„Abgerechnet wird viel später“, sagt Helmut Schuster.
Von Elisabeth Hirzinger
Schwandorf. Bayernweit brechen die Schülerzahlen, nicht nur an den Gymnasien, ein. Die MZ hat dies im Juni zum Anlass genommen, nach den Ursachen für den Schülerrückgang zu forschen, von dem auch der Landkreis Schwandorf nicht verschont blieb. Dabei sind noch Fragen offen geblieben, die wir jetzt dem Leiter der Haupt- und Mittelschule Schwarzenfeld gestellt haben. Helmut Schuster ist Vorsitzender des Bayerischen Schulleitungsverbandes im Bezirk Oberpfalz und betrachtet die aktuelle Entwicklung „mit Sorge bezüglich des Übertrittsverhaltens, aber auch mit Zuversicht, was die Zukunftschancen der Mittelschüler als der ’dritten Säule’ des bayerischen Schulsystems anbetrifft“.
Herr Schuster, als Sie vor zehn Jahren die Leitung der Volks- und mittlerweile Mittelschule in Schwarzenfeld übernommen haben, war die Welt noch in Ordnung. Damals gab es an Ihrer Schule vier fünfte Klassen mit über 120 Schülern. Im nächsten Schuljahr werden nur noch 15 Schüler in Ihrer einzigen fünften Klasse sitzen. Diese Zahlen lassen sich mit dem demografischen Wandel allein wohl nicht erklären?
Sicher nicht. Die Geburtenzahlen für diesen Jahrgang sind in den letzten zehn Jahren um etwa 40 Prozent zurückgegangen. Natürlich fehlen hier bei uns die Schüler, die seit der Einführung der „R 6“ nun schon nach der 4. Klasse an die Realschule gehen. Aber darüber hinaus sind die Übertrittszahlen seit Jahren stetig und stark angestiegen. Noch vor sechs Jahren wechselten fast 50 Prozent der Schüler an die Hauptschule, zuletzt waren es bei uns nur noch 22,7 Prozent.
Hat die Hauptschule bei uns noch eine Zukunft?
Die ganz auf die Berufsorientierung ausgerichtete Mittelschule hat in jedem Falle eine gute Zukunft, denn sie hält für eine bestimmte Schülerschaft ein optimales Lernangebot bereit. Sie bereitet die Schüler für die meisten Berufe der dualen Berufsausbildung ganz gezielt vor und kann mit dem Klassenleiterprinzip, kleinen Klassen, mehr Praxisfächern, betreuten Betriebspraktika, Praxisprojekten und Teamprojekten und dafür weniger Theorie vielen Schüler besser gerecht werden. Auch Fördermaßnahmen und Jugendsozialarbeit gibt es an den meisten Mittelschulen, ebenso Ganztagsbetreuung in allen Verbünden. Leider streben heute aber viele Schüler und Eltern, die bei uns mehr Lernerfolg haben könnten als anderswo, mit aller Macht einen anderen Übertritt an und landen dann oft in einer Schulart, in der sie es sehr schwer haben, gut mitzukommen. Von diesen Schulen hören wir Klagen, dass es immer schwieriger wird, das gewünschte Lernniveau zu halten.
Angesichts der dramatischen Entwicklung an den Hauptschulen wirkt das Wehklagen der Schulleiter der Gymnasien wie ein Jammern auf hohem Niveau. Trotzdem kann der Schülerrückgang an den Gymnasien nicht losgelöst von den anderen Schularten gesehen werden. Welche Theorie haben Sie?
Wir leben seit zehn Jahren mit dem Schülerrückgang und haben niemals so ein öffentliches Theater darum gemacht. Wenn jetzt erstmals an einzelnen Gymnasien die Zahlen der Neueintritte sinken, ist das doch völlig normal, wenn man weiß, dass die Schülerzahlen um 40 Prozent gesunken sind. Wenn man weiß, dass landesweit ja nur 60 bis 70 Prozent das Gymnasium mit dem Abitur abschließen und seitdem ja noch viel mehr Schüler an das Gymnasium übergetreten sind als früher, muss man befürchten, dass demnächst noch mehr Jugendliche ihre Hochschulzugangsberechtigung nicht am Gymnasium erwerben. Es sind ja jetzt schon 47 Prozent, die diese nicht durch das gymnasiale Abitur bekommen. Sehr bedenklich sind auch die hohen Studienabbrecherquoten. Bei den Ingenieuren sind es 48 Prozent, die nicht ans Ziel kommen und das, obwohl wir sie in der Wirtschaft dringendst brauchen würden. Man muss auch dort die Frage nach der Qualität des Lernens und der dort erworbenen Kompetenzen stellen.
