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Sonntag, 23. Juli 2017 23° 8

Filmmusik

Das Instrument, das Hitchcock verehrte

Beim „Zwickl“ in Schwandorf erklingt das Trautonium. Nur wenige beherrschen den Urahn des Synthezisers so wie Peter Pichler.

  • Peter Pichler (l.) und sein Trautonium bei der Live-Vertonung von „A Voyage to the Moon“, die auch in Schwandorf aufgeführt wird.
  • Peter Pichler in seinem Studio

Schwandorf.Was erwartet die Besucher bei Ihrem Auftritt am 26. September?

Zunächst einmal ein außergewöhnlicher Musikbeitrag in Kombination mit Film – mit einzigartigen Klängen. Auf dem Instrument, ausgestattet mit einer oder zwei Saiten und elektronischen Bestandteilen, wurden in den dreißiger Jahren erstmals elektronische Klänge hörbar. Es entstehen ganz spezielle Klänge, weil das Instrument keine Tastatur hat, sondern durch die Saite, die man auf eine Metallschiene drückt, ein glissandoartiger Ton entsteht, in Kombination mit bestimmten, durch einen „subharmonischen Generator“ zugeschalteten Klängen. Dadurch entstehen Töne, die nur das Trautonium kann. Pro Saite können vier Töne zugeschalten werden. Sie stammen aus dem Obertonbereich, was immer ein bisschen „falsch“ klingt. Man kann das auch mit Effekten kombinieren. Was dabei herauskommt, ist sehr außergewöhnlich, und es merkt auch ein ungeschultes Ohr, dass da irgendwas nicht „stimmt“. Dass es nicht nachmachbar und mit irgendeinem anderen Instrument vergleichbar ist.

Was fasziniert Sie an diesem Instrument?

Zunächst einmal das Unverwechselbare. Die Töne können nicht im Internet erzeugt und nicht gesampelt werden. In Zeiten der Gleichmacherei in der Musik ist das wunderbar, dass es da noch etwas gibt, was ein bisschen anders ist und nicht bei Youtube rauf und runter läuft. Dass es in gewisser Weise verschollen ist und ich das Glück habe, es wieder zum Leben erwecken zu dürfen.

Was kann das Trautonium, was der Computer nicht kann?

Es wurde ja für klassische Stücke gebaut. Es gibt ganz viele Kompositionen für das Trautonium, zum Beispiel von Carl Orff oder Paul Hindemith. Das ist der zweite Reiz für mich, der ich ein klassisches Studium absolviert habe. Dadurch, dass es technisch so einzigartig ist, kannst du eine Aufführung nicht kopieren, nicht nachmachen. Du brauchst dieses Manual, also die Saite, die du in unterschiedlicher Intensität auf die Schiene drückst, und da entstehen ganz spezielle, einzigartige Konstruktionen.

Wie sind Sie persönlich auf das Trautonium gekommen?

Ich habe zufällig Aufnahmen von Oskar Sala, dem Entwickler des Instruments gehört, und da wusste ich sofort: Das ist der Wahnsinn. Ich hatte das Glück, Oskar Sala noch persönlich kennenzulernen. Ich habe ihn mehrere Male in seinem Studio in Berlin besucht.

Was war das für ein Typ? Ein Eigenbrötler und Tüftler?

Extremer Eigenbrötler und extrember Tüftler. Man muss aber dazu sagen, das war eine ganz andere Generation von Musikern (Oskar Sala lebte von 1910 bis 2002, die Red.). Sala gab ja schon als Zwölf-Jähriger Klavierkonzerte. Als ich ihn 1996 besuchte, war er schon sehr eigen, die Unterhaltung war ganz schwierig. Es war schier unmöglich, als Musikstudent auf Augenhöhe mit ihm zu reden. Aber mich hat das halt brennend interessiert. Und er hat mir auch einige Sachen gezeigt. Ich war auch auf einem Konzert mit ihm und durfte auf seinem Instrument spielen. Aber es herrschte auch eine große Distanz zwischen dem Professor, der sich jahrzehntelang intensiv mit dieser Art Musik beschäftigt hat und einem interessierten Studenten.

Ihren berühmtesten Auftritt hatten Oskar Sala und sein Trautonium in Alfred Hitchcocks Grusel-Klassiker „Die Vögel“. Die schrillen Töne der außer Rand und Band geratenen Killervögel bleiben jedem im Gedächtnis haften, der den Film gesehen hat. Hat Sala bei Ihrer Begegnung erzählt, wie es zu der Zusammenarbeit mit dem deutschen Musikprofessor und dem Hollywood-Regisseur kam?

