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Schwandorf
Donnerstag, 25. Mai 2017 18° 4

Portrait

„Jetzt ist meine Heimat in Schwandorf“

Mahmut Cem ist zufrieden mit seiner Arbeit, mit seiner „guten Frau“ und seinen Kindern. Nur Erdogan macht ihm Sorgen.
Von Elisabeth Hirzinger

Mahmud Cem ist aus dem Schwandorfer Stadtbild kaum wegzudenken. Die Stadt ist für den 48-jährigen Kurden zur Heimat geworden. Seine Kinder fühlen sich als Deutsche. Foto: Hirzinger

SCHWANDORF.Tag für Tag schiebt Mahmut Cem seinen orangen Müllwagen durch die Straßen der Stadt. Er kommt nur langsam vorwärts. Behutsam setzt er immer wieder die Zange an und pickt Zigaretten auf. Unzählige Kippen, die in den Fugen der Pflastersteine stecken. Der Müll stört ihn nicht. Der 48-jährige gebürtige Kurde sieht das ganz pragmatisch. „Ich muss sauber machen“, sagt er ernst, „ich verdiene Geld“.

Mahmut Cem ist Straßenreiniger bei der Stadt. Und er nimmt seinen Beruf sehr ernst. Für ihn ist es kein reiner Brotjob. Nein, „das macht Spaß“, versichert Mahmut Cem, der seit 1999 bei Wind und Wetter für Sauberkeit in der Stadt sorgt. Es ist immer die gleiche Runde.

Mahmut Cem beginnt in der Naabuferstraße. Langsam füllt sich der Wagen. Am Montag, erzählt der freundliche Straßenkehrer, ist es am schlimmsten. Da bringt er auf seinem Weg über die Friedrich-Ebert-Straße, die Wackersdorfer Straße, Bahnhofstraße, Klosterstraße bis zum Adolf-Kolping-Platz drei Wagen Müll zusammen. Dabei käme es Mahmut Cem nie in den Sinn, jemanden, der Müll wegwirft, darauf anzusprechen. Das stehe ihm nicht zu, meint der freundliche Bauhofmitarbeiter, der seine Aufgabe darin sieht, Müll zu beseitigen und nicht erzieherisch auf Umweltsünder einzuwirken.

„Leberkäse esse ich fast jeden Tag.“

Mahmut Cem

Mahmut Cem lässt seinen Blick über den Marktplatz schweifen, der ihm mittlerweile so vertraut ist, wie die Orte in seiner Heimat. 1995 hat er Dersim, eine große Stadt in der Türkei, verlassen und ist mit 24 Landsleuten auf der Ladefläche eines Lkw nach Deutschland gekommen. Drei Tage waren sie unterwegs, erinnert sich Mahmut Cem. Umgerechnet 4000 Deutsche Mark hat er damals dafür bezahlt. Das waren seine ganzen Ersparnisse. Drei Jahre hat es gedauert, bis er als Asylbewerber anerkannt war.

Den Tag, an dem er die Anerkennung als deutscher Staatsangehöriger bekam, vergisst Mahmut Cem nicht. „Du bist auch noch türkischer Staatsangehöriger“, habe ihn der Beamte damals aufgeklärt. Aber Mahmut Cem wollte kein Türke mehr sein. Er hat das der zuständigen Behörde auch gleich geschrieben, aber bis heute keine Antwort erhalten. Egal, Mahmut ist Deutscher und Schwandorfer. Und ein echter Lokalpatriot.

Die Liebe kam im Urlaub

In der kleinen Stadt in der Oberpfalz, wo jeder jeden kennt, fühlt sich Mahmut Cem wohl. Er ist hier angekommen. Eine Frau und zwei Kinder machen sein privates Glück perfekt. Fatma, erzählt Mahmut Cem, habe er 2004 bei einem Urlaub in der Türkei kennengelernt und ein Jahr später geheiratet. Sie sei „eine gute Frau“, sagt Mahmut und lächelt. Er hätte gar nicht mehr erwähnen müssen, dass er „sehr zufrieden“ ist. Dieses Gefühl steht ihm ins Gesicht geschrieben.

Sein größter Stolz sind seine beiden Söhne, Aras (drei Jahre alt) und Azad (acht Jahre alt). Für sie tut er alles. Seine Kinder sollen einmal die Chance haben, eine weiterführende Schule zu besuchen. Deshalb hat er den Ältesten auch an einer privaten Grundschule angemeldet. Das sei zwar „ein bisschen teuer“, sagt Mahmut und lächelt. Aber Geld sei nicht alles. Und irgendwann, philosophiert der Straßenreiniger, lande jeder im Friedhof und „das Geld bleibt da“.