Hartnäckig hält sich dennoch das Gerücht, dass sich einige Mittelschulen über das vertretbare Maß hinaus bemühen, Schüler zu halten. In der Redaktion haben sich Mütter gemeldet, die davon berichteten, dass Schulaufgaben nachkorrigiert werden, um den Notendurchschnitt für den Übertritt zu drücken. Was sagen Sie als Vorsitzender des Bayerischen Schulleitungsverbandes im Bezirk Oberpfalz zu solchen Vorwürfen?
Dass enttäuschte Eltern die Schuld bei der Schule suchen, ist nichts Neues. Ich kann mir nicht vorstellen, dass extra nachkorrigiert wird, um die Noten schlechter zu machen. Grundsätzlich sind sorgfältige Korrekturen und leistungsgerechte Bewertungen ja die Voraussetzung dafür, dass wir ein gegliedertes Schulsystem behalten, das sehr unterschiedliche Anforderungen an die Schüler stellen soll.
Wie erklären Sie die großen Unterschiede bei den Übertrittsquoten an Gymnasien im Landkreis? Die Spannbreite reicht hier von 18,8 bis zu 46,7 Prozent?
Ich finde 20 Prozent ans Gymnasium durchaus normal, das hatten wir über Jahrzehnte hinweg. Das Gymnasium ist eine ausgezeichnete Schule, aber eben nur für besonders begabte und lernwillige Schüler. Ich kann nicht beobachten, dass die Kinder heute umso viel intelligenter sind als früher. Es gibt Klassen, in denen sitzen eben mehr klügere und fleißig lernende Kinder als in anderen Klassen.
Wenn man sich die Übertrittszahlen im Landkreis anschaut, deutet nichts darauf hin, dass Eltern mit allen Mitteln versuchten, ihre Kinder aufs Gymnasium zu bringen. Ganz im Gegenteil: Von 44,28 Prozent der Viertklässler, die für ein Gymnasium geeignet wären, wechseln nur 28 Prozent dorthin. Welche Rückmeldungen haben Sie von den Eltern? Warum schicken sie ihre Kinder nicht an die Schule, für die ihre Kinder geeignet wären?
Wir wissen das selbst nicht genau, kennen aber unterschiedliche Auffassungen von Eltern. Es gibt welche, die waren selbst an der Realschule und haben dort gute Erfahrungen gemacht und darauf einen gute berufliche Karriere gebaut. Auch der zweite Bildungsweg mit der Fachoberschule und der Fachhochschule hat sich sehr bewährt. Heute verdienen Fachhochschul-Bachelor-Absolventen in den technischen Fächern schon deutlich mehr als Universitätsabsolventen in den gleichen Fächern. Sicher schrecken jene Schüler, die in Deutsch in der 4. Klasse ein „befriedigend“ haben, die Aussicht auf zwei oder drei Fremdsprachen am Gymnasium, wobei Latein und Französisch von vielen als sehr schwer eingestuft werden. Und schließlich steht ja auf dem Zeugnis nicht nur „geeignet für das Gymnasium“, sondern gleichzeitig auch „geeignet für die Realschule“ und „geeignet für die Mittelschule“ und die Schüler bzw. ihre Eltern dürfen sich hier frei entscheiden.
Welchen Einfluss haben die Grundschullehrer auf die Entscheidung der Eltern? Oder sind viele Eltern einfach beratungsresistent?
Die meisten Eltern folgen den Empfehlungen der Grundschullehrer, ein Teil der Eltern allerdings nimmt die Beratung wohl nicht so ernst, wie es für die Kinder gut wäre. Die Übertrittsbedingungen wurden ja gelockert, durch die angesagten Proben kommt es zu „Lernerfolgen“ oder besser gesagt, guten Noten, die durch intensives zusätzliches Pauken erreicht werden. Leider ist es die Erfahrung der Realschulen, dass die allermeisten Eltern bei einem Ergebnis „nicht bestanden“ durch zweimal Note „vier“ beim Probeunterricht ihre Entscheidungsmöglichkeit so wahrnehmen, dass sie das Kind trotzdem an die Realschule schicken.
