umstände zu bereiten – obwohl sie gerade aus einem Land geflohen sind, in dem Bomben auf Wohnhäuser fallen. „Man kriegt einen ganz anderen Blick. Wir selbst leben im Paradies“, sagt Goldhahn.

Und noch etwas ist es, was dem Fischbacher Kraft gibt. „Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt, die uns hier bei unserer Arbeit unterstützen“, schwärmt er. Kaum zu glauben: Unters Helferteam von „flying help“ mischen sich mittlerweile auch Flüchtlinge, die vor einigen Monaten selbst orientierungslos auf Kos gestrandet sind. Sie kehren für ein paar Wochen aus Deutschland zurück auf die kleine Insel, um denen beizustehen, die sie bei ihrer Ankunft auf Kos so warmherzig empfangen haben.

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Spenden willkommen!

  • Verein „flying help“:

    Vor sechs Jahren gründete Michael Goldhahn aus Fischbach den Verein „flying help e.V.“ Damals war es ein sehr kleiner Verein, bestehend aus Familie und Freunden, die Menschen in Not helfen wollten, zum Beispiel privat Flüchtlinge aufzunehmen oder dafür zu sorgen, dass eine alte Frau aufgrund von fehlendem Strom im Winter nicht frieren muss. Nach seinem Besuch auf Kos aber hatte Goldhahn sich dazu entschlossen, noch mehr zu leisten. In Deutschland ist „flying help“ ehrenamtlich bei der Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder oder mit Sprachunterricht aktiv.

  • Spenden:

    Der Verein freut sich über finanzielle Unterstützung (Spendenkonto: IBAN: DE57 75061168 000 1093371, BIC: GENODEF1SWN.) Auf der Homepage des Vereins (www.flying-help.de) gibt es weitere Informationen und Möglichkeiten, dem Verein neben Geld- auch Sachspenden zukommen zu lassen. Derzeit benötigt der Verein dringend ein gut erhaltenes Transportfahrzeug, das im Landkreis Schwandorf zum Einsatz kommen kann. In Kooperation mit anderen Hilfsorganisationen soll es genutzt werden, um zum Beispiel Kleiderspenden zu transportieren.

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