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Montag, 29. Mai 2017 28° 2

Finnisage

Sensationelle Reise in der Holzkugel

Die Wanderausstellung „Die Ballonauten“ machte Station im Freilandmuseum in Perschen. Sie erinnert an eine einmalige Tour.
Von Christina Röttenbacher

Der Vorsitzende des Arbeitskreis Kultur Regensburger Bürger und Lehrer, Eginhard König (li.) und Kurator Hubertus Wiendl gestalteten die Finissage zur Ballonauten-Ausstellung im Oberpfälzer Freilandmuseum. Foto: hcr

NABBURG.Heute würde man sagen, die beiden Regensburger Sportler Jakob Schmid und Franz Perzl haben vor mehr als 80 Jahren ein abgefahrenes „Road Movie“ hingelegt. Von Juni 1932 bis Mai 1933 zogen, rollten und schoben sie einen 600 Kilogramm schweren Holzball an Brustgurten quer durch Deutschland – mehr als 5000 Kilometer von Nord nach Süd, von Ost nach West. Zu einer Zeit, als in Deutschland Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit herrschten und ein politischer Umbruch bevorstand. Es war eine, für damalige Zeiten sensationelle Aktion, die aber schnell in Vergessenheit geriet, bis der Sohn des noch in den letzten Kriegstagen gefallenen Jakob Schmid gut 70 Jahre später Aufzeichnungen, Tagebucheintragungen, Dokumente und und mehr als 900 Fotos der Ballaktion auf dem Dachboden von Verwandten fand. Die Bedeutung des Fundes wurde erst deutlich, als die Sammlung dem Regensburger Künstler, Filmemacher und Journalisten Hubertus Wiendl in die Hände fiel und er daraus die Wanderausstellung „Die Ballonauten“ zusammenstellte, die nun auf ihrer dritten Station im Oberpfälzer Freilandmuseum zu sehen war.

Die kleine Ausstellung zeigte unter anderem lebensgroße Abbildungen der „echten deutschen Sportsmenschen“, des damals 26-jährigen arbeitslosen Bäckers Jakob Schmid und seines Kameraden, des ebenfalls arbeitslosen Hafenarbeiters Franz Perzl, sowie das acht Kilogramm schwere, lexikondicke Tagebuch. Zudem Genehmigungs- und Reisedokumente und eine Auswahl der von Schmid gemachten Fotos von der Reise. Die Hintergründe für die 16 Monate dauernde Reise in der zu einem kleinen Unterschlupf ausgebauten Holzkugel stellte der Kurator Hubertus Wiendl bei der Finissage noch einmal in den Mittelpunkt. Die Leiterin des Oberpfälzer Freilandmuseums, Dr. Birgit Angerer, begrüßte zudem den Vorsitzenden des Arbeitskreis Kultur Regensburger Bürger und Lehrer, Eginhard König, der zur Darstellung gesellschaftlicher und politischer Zusammenhänge der Ballreise durch Deutschland wichtige Passagen aus dem Tagebuch vorlas. Es sei nicht leicht gewesen, so König einleitend, das in Sütterlinschrift verfasste Tagebuch zu transkribieren. Anschaulich schilderte Hubertus Wiendl die Strapazen, die die Ballonauten auf sich genommen hatten, ihre Verzweiflung im von der Wirtschaftskrise geschüttelten Deutschland, den beginnenden Nationalsozialismus und die verzweifelte Suche nach Perspektive und Arbeit. Franz Perzl fand im Laufe der Ball-Reise eine Anstellung, er wurde deshalb durch den Regensburger Georg Grau ersetzt. Schmids Tagebuchaufzeichnungen und Fotodokumentationen sind zwar wenig politisch, in ihrer Gesamtheit aber ein beeindruckendes Zeitdokument. Hitlers Amtsantritt im Januar 1933 und der aufkeimende Nationalsozialismus hätten in der ländlichen Bevölkerung kaum Beachtung gefunden, in den Städten dagegen sei die Stimmung von Ängsten, Misstrauen und Chaos geprägt gewesen. Nur in Randnotizen kommen NSDAP-Aufmärsche, Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten zur Sprache: „Jeden Tag ein paar Tote, nun, das kann ja lustig werden“. Mit Anekdoten und Nacherzählungen von Vorkommnissen aus dem Tagebuch rundete der frühere Seminarlehrer für Geschichte an einem Regensburger Gymnasium, Eginhard König, die Finissage ab.

Bisherige Stationen

  • Berlin und Regensburg:

    Nach der Ausstellung der Ballonauten im Auswärtigen Amt in Berlin während der WM 2014 und der Ausstellung im Bürgerbüro im Neuen Rathaus in Regensburg startete das Reenactment (die Wiederholung der Reise) bei den Eröffnungsfeierlichkeiten der Continental-Arena in Regensburg am 19. Juli.

  • Im Landkreis Schwandorf:

    Vom 21. bis bis 30. Juli war die Ausstellung zu den Ballonauten im Johann-Michael-Fischer-Gymnasium Burglengenfeld zu sehen. Die 9. Klassen veranstalteten dazu einen Projekt-Tag. Nächste Station war dann während der Sommerferien im Oberpfälzer Freilandmuseum in Neusath.

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