Der Übertritt nach der 4. Klasse ist durchaus umstritten. Vielleicht sollte man den Kindern und Eltern einfach mehr Zeit lassen?
Natürlich wünschen die meisten Pädagogen, nicht nur der Grundschule, dass die Kinder wie in den meisten anderen europäischen Länder viel länger zusammen in einer Schule bleiben könnten. Das heißt ja nicht, dass jedes Kind jeden Tag das Gleiche lernt wie alle anderen. Ein guter und zeitgemäßer Unterricht sieht anders aus und ist individueller ausgerichtet.
Angeblich erreichen heute viele Kinder den ersehnten Übertritt nur durch Pauken und Nachhilfe. Ist das eine Tendenz, die Sie auch im Landkreis Schwandorf beobachten?
Das können wir ausdrücklich bestätigen. Viele Eltern erzählen uns das ganz freimütig, wie sie mit dem Kind lernen und wie sie wahre „Dossiers“ an Probensammlungen horten und austauschen. Paukbücher für den Übertritt sind ein echter Renner im Buchhandel. Viele Kinder erreichen nur über die Note „zwei“ in Heimat- und Sachkunde, also in einem Lernfach, den Übertritt. Mit wackeligen „Dreiern“ in Deutsch und Mathematik werden diese an den Wunschschulen nur wenig Spaß haben. Wir sehen es auch an den Schülern, die nach einigen Jahren zu uns an die Mittelschule kommen. Das hatten wir bis vor fünf Jahren überhaupt nicht. Je höher die Übertrittsquote, desto häufiger kommt es vor. Leider ist es gar nicht mehr so selten, dass Eltern mit den Lehrerinnen um Punkte streiten, die sie für die besseren Noten für die Probe ihrer Kinder einfordern. Oft befürchte ich schon, dass Lehrkräfte hier in falscher Weise nachgiebig werden, wenn ihnen der Druck zu groß wird. Und dabei ginge es diesen Kindern in der Mittelschule viel besser, an der sie sich genau so anstrengen müssen, dafür aber viel besseren Lernerfolg erreichen können.
Zum Wohle der Kinder ist dieses Lernen unter Druck sicher nicht. Kinder, die eigentlich für eine weiterführende Schule nicht geeignet sind, werden an dieser nur unglücklich sein. Wie wollen Sie aber sicherstellen, dass jedes Kind an die richtige Schule kommt?
Das kann man nicht sicher stellen. Wenn es nur eine Schule gibt, ist es garantiert die Richtige. Das beweist die Grundschule. Sie ist die erfolgreichste Schulart in Deutschland. Bei den internationalen IGLU-Tests ist die Grundschule Bayerns in Europa ganz vorne, warum lässt man da die Kinder nicht und riskiert durch die teure Selektion, dass der ganze Jahrgang dann beim PISA-Test bei den 15-Jährigen weit ins Mittelfeld zurückfällt. Alle Kinder sind völlig unterschiedlich und ich bezweifle, ob es von den Genen her einen „Gymnasiasten“, einen „Realschüler“ oder einen „Hauptschüler“ gibt. Jeder hat Stärken, die meisten auch Schwächen, und die Schule sollte sich auf jedes einzelne Kind einstellen. Wir haben Schüler in der „Hauptschule“, die könnten in Mathematik ganz viele Gymnasiasten in den Schatten stellen, aber sie haben vielleicht eine Schwäche in der Sprache und beim Lesen. So viele Schubladen wir mit immer neuen Schulangeboten auch machen, wir werden damit niemals allen einzelnen damit gerecht. Und immer werden welche an Schulen landen, von denen sie dann leider irgendwann „runter“ müssen, was sehr schmerzhaft und schädlich sein kann.
Dass immer mehr Schüler an weiterführenden Schulen scheitern, gibt zu denken. Wie groß ist die Zahl der Gymnasiasten und Realschüler, die an ihre Haupt- bzw. Mittelschule zurückkehren?