„Die Vögel“ sind natürlich der Höhepunkt des Trautoniums, deshalb vertone ich den Film auch öfter live auf dem Trautonium. Auch in Schwandorf werden zehn Minuten daraus zu sehen und zu hören sein. Oskar Sala hat bei Paul Hindemith studiert, und ein Kommilitone ging später nach Amerika und komponierte dort Filmmusik für die Universal-Studios. Oskar Sala hat mit dem zusammen 1950 eine Ballettaufführung in New York inszeniert. So hielten die beiden Kontakt, und dann war es reiner Zufall, dass dieser Filmkomponist den Hitchcock kannte und der ihn eines Tages fragte, ob er nicht jemand kenne, der synthetische Töne von Vögeln produzieren könne, die gewöhnlichen Töne reichten für seine Zwecke nicht aus. Wer das machen könnte? So etwas konnte damals, Anfang der sechziger Jahre, nur Oskar Sala machen. Hitchcock ist damals sogar nach Deutschland geflogen zu ihm. Er wollte sich das ganz genau anschauen und hat die Tonproduktion abgenommen. Die Geräuschkulisse des Films besteht tatsächlich nur aus Trautonium-Klängen, vor allem aus Effekten. Das konnte nur Oskar Sala. Da waren die Amis sehr begeistert. Und auch Hitchcock. Sala lieferte ihm die Lösung für sein Problem. Durch die synthetischen Vogelstimmen wird die furchtbare Kälte, die von den Tieren ausgeht, noch eindrucksvoller. Der Zuschauer merkt: Da stimmt etwas nicht, wodurch das Ganze noch verstörender wirkt. Einfach grandios.

Wenn das Trautonium so faszinierende Töne von sich gibt – warum ist es dann eine Randerscheinung geblieben?

Alle haben gedacht, das ist die Zukunft der Tasteninstrumente, das ist der neue Sound. Es wurde dann versucht, das Trautonium fürs Heim in Serie zu bauen. Telefunken hat viel Geld investiert und es eine Zeitlang hergestellt –in Kriegszeiten! Es gab sogar die Möglichkeit, das Instrument zu leasen, weil es relativ teuer war. Es war eine finanzielle Katastrophe, eine totale Pleite. Heute gibt es mit Jürgen Hiller weltweit nur einen Hersteller. Dazu kommt, dass das Trautonium, wenn man es ernst damit meint, schwierig zu spielen ist. Und es ist teuer – auch deshalb, weil die elektronischen Bausteine gar nicht mehr produziert werden. Durch die Digitalisierung ist die analoge Bauweise weggefallen. Was dazukommt: Das Instrument ist sehr filigran. Da gibt kein Hersteller eine Garantie drauf. Die Schiene und die Saite sind sehr anfällig und kompliziert herzustellen. Da muss man immer auf der Hut sein. Es ist eine Rarität, und das wird es auch bleiben.Interview: Reinhold Willfurth

Das Trautonium

  • Die Filme:

    „A Voyage to the Moon“ heißt der Dokumentarfilm über die erste Mondlandung 1969, den Peter Pichler am 26. September ab 19.30 Uhr im Alten Metropolkino live an seinem Trautonium vertont. Zu sehen und zu hören sind auch Szenen aus dem Film „Die Vögel“.

  • Der Komponist:

    Beide Filme hat der Komponist, Musiker und Trautonium-Entwickler Oskar Sala vertont. Beim Studium an der Hochschule für Musik kam Sala Anfang der dreißiger Jahre mit Friedrich Trautwein in Kontakt und entwickelte zusammen mit diesem das Trautonium, das erste elektronische Instrument der Musikgeschichte.

  • Über 300 Filme vertonte Sala, vom Hollywood-Klassiker bis zum preisgekrönten Industriefilm.

  • Der Interpret:

    Der Musiker, Arrangeur und Theatermacher Peter Pichler war sofort fasziniert von der Aura, der Klangfarbe und Dynamik des Instruments, als er es zum ersten Mal in einem Film entdeckte. Der Münchener Multiinstrumentalist gründete 1979 eine Punkband und absolvierte eine klassische Musikausbildung, u. a. am Mozarteum in Salzburg.

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