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Montag, 29. Mai 2017 28° 2

Geschichte

Im Holzball quer durch ganz Deutschland

Der Journalist Hubertus Wiendl lässt in Burglengenfeld die verrückte Reise zweier Sportler aus dem Jahr 1932 wiederaufleben.
Von Christa Bach

  • Schüler probierten aus, wie es sich in der Holzkugel der „Ballonauten“ eigentlich wohnen ließ... Fotos: Bach
  • Hubertus Wiendl erklärt anhand von historischen Fotos und Kurzfilmen die Reiseroute der „Ballonauten“.
  • Das Tagebuch der „Ballonauten“ von 1932 gibt interessante Einblicke in die damalige Zeit kurz vor der Machtergreifung Hitlers
  • Auf dieser-“Stempelseite“ befindet sich auch ein Stempel aus Burglengenfeld
  • Hubertus Wiendl zeigt das „Innenleben“ des Holzballs
  • Der große Holzball stellte für die Schüler der neunten Klassen ein greifbares „Fenster zur Vergangenheit“ dar.

Burglengenfeld.Ein riesiger Ball zierte zwei Wochen lang die Aula 2 des Johann-Michael-Fischer-Gymnasiums in Burglengenfeld, neugierig beäugt von erstaunten Besuchern. Die große Holzkugel ist der Nachbau eines aberwitzigen Projekts der Vorkriegsjahre und Mittelpunkt einer neuen Vision: die Ballonauten.

Mitte 2010 fiel dem Regensburger Journalisten Hubertus Wiendl ein dickes Buch in die Hände, das sich als Reisetagebuch zweier Regensburger Sportler, Jakob Schmid und Franz Perzl (später abgelöst durch Georg Grau ) entpuppte, die 1932 mit einer höchst ungewöhnlichen Aktion Arbeitslosigkeit und Untätigkeit entgehen wollten. Mit einem selbst gebauten, etwa 600 Kilo schweren Ball, in dem zwei Betten als Nachtlager eingerichtet waren, durchquerten sie nahezu zweieinhalb mal Deutschland. Sie zogen die Kugel bis zur Ostsee und schoben sie auf den 1500 Meter hohen Wallberg bei Tegernsee; sie besuchten die großen Städte der Republik und erlebten ländliche Armut, bis der Holzball 1933 nahe Ellwangen nach mehr als 3500 Kilometern auseinanderbrach. Burglengenfeld war nach dem Start in Regensburg und Regenstauf die dritte Station der Ballonauten. „Hier wurden wir das erste mal von der Polizei kontrolliert, ob unsere Papiere stimmen! Ist so was nicht lächerlich 20 Kilometer von Regensburg weg?“, schrieben sie in ihr Tagebuch.

Der Traum von der Eröffnung neuer Perspektiven, der Anerkennung der sportlichen Höchstleistung, blieb unerfüllt. Unterwegs jedoch führte Schmid akribisch sein Reisetagebuch, notierte Erlebnisse, klebte Postkarten und eigene Fotos ein, aber auch Schuldscheine und Genehmigungen. Heraus gekommen ist ein – aus heutiger Sicht – zeitgeschichtliches Dokument, das die Jahre bis zur Machtergreifung Hitlers aus der Sicht des Normalbürgers veranschaulicht – und fassbar macht.

