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Montag, 11. Dezember 2017 4

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Kleidung mit Potenzial zum Skandal

Ob Dirndl mit Totenkopf oder Kurdenkopftuch: Wer das trägt, will Zeichen setzen, zeigt eine Ausstellung in Burglengenfeld.
Von Tanja Rexhepaj, MZ

Die Ausstellung in Burglengenfeld lebt von ihren vielen besonderen Leihgaben.Fotos: Gabi Schönberger

Burglengenfeld.Dass das Wort Charivari nicht nur einen Radiosender bezeichnet, sondern auch eine Schmuckkette, die lange Zeit als Statussymbol getragen wurde, ist für manchen Besucher der Ausstellung „Der Blick auf die Tracht – Kleidung als Zeichen“ im Oberpfälzer Volkskundemuseum Burglengenfeld sicher eine Erkenntnis. Für Museumsleitern Margit Berwing-Wittl waren zwei Hochzeitsfotos aus den Jahren 1896 und 1919 eine Erkenntnis: Beide zeigen frisch vermählte Ehepaare aus der Oberpfalz mit einer Braut im weißen Kleid. „Das hatte ich so noch nie gesehen; zu dieser Zeit trugen die Frauen eigentlich immer schwarze Hochzeitskleider“, sagt die promovierte Volkskundlerin.

Mit ein bisschen Recherche kam sie den weiß gekleideten Bräuten auf die Spur: Beide waren in München als Hauspersonal in Stellung. Und in der Großstadt hatte sich das weiße Kleid bereits durchgesetzt. „Damit haben die beiden Frauen hier auf dem Land bestimmt für Aufsehen gesorgt, wenn nicht gar für einen Skandal“, vermutet Margit Berwing-Wittl. Dass Kleidung, insbesondere auch Trachtenkleidung, in vielen Fällen ein Statement ist, das wird in der Schau in den Räumen des ehemaligen Landratsamtes sehr gut deutlich.

Brautkleid als Statement

Heute werden Trachten nach eigenen Vorlieben kombiniert.

Ein Zeichen setzten beispielsweise vor 30 Jahren die „Biermösl Blosn“ als sie im August 1986 auf dem 5. Anti-WAA-Festival schuhplattelnd in roten Lederhosen mit weißen Herzerln am Burglengenfelder Lanzenanger auftraten. Trachtenträger, die aufbegehren gegen die Obrigkeit, das war damals eine Provokation. „Vor 30 Jahren wäre ja niemand in Dirndl oder Lederhose auf die Dult gegangen“, erklärt Margit Berwing-Wittl. Dass es nunmehr als besonders schick gilt, im Tattoos enthüllenden Kurzarmdirndl mit Totenkopf-Emblem auf Volksfesten zu erscheinen, gehört mit zu den Brüchen, die die Trachtenkleidung im Laufe der Jahrhunderte erlebt hat.

Wie sich in nur knapp hundert Jahren die Mode und ihre Accessoires, insbesondere für festliche Anlässe, geändert hat, zeigen in einer kleinen Vitrine Aufnahmen aus den Jahren 1918/19: Buben an ihrer Erstkommunion wurden ausgestattet mit Hut, Taschenuhr und Zigarette – Insignien der Aufnahme in die Welt der Erwachsenen. Genau das ist ein Pfund, mit dem die Ausstellung in Burglengenfeld wuchern kann: Die zahlreichen privaten Leihgaben, insbesondere Schwarz-Weiß-Fotografien aus dem Atelier Isidor Forster, vermitteln eine persönliche Note und erfüllen die Exponate mit Leben.

Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Land unüblich: Ein weißes Brautkleid

Viele Leihgaben stammen auch aus dem Hause Eichenseer. Das ehemalige Bezirksheimatpfleger-Ehepaar hatte sich seit den 1970er Jahren intensiv für die Trachten-Erneuerung in der Oberpfalz eingesetzt. In Zeiten, in denen Posamentenstickerinnen und Bortenwirkerinnen bereits zu den Berufsgruppen aus der Vergangenheit gehörten, veranstaltete Erika Eichenseer Haubenstickkurse und Nähkurse, in denen sie in „Omas Strickgeheimnisse“ – so der Titel eines von ihr herausgegebenen Buches – einweihte. Eines ihrer beliebtesten Accessoires war der Zeger, eine Tasche, die sie zum Dirndl trug. „Damals konnte man ja nicht mit der Clutch zum Dirndl erscheinen“, sagt Margit Berwing-Wittl.

Zwischen Fund und Erfindung

Heute geht das. Die neuen Trachten bewegten sich zwischen Fund und Erfindung, sagt Margit Berwing-Wittl. Und sie findet es toll, dass heutzutage zum Beispiel der aus Syrien stammende Maler Zuheir Darwish sein rot-weißes Kurdenkopftuch zu weißem Leinenhemd und Lederhose trägt. Das Kopftuch der Muslima hat in der Burglengenfelder Ausstellung übrigens genauso seinen Platz wie das Trikot der Bayern-München-Fans. Mit dieser Bandbreite möchte Margit Berwing-Wittl gerade auch Ausländer ansprechen. Zweimal bereits hat sie gemeinsam mit einer Arabisch-Dolmetscherin eine Führung für Flüchtlinge angeboten. „Das lief sehr kommunikativ ab; die wollten ganz viel wissen.“

Auch für Kinder hat das Volkskundemuseum eigene Angebote rund um die Ausstellung entwickelt: So gibt es noch bis zum 17. Juli die Museums-Rallye, bevor dann in den Sommerferien spezielle Aktionen wie die Beschäftigung mit Kostümen oder das Basteln mit Filz und Leder auf dem Programm stehen.

Museumsleitern Margit Berwing-Wittl erläutert ihren Blick auf das Thema.

Die Ausstellung im Volkskundemuseum Burglengenfeld läuft bis zum 21. August. Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Freitag sowie Sonntag von 14 -17 Uhr und nach Vereinbarung. Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier.

„Tracht im Blick – die Oberpfalz packt aus“ heißt es in diesem Jahr in neun Museen in der Region. Gezeigt wird historische Trachtenmode sowie das Darüber und Darunter.

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