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Pflege

Emils Engel bekommt 650 Euro

Emil Lichtenegger aus Maxhütte ist dement. Zwei Pflegerinnen betreuen ihn. Die Familie findet das Honorar zu niedrig.
Von Marianne Sperb, MZ

  • Emil Lichtenegger ist Jahrgang 1930. Ivetta Kardosova hilft ihm durch eine zunehmend verwirrende Welt: Der alte Herr ist dement. Foto: Sperb
  • Vater und Sohn: Emil Lichtenegger (links) und sein Sohn Albert, der im gleichen Haus wohnt Foto: Sperb

Maxhütte-Haidhof.Emil Lichtenegger ist 86 Jahre alt und er hat zwei Engel an seiner Seite, die ihm beistehen. Der demente alte Herr hat es so weit gut getroffen: Er wird von einem Pflegedienst betreut – zu Hause, bei seiner Familie, nicht im Pflegeheim.

„Die Sache ist zweischneidig“, sagt Sohn Albert gleich am Anfang seines Gesprächs, beim Hausbesuch unseres Medienhauses. Mit den beiden Damen, die sich abwechselnd um seinen Vater kümmern, „sind wir sehr zufrieden“ – aber mit dem System Pflegedienst ist er nicht so einverstanden. Von dem Geld, das für die Pflege fließt, komme zu wenig bei den Betreuerinnen an, findet er: jeweils nur rund 650 Euro netto im Monat.

Der Senior lebte auf

650 Euro – dafür leistet Ivetta Kardosova, die gerade im großen Wohnhaus in Maxhütte-Haidhof Dienst tut, viel. Die 49-Jährige hilft dem Senior beim Aufstehen, sorgt dafür, dass er picobello beim Frühstück sitzt, kocht für ihn, spielt mit ihm Karten, rollt ihn bei schönem Wetter vor die Tür, macht Bewegungsübungen, spricht mit ihm – und ist auch nachts da, wenn Emil Lichtenegger Hilfe braucht.

In ihren jeweils 14 Tagen Dienst am Stück lebt Ivetta Kardosova im Takt ihres Schützlings. Die Sprachhürde flacht langsam ab, das Übersetzungsprogramm am Handy hilft bei der Verständigung. Ausgleich sucht die Frau bei der Arbeit im Garten, die ihr Freude mache. Und inzwischen hat sie auch gelernt, dass man hier, anders als in der Hohen Tatra, keine Bären fürchten muss beim Spazierengehen.

„Seit die Pflegerinnen im Haus sind, geht es meinem Vater viel besser“, sagt der Sohn. „Er nimmt wieder am Leben teil.“ Ohne Betreuung würde er nur im Bett liegen oder am Tisch sitzen, vor sich hin starren und auch das Essen und Trinken vergessen.

„Er ist heute viel besser drauf. Ab und zu spielt er sogar auf seinem Akkordeon einfache Lieder, wie früher.“

Albert Lichtenegger

Der Zustand des alten Herrn verschlechterte sich schlagartig, als vor rund drei Jahren seine Frau starb. Emil Lichtenegger erholte sich kaum mehr von einem Oberschenkelhalsbruch und brauchte einen Rollstuhl. Er wurde vergesslich, erkannte zeitweise auch seine Kinder nicht mehr und konnte keine Viertelstunde mehr alleingelassen werden. Für die Familie – Sohn Albert und seine Frau Martina wohnen im gleichen Haus, eine Schwester ganz in der Nähe – bedeutete das einen Fulltime-Job nebenbei, ohne Freizeit oder Urlaub.

Die Lichteneggers entschlossen sich zu einer 24-Stunden-Pflege. Ein Wohnzimmer im Erdgeschoss der großzügig geschnittenen Familien-Immobilie wurde zum Betreuerinnen-Zimmer umgebaut, die Küche nebenan wurde Schlaf-/Essraum für den Senior. Das Erste, was die neue Hilfe im Haus wissen wollte: Warum ihr Schützling so viele Tabletten nehmen müsse? Die Medikamentierung wurde schließlich umgestellt. Der Witwer lebte auf. „Es ging ihm sehr schnell sehr viel besser“, erinnert sich sein Sohn. „Er ist heute viel besser drauf. Ab und zu spielt er sogar auf seinem Akkordeon einfache Lieder, wie früher.“ Häufig bekommt Emil Besuch von seinem Kumpel Gottfried, der 90 und noch sehr vital ist.