Noch vor einigen Jahren kam das so gut wie nie vor, zuletzt kam es auch bei uns vor, allerdings nur in geringem Maße. Übrigens ist die Mittelschule auch als eine weiterführende Schule definiert.
Wird die Mittelschule künftig zum Auffangbecken für Schüler, deren Eltern die falsche Schule gewählt haben?
So eine Entwicklung zeichnet sich ab, besonders wenn noch mehr Schüler mit nicht ausreichender Eignung übertreten. Oft wechseln diese Schüler in die M-Klassen der Mittelschulen, in der sie dann immerhin den mittleren Schulabschluss und daraufhin eine Berufsausbildung machen oder weiter auf die Fachoberschule gehen. Es gibt M-10-Klassen, in denen sitzen mehr solche „Absteiger“ wie Schüler, die sich über die Mittelschule aufgebaut haben. Grundsätzlich ist so eine Durchlässigkeit und eine neue Chance natürlich gut, aber oft werden Schüler leider auch durch Misserfolge über Jahre hinweg demotiviert und erreichen ihr wirkliches Potenzial nicht mehr. Leider sind wir in Bayern eben auch mit den Wiederholungsschuljahren in Deutschland noch an der traurigen Spitze.
Welche Chancen haben „Rückkehrer“, einen guten mittleren Schulabschluss zu machen?
Im Prinzip haben sie die Begabung, um das zu schaffen. Es kommt darauf an, mit welcher Einstellung und Haltung sie kommen, ob sie die Misserfolge gut verdaut haben oder ob sie schon der Schule und des Lernens „überdrüssig“ geworden sind und mit Verhaltensstörungen reagieren. Wir haben mit den allermeisten sehr gute Erfahrungen gemacht.
Wie könnte für Sie das ideale Schulsystem aussehen?
Es ist nicht schwer, sich ein ideales Schulsystem vorzustellen. Eine Schule, die keine Selektion betreibt, braucht auch keine Noten. Das heißt nicht, dass die Schüler nicht beständig zum Leisten und Lernen angehalten werden und beständig Rückmeldungen über ihre Leistungen und ihren individuellen Lernstand erhalten. Unterricht und Lernen sind kompetenzorientiert, anwendungs- und transferbezogen, kooperatives, teamorientiertes und vor allem eigenverantwortliches Lernen wird großgeschrieben. Die Schlüsselqualifikationen, besonders das Leseverständnis, werden gesichert vermittelt. Es gibt umfassende klar abgegrenzte Lernmodule, klare und messbare Standards in allen wichtigen Bereichen. Schwächer lernende Kinder werden genau gefördert wie sog. „Hochbegabte“ gefordert. Soziales Lernen und Werterziehung stehen ganz oben an. Aber es geht nicht darum, ein Ideal zu erträumen, sondern darum, aus dem jetzt Gegebenen das Beste zu machen. Das kann man im Prinzip an jeder Schule tun, ja sogar im gegliederten Schulsystem. Hier wünschen wir uns von der Öffentlichkeit und den Eltern einfach viel mehr Gelassenheit und Vertrauen in das, was uns als Pädagogen zu Experten macht.
Die Schule soll ein Hort der Erkenntnis, der Erfahrung, der Erziehung und Reifung sein und nicht eine Wettkampfarena um die besten Lebenschancen. Jeder Schüler entscheidet selbst, was er aus seinem Leben macht und niemand hat verloren, nur weil er nach der 4. Klasse „nur“ an die Mittelschule geht. Abgerechnet wird viel später, und da sind tüchtige Handwerker und Facharbeiter nicht unbedingt die „Loser“. Und so mancher Meister und Firmenchef ist eben nicht vom Himmel gefallen, sondern hat an der „Hauptschule“ sein Fundament gelegt. Derzeit jedenfalls gehen die Schulabgänger der Mittelschulen - wie auch die der Realschulen - weg wie die „warmen Semmeln“. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit der unter Zwanzigjährigen in Ostbayern von nur 1,7 % muss niemand bange sein. Andere Länder haben da - trotz höherer Abiturientenquoten - mit einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent Grund zur größten Sorge!