Dieses Buch ist nun die Grundlage für das Projekt „Die Ballonauten“ von Hubertus Wiendl. Fasziniert von dieser fantastischen Deutschlandreise und den ungeschminkten Einblicken in eine verdrängte Geschichte reifte der Plan, Schmids Reise zu wiederholen und dabei besonders die Jugend anzusprechen, ihnen die Zusammenhänge, die zur Erstehung der schlimmsten Diktatur aller Zeiten führten, näher zu bringen. Mit Hilfe von Sponsoren baute er die riesige Fußballkugel nach. Während der WM 2014 erfolgte die erste Ausstellung im Auswärtigen Amt in Berlin, danach war sie im Bürgerbüro im Neuen Rathaus in Regensburg zu besichtigen. Die Wiederholung der Reise, das „Reenactment“, startete nun bei den Eröffnungsfeierlichkeiten der Continental-Arena am 19. Juli 2015 in Regensburg. Gleich danach rollte der Ball zum Gymnasium Burglengenfeld, wo die neunten Klassen am 29. Juli einen Projekt-Tag veranstalteten. Zusammen mit Bianca Haslbeck versucht Wiendl, bei den Schülern Interesse zu wecken für eine Zeit, die für die gerade 14-Jährigen kaum mehr präsent ist. Der kuriose Ball bietet sich hier hervorragend als Lockmittel an, die „beliegbare“ Kugel ist ein Faszinosum. Mit Hilfe von fünf Kurzfilmen dokumentiert Wiendl die Reise Schmids und Perzls/Graus, auch Tagebuch, Notizen oder Zeitungsausschnitte bietet er als anschauliche Beispiele einer kaum fassbaren Epoche.

Museal muten Hefte, eng in Sütterlin beschrieben, und schwarz/weiß-Fotos an, entlocken den iPhone-Kids allenfalls ungläubiges Grinsen: Sie schreiben keine Postkarten, sie kommunizieren über WhatsApp, die Notwendigkeit, Erlaubnisscheine der Stadt zu beantragen, ein Wohnmobil zu parken, ist ihnen fremd.

Andererseits, so vermittelt der Journalist den Schülern, könnten die Sportler durchaus auch als moderne Netzwerker gesehen werden: Anstatt Facebook-Gruppen nutzten sie die Kameradschaft der Sportvereine, ihre Aktion ist durchaus vergleichbar mit zeitgemäßen Medienereignissen wie DSDS, ihr Versuch, sich mit dem Verkauf von Postkarten ihres „Wohnmobils“ über Wasser zu halten, erinnert an moderne PR-Aktionen. Trotzdem, des öfteren erfuhren Schmid und Perzl/Grau auch Ablehnung, wurde ihre Aktion letztlich gar als Vagabundentum verpönt – Eigeninitiative, das Ausscheren aus der Masse, erweckte eher Misstrauen, hin und wieder wurden die Reisenden gar verjagt.

Viele Anknüpfungspunkte also für Wiendl, die Situation 1932 und 2015 zu vergleichen: Auch die Schüler erkennen so die Furcht vor Menschen fremdländischer Herkunft, etwa Asylsuchenden, eher als Angst vor dem Unbekannten. Und sie sehen die Parallelen bei den Auslösern, die damals zum Untergang der Weimarer Republik und dem Siegeszug der Nazis führten und heute zur Ablehnung von Flüchtlingen: Angst und wirtschaftliche Not ebnen den Weg zur Radikalisierung.

Eintrag zu Burglengenfeld

  • Reiseteilnehmer:

    Am 10. Mai 1932 waren Jakob Schmid und Franz Perzl von Regensburg aus gestartet. Perzl erhielt später ein Arbeitsangebot der Zuckerfabrik, das er annahm. Seinen Platz nahm Georg Grau ein. Die Reise endete am 14. August 1933 in Ellwangen; da war Schmid schon alleine unterwegs, da es zu einem Zerwürfnis gekommen war.

  • Kugel:

    Die Kugel war im Eigenbau aus Holz gefertigt. Sie hatte etwa zwei Meter Durchmesser und wog 600 Kilogramm. Gezogen wurde sie mittels zweier Brustgurte, die Deichsel diente der Lenkung. Der Innenraum war mit zwei kugelgelagerten Betten bestückt.

  • Tagebuch:

    Das Tagebuch ist bestückt mit über 900 Fotos, Postkarten, Stempeln, Erlaubnisscheinen,

  • Burglengenfeld:

    Am 11. Mai 1932 kamen die „Ballonauten“ nach Burglengenfeld. In ihrem Tagebuch steht dazu: „In Burglengenfeld kamen wir um 1 Uhr mittags an, wo uns die Kinder mit großem Hallo empfingen. Karten verkauften wir wenig, da Burglengenfeld ja bekannt ist als armes Städtchen, hatten wir uns auch keine großen Hoffnungen gemacht.“ (bcb)

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