„Gerecht ist das nicht“

Emil Lichtenegger ist im Maxhütter Stadtteil Roding aufgewachsen, auf dem landwirtschaftlichen Anwesen seiner Eltern. Nach dem Krieg gründete er mit dem Vater ein kleines Transportunternehmen, das er ausbaute und später an den Sohn übergab. Er arbeitete ein Leben lang, war noch im hohen Alter tätig und zahlte kontinuierlich für die Rente ein. Trotzdem wäre er heute, ohne Familienverbund, schlecht dran. „Gerecht ist das nicht“, sagt Albert Lichtenegger. Der Staat lasse Pflegebedürftige und Angehörige allein. „Das geht bei der Rente los.“ Und: Der Staat verlasse sich zu sehr darauf, dass die Kinder von Pflegebedürftigen die Situation schon wirtschaftlich irgendwie schultern.

Ivetta Kardosova ist Chemikerin, findet aber in ihrer Heimat in den Karpaten keine Stelle. Die 49-Jährige verdient ihr Geld als Mitarbeiterin eines Pflegediensts. In ihrer Heimat in der Slowakei sind 650 Euro zwar ein ordentlicher Betrag – aber eigentlich, sagt Albert Lichtenegger, müsste die Pflegerin mehr Geld bekommen. Für Wlan-Nutzung etwa würden der Betreuerin 50 Euro im Monat abgezogen, „obwohl das ja eine Leistung ist, die wir als Familie erbringen“. Die öffentliche Hand, sagt der Unternehmer, müsste darauf achten, dass Pflegekräfte besser ausgestattet werden. Denn Pflegedienste handelten seiner Erfahrung nach „im Prinzip wie eine Zeitarbeitsfirma“. „Im Prinzip“, sagt er, „wäre die Arbeit dieser Frauen das Doppelte des Mindestlohns wert.“

Pflegestärkungsgesetz

  • Neue Regelung:

    Die Pflegebedürftigkeit wird ab 2017 neu definiert. Statt des „Hilfsbedarfs in Minuten“ wird künftig etwa gefragt, was Pflegebedürftige noch selbstständig tun können und wobei sie Hilfe brauchen.

  • Leistungen:

    Für die Pflegegrade (künftig fünf) werden als Geldleistung 310 bis 901 Euro pro Monat gewährt, als Sachleistung ambulant 689 bis 1995 Euro, als Sachleistung stationär 125 bis 2005 Euro. Im Detail informieren die Pflegeberater der Krankenkassen.

Emil Lichtenegger rangiert in Pflegestufe II, nach dem neuen Pflegestärkungsgesetz ab 1. Januar 2017 wird er in Pflegegrad 4 eingeordnet. Der Pflegedienst, der ihn versorgt, bekommt als Leistung der sozialen Pflegeversicherung derzeit 1298 Euro im Monat (ab Januar: 1612 Euro). Zusätzlich zahlt die Maxhütter Familie aktuell 1726 Euro im Monat als Eigenanteil an den Pflegedienst. Insgesamt fließen also 3024 Euro (ab Januar: 3380 Euro) für die Rundum-Betreuung des Seniors. Von der Summe kommen bei den beiden Betreuerinnen, die abwechselnd 14 Tage im Monat Dienst tun, jeweils nur 650 Euro an. „Ein Missverhältnis“, sagt Albert Lichtenegger. Der Gesetzgeber, ist sein Wunsch, sollte Privathaushalten gestatten, Pflegerinnen selbst zu beschäftigen und ihnen dafür die Unterstützung gewähren, wie sie bisher auch an die Pflegedienste fließt.

Die Alternative: eine Pflegeagentur

Eine Alternative zum Pflegedienst sind die Pflegeagenturen, die allerdings nicht Vertragspartner der Pflegekassen sind. In dieser Konstellation würden die Lichteneggers ab Januar 2017 mit monatlich 728 Euro unterstützt (bisheriger Satz: 545 Euro), plus 125 Euro an sogenannter Betreuungs- und Entlastungsleistung (bisher: 104 Euro).

Wie die Lichteneggers die Betreuung des Seniors künftig gestalten wollen, ist offen. Wichtig ist der Familie: Der alte Herr soll weiterhin gute Betreuung haben – in seinem Zuhause, bei seiner Familie, nicht im Heim.

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