Mahmut Cem hat Prioritäten gesetzt. Seine Arbeit, die ihm so viel Spaß macht, will er machen, bis er in Rente geht. „Da kommt nix anderes in Frage“. Und dann wird er in Schwandorf bleiben, zumindest „hauptsächlich“. Natürlich werde er, wie auch jetzt schon, regelmäßig in die Türkei fahren und dort „Mama und Papa“ besuchen. Auf Dauer dort bleiben möchte er nicht mehr.

In Schwandorf integriert

Schon allein wegen Erdogan und seiner Politik. Erdogan macht dem Familienvater Angst. Mahmut Cem neigt nicht dazu, mit seiner Meinung hausieren zu gehen. Aber bei dem Stichwort Erdogan wird er emotional. „Der spinnt“, sagt Mahmut und schüttelt energisch den Kopf. Er kann jeden verstehen, der nicht mehr in die Türkei fahren will.

Mahmut Cem hat es nie bereut, dass er nach Deutschland gekommen ist. Natürlich hatte er als junger Mann Heimweh und hat an seine Eltern viele Briefe geschrieben. „Aber jetzt ist meine Heimat hier“, sagt Mahmut Cem mit einer Entschlossenheit, die keinen Zweifel zulässt. Hier, in Schwandorf, fühlt sich der 48-jährige Bauhofmitarbeiter wohl – und integriert. In seinem Wohnblock sei er der einzige Ausländer unter lauter Deutschen, erzählt Mahmut schmunzelnd. Bei der Beschreibung seiner Nachbarschaft gerät Mahmut Cem ins Schwärmen: Alle Menschen seien nett und freundlich und hilfebereit. Überhaupt habe er in Schwandorf „noch keine schlechten Leute kennengelernt“. Der junge Kurde, der hierher kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen, hat sich von Anfang an akzeptiert gefühlt.

Seine Augen beginnen zu leuchten, als er von seiner Kollegin Hannelore Wopperer erzählt, die ihn mütterlich aufgenommen habe und ihm über so manche Sprachbarriere geholfen habe, die für ihn Formulare ausfüllte und Briefe tippte. Zehn Jahre hat er mit ihr zusammengearbeitet. Für Mahmut Cem ist sie einfach „ein guter Mensch“.

Alles für die Kinder

Fatma und Mahmut Cem sind fleißige Leute. Mahmut arbeitet an fünf Tagen in der Woche als Straßenreiniger und an den Wochenenden jobbt er noch in einer Waschanlage. Und wenn er abends Zuhause ist und auf die Kinder aufpassen kann, geht Fatma putzen. Die beiden tun das nicht, um sich einen besonderen Luxus leisten zu können. Sie tun das alles für ihre Kinder, damit Azad und Araz mal eine weiterführende Schule besuchen können. Mahmut selbst war nur fünf Jahre in der Schule und hat danach seinem Vater in der Landwirtschaft geholfen. Er möchte, dass seine Jungs die bestmögliche Bildung bekommen. Die Voraussetzungen dafür sind schon mal nicht schlecht: Azad geht gerne in die Schule, erzählt der Papa stolz und die Lehrerin sei sehr zufrieden mit ihm.

Auf der Suche nach einem passenden Hintergrund für das Pressefoto sind wir von Mahmuts üblichen Weg abgekommen. Wir steuern seinen Lieblingsplatz an, den Marktplatz. Hier sitzt er gerne mit seiner Frau im Café. Mahmut Cem lässt den Blick zufrieden über die gute Stube der Stadt schweifen. Dann lächelt er, beinahe ein bisschen verlegen. Mahmut Cem hat auf der anderen Straßenseite seine Frau mit seinem jüngsten Sohn entdeckt. Die beiden kommen kurz herüber auf die Fußgängerinsel am unteren Marktplatz. Aras strahlt und streckt seine Arme aus. Papa hebt den Kleinen aus dem Buggy und eine glückliche Familie nimmt Aufstellung für ein Erinnerungsfoto in ihrer Heimatstadt.

Deutscher geht`s kaum

Mahmut, Fatma, Azad und Aras Cem sind keine Fremden mehr. Sogar den Essgewohnheiten der Oberpfälzer haben sie sich angepasst. „Leberkäse esse ich fast jeden Tag“, sagt Mahmut Cem, der auch Schweinebraten mit Knödel kochen kann. Deutscher geht’s kaum.

„Papa, ich bin Deutscher“, sagt Sohnemann Azad immer wieder, als ob er sich vergewissern wollte, dass Mama und Papa auch so denken. Den Kindern, die beide in Schwandorf geboren wurden, geht es wie ihrem Vater: Sie sind in Schwandorf zuhause. Wenn sie einmal im Jahr zu Besuch bei den Großeltern in der Türkei sind, wollen sie nach ein paar Tagen zurück, nach Hause, dort wo ihre Freunde sind.

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