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Sonntag, 17. Dezember 2017 5

Freizeit

Eine Tour durch die Vergangenheit

Bei einer Felsenkellerführung erlebt man Schwandorfer Geschichte hautnah. Das Labyrinth ist immmer einen Besuch wert.
Von Nina Brolich

Die Teilnehmer der Felsenkellerführung bestaunen die Deckenmuster. Das Gestein ist 170 Millionen Jahre alt.Foto: sni

Schwandorf.Wenn man bei sommerlichen Temperaturen, die an der 30-Grad-Marke kratzen, in das Felsenkeller-Labyrinth unter der Stadt Schwandorf hinabsteigt, kommt es einem vor, als würde man eine andere Welt betreten. Dort herrscht ganzjährig eine Temperatur von acht bis zehn Grad. Kein Laut des oberirdischen Treibens dringt durch die dicke Felsendecke hinab. Zurecht spricht Gästeführer Christian Ferstl davon, in das Labyrinth „einzutauchen“. Dieses ist stummer Zeitzeuge verschiedenster Epochen der lokalen Geschichte.

Nach dem Abstieg beginnt Ferstl, von der Anfangszeit der Felsenkeller in Schwandorf zu erzählen. Um 1500 wurden die ersten Kellerräume per Hand in den Eisensandstein des Weinbergs geschlagen. Anlass hierfür war die Entwicklung des Herstellungsverfahrens von untergärigem Bier, für das die Temperaturen in den Felsenkellern ideal geeignet sind. Die Schremmspuren an den Wänden zeugen vom enormen Arbeitsaufwand, der in vorindustriellen Zeiten zur Schaffung der Keller notwendig war. „Voraussetzung zum Bierbrauen war persönliche Freiheit“, erläutert Ferstl. So waren die ersten Felsenkeller der bürgerlichen Schicht vorbehalten.

Boomphase als Bierkeller

Nachdem der Westfälische Friede 1648 den Dreißigjährigen Krieg beendet hatte, avancierte Bier zum Volksgetränk Nummer eins. „Damit begann auch in Schwandorf eine Boomphase der Felsenkeller“, sagt Ferstl. Ab Anfang des 19. Jahrhunderts fiel das Braugewerbe einer Art frühen Privatisierung zum Opfer – der bayerische König wollte es nicht mehr finanzieren. So gründeten sich Kommunbraugesellschaften, an denen sich in Schwandorf 1812 bereits 80 Bürger beteiligten. Man kann deshalb davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt bereits 80 Felsenkeller existierten. Heute sind es 130.

Mit der Industrialisierung begann die sekundäre Nutzungsphase der Schwandorfer Felsenkeller. Carl von Linde machte bahnbrechende Erfindungen auf dem Gebiet der Kühlsysteme, so dass untergärige Bierherstellung auch unabhängig von geologischen Begebenheiten möglich wurde und die Felsenkeller ihre Notwendigkeit verloren. Später wurden sie von Händlern als Lagerräume verwendet.

Ab 1931 drang regelmäßig eine Diebesbande in die unterirdischen Gewölbe ein und verband sieben der Kellersysteme und damit 60 Räume, indem sie Abmauerungen und natürliche Felswände durchbrachen. Erst dadurch entstand das heutige „Labyrinth“. Die damals geschaffenen Durchgänge sind die Basis für die moderne Felsenkellerführung. Als man den Ursprung des Übels noch nicht kannte, entstanden Spukgeschichten rund um die Felsenkeller.

Geister waren Kellerdiebe

„Man hörte immer ein Klopfen aus dem Berg, wenn die Diebe die Wände durchbrachen, und erzählte den Kindern, es wäre ein Geist“, sagt Ferstl. Als man der Sache dann doch auf den Grund kam und die jungen „Kellerdiebe“ auf frischer Tat ertappte, kamen sie relativ glimpflich davon: acht Monate Gefängnisstrafe wurden in Bewährung umgewandelt. In den Kellergewölben kann man ihr Werk noch bestaunen. Teilweise sind es nur enge Spalte, ob derer man die Athletik der Plünderer bewundern muss, teilweise handelt es sich aber auch um relativ komfortable Durchgänge mit in den Stein gehauenen Treppen. Ferstl vergleicht das Ganze mit dem Spiel „Super Mario“: Beim Durchqueren der Systeme wechselten die Kellerdiebe zwischen verschiedenen Ebenen und schufen dabei auch vertikale Durchgänge durch die teils dreistöckigen Kellersysteme.

„Man hörte immer ein Klopfen aus dem Berg, wenn die Diebe die Wände durchbrachen, und erzählte den Kindern, es wäre ein Geist.“

Gästeführer Christian Ferstl

Viele der Felsenkellerdecken werden von Stützpfeilern getragen, die man bei der Aushöhlung hat stehen lassen. Als Ferstl in die Gruppe fragt, welchem Tier die Pfeilerform ähnelt, antwortet eines der teilnehmenden Kinder: „Einem Blumenkohl!“. Ein anderes weiß die richtige Antwort: Ferstl hat auf einen Elefanten angespielt. Im nächsten Raum gibt es laut Ferstl „für die Frauen Dekorationstipps für den Haushalt.“ Von der Decke hängt hier ein Vorhang aus Wurzeln von oberirdischen Pflanzen.

Eine der letzten Stationen der Tour ist das Buchmann-Kellersystem, das der Bierbrauer professionell ausbauen ließ. So finden sich hier Überreste einer bleiernen „Bierpipeline“, mit der sich Buchmann die Gefälle innerhalb der Räume zunutze machte. Nachdem 1944 Nittenau bombardiert worden war, richtete die NSDAP von Januar bis April 1945 im Buchmann-System Luftschutzbunker ein. Als nur wenige Tage später, am 17. April 1945, ein britisch-kanadisches Bombergeschwader mehrere 100 Tonnen Bomben auf die Stadt abwarf und damit etwa 70 Prozent ihrer Gebäude zerstörte, suchten etwa 4000 Schwandorfer Zuflucht in den Felsenkellern und blieben dort zwei Wochen. Lediglich zwei Schächte zur Erdoberfläche stellten die Frischluftversorgung sicher, Platz war Mangelware. Ferstl bringt die ganze 27-köpfige Gruppe dazu, sich in einen kleinen Raum zu stellen – eine beklemmende Situation. Es lässt sich erahnen, wie es den Schwandorfern in der Bombennacht ergangen sein muss.

Viele Ausflugstipps finden Sie auch auf Mittelbayerische Maps:

Das Gefühl, der Geschichte ganz nahe zu sein, begleitet die Teilnehmer während der ganzen Führung. Die einzigartige Atmosphäre in Bayerns größtem Felsenkeller-Labyrinth lässt 500 Jahre Schwandorfer Vergangenheit lebendig werden. Interessant sind die Keller auch aus geologischer Sicht: Mehrere Millionen Jahre haben einzigartige Muster in den Eisensandstein gezeichnet. Während der eineinhalbstündigen Tour wird es nie langweilig: Anschaulich und zugleich humorvoll bringen die ehrenamtlichen Gästeführer der Stadt den Teilnehmern interessante und vielfältige Informationen zu Schwandorfs „Unterwelt“ nahe.

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Preise, Termine und Anmeldung

  • Varianten:

    Die Stadt Schwandorf bietet reguläre Führungen an, die Stadtmaus Regensburg hat Erlebnisführungen mit Schauspielern im Programm.

  • Termine:

    Die Führungen finden im August und September täglich statt. Die Termine für Oktober, November und Dezember 2016 sowie die Uhrzeiten sind unter anderem online einsehbar.

  • Kosten:

    Für eine reguläre Führung zahlen Erwachsene fünf Euro, ermäßigt kostet die Führung drei Euro. Ein Familienticket kostet zwölf Euro. Die Erlebnisführung mit der Regensburger Stadtmaus kostet für Erwachsene zehn, ermäßigt acht und für Familien 25 Euro.

  • Gruppenführungen:

    Gruppenführungen gibt es nach Terminvereinbarung für 60 Euro, für Schulklassen und Behindertengruppen für 25 Euro. Die Regensburger Stadtmaus verlangt für Gruppenführungen 320 Euro.

  • Treffpunkt:

    Treffpunkt ist das Tourismusbüro (Kirchengasse 1).

  • Anmeldung:

    Einzelteilnehmer können sich unter Tel. (0 94 31) 4 55 0 im Tourismusbüro anmelden. Die Anmeldung für Gruppenführungen erfolgt unter Tel. (0 94 31) 4 51 24 oder per E-Mail an tourismus@schwandorf.